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StartseiteKalenderblattSelbstironischer alter Drachen19.08.2013

Selbstironischer alter Drachen

Vor 150 Jahren wurde die Schauspielerin Adele Sandrock geboren

Adele Sandrock ist als komische Alte in den Filmkomödien der 30er-Jahre auf Zelluloid verewigt. Dass sie als junge Schauspielerin eine Pionierin der Theaterkunst war oder forderte, dass auch Frauen Regie führen sollten, ist weniger bekannt.

Von Eva Pfister

Adele Sandrock hatte sich ihr Leben lang nach ihrer Glanzzeit in Wien zurückgesehnt.  (picture alliance / dpa / ALI SCHAFLER)
Adele Sandrock hatte sich ihr Leben lang nach ihrer Glanzzeit in Wien zurückgesehnt. (picture alliance / dpa / ALI SCHAFLER)

"Wie weit kamen Sie mit meinem Mann?" – "Lassen Sie mich in Ruhe. Ich kenne Ihren Mann nicht." – "Lügnerin!" – "Ich sage die Wahrheit, so wahr mir Jupiter helfe." – "Ich werde meinem Mann nicht erlauben, Ihnen zu helfen." - "Jupiter, Ihr Mann?" – "Na, das sage ich doch die ganze Zeit!"

Im deutschen Film der 30er-Jahre war Adele Sandrock berühmt als "alter Drache". In weit über hundert Streifen spielte sie herrische Tanten, tyrannische Großmütter und eifersüchtige Göttinnen, wie die Juno in der musikalischen Komödie "Amphitryon – Aus dem Himmel kommt das Glück". Die Schauspielerin, die ihr Leben lang als ebenso selbstbewusste wie streitbare Persönlichkeit aufgefallen war, bewies damit auch Mut zur Selbstparodie.

Adele Sandrock kam am 19. August 1863 in Rotterdam zur Welt als drittes Kind eines deutschen Kaufmanns und einer holländischen Schauspielerin. Nach Anfängen in Moskau, Berlin und Budapest erlebte sie 1889 im Theater an der Wien ihren Durchbruch in einem Stück, dessen Hauptrolle sie erst zwei Wochen vor der Premiere übernommen hatte. Das Publikum feierte sie und das Deutsche Volkstheater in Wien bot ihr sofort einen Fünfjahresvertrag. Mit 26 Jahren war die Sandrock schon eine Diva, und als solche porträtierte sie Arthur Schnitzler in seinem Skandalstück "Der Reigen":

Schauspielerin: "Du hast viel versäumt."
Dichter: "So."
Schauspielerin: "Es war sensationell. Die Menschen sind blass geworden."
Dichter: "Hast du das deutlich bemerkt?"
Schauspielerin: "Benno sagte: Kind, du hast gespielt wie eine Göttin."
Dichter: "Hm! Und vorgestern noch so krank."
Schauspielerin: "Jawohl; ich war es auch. Und weißt du warum? Vor Sehnsucht nach dir."
Dichter: "Früher hast du mir erzählt, du wolltest mich ärgern und darum hast du abgesagt."
Schauspielerin: "Ach, was weißt du von meiner Liebe zu dir! Dich lässt das ja alles kalt, aber ich bin schon nächtelang im Fieber gelegen, 40 Grad!"

Die leidenschaftliche Affäre zwischen Adele Sandrock und Arthur Schnitzler begann, als sie in seinem Stück "Das Märchen" die Hauptrolle übernahm. Niemand sonst wollte diese "gefallene" Frau spielen, die zwei Liebesverhältnisse hinter sich hat und dennoch nicht vor Reue zusammenbricht, sondern mit erhobenem Haupt ihren Weg geht: 1893 ein Skandal, nach zwei Vorstellungen wurde das Stück abgesetzt! Für Schnitzler kam der Durchbruch erst mit "Liebelei", das am Burgtheater ein großer Erfolg wurde – wieder mit der Sandrock in der Hauptrolle. Aber da hatte sich Schnitzler von der eigenwilligen Diva schon wieder abgewandt, - zu ihrem großen Leidwesen.

"Ach du zehnfach erstarrter Eisbär, Du. Das Wort Liebe ist noch nicht bis zu Dir gedrungen, sonst könntest Du einen solchen Frevel nicht begehen. Jetzt muss ich aber den Brief schließen und Du ihn mir verzeihen. Ich habe 120 Pulsschläge in der Minute, das ist kein Zustand mehr. Ja, so zerstört halt der große geniale Arthur Doktor Schnitzler ein Menschenleben."

Am Wiener Hofburgtheater brillierte Adele Sandrock in großen tragischen Rollen wie Lady Macbeth oder Medea. Ihre Darstellungskunst war unbestritten, aber durch ihr launisches Wesen eckte die Schauspielerin oft an. So verlor sie ihr Engagement am Burgtheater ebenso wie später das am Deutschen Theater Berlin. Jahrelang feierte sie Erfolge auf Gastspielreisen, begab sich mit Rollen wie der Kameliendame oder Hamlet erfolgreich in Konkurrenz zu Sarah Bernhardt. Sie versammelte ein eigenes Ensemble um sich und setzte die Stücke nach ihren Bedürfnissen selbst in Szene, denn sie sah nicht ein, dass nur Männer Regie führen könnten. Nach der Jahrhundertwende aber begann ihr Stern zu sinken, während des Ersten Weltkriegs musste sie sogar richtiggehend hungern. Da nahm sie ein Angebot in dem neuen, noch schief angesehenen Medium des Stummfilms an. Und dem Film verdankte sie dann auch ihre zweite große Karriere; sie wurde als komische Alte ungemein populär und auch auf Schallplatten verewigt, etwa mit "Adele auf dem Witwenball":

"Darf ich bitten, mein Herr?" – "Wie finden Sie, dass ich tanze?" – "Aber ausgezeichnet" – "Man hat ja schließlich noch ein wenig Blut in den Adern. Ach, ich war einmal riesig temperamentvoll."

Adele Sandrock hatte sich ihr Leben lang nach ihrer Glanzzeit in Wien zurückgesehnt. Als sie am 30. August 1937 starb, wurde sie auf eigenen Wunsch in Wien beigesetzt.

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