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StartseiteSpielweisenEin Flügel als Jukebox05.09.2018

Selbstspielsystem SpirioEin Flügel als Jukebox

Ein Flügel, der von selbst spielt - das ist nicht neu. Aber ein Flügel, der detailgetreu alte Aufnahmen wiedergibt, extrem hochaufgelöst, das ist neu. Das kann Spirio, ein Flügel von Steinway&Sons. Nur: Wer kauft sich so ein Instrument? Und lässt dann Horowitz im Wohnzimmer spielen?

Von Jonas Zerweck

Ein Blick in die Steinway-Werkstatt in Hamburg.  (Jonas Zerweck)
Auf dem Rahmen, dem sogenannten "Rim" wird bereits gekennzeichnet, ob dieser Flügel ein Spirio wird oder nicht. (Jonas Zerweck)
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Musik: Träumerei - Robert Schumann

Schumanns "Träumerei", gespielt von Vladimir Horowitz, 1986 in Moskau. Eine legendäre Aufnahme.
Vor kurzem dann im Klavierhaus Maiwald in Kamen: Ich stehe vor einem Flügel, der genau Horowitz' Interpretation aus Moskau spielt – aber von alleine! Die Tasten bewegen sich auf und ab. Die Hämmer schlagen wie gewohnt gegen die Saiten.
Ungewohnt dagegen, dass auf dem Notenpult ein Tablet steht und synchron den Konzertmitschnitt zeigt. Aber obwohl es offensichtlich Horowitz' Interpretation ist, klingt sie hier doch etwas anders:

Musik: Träumerei - Robert Schumann (Spirio spielt wie Horowitz)

Der Raum klingt natürlich anders, in der alten Aufnahme hört man die abgenutztere Klaviermechanik und der Ton ist etwas weicher. Die neue Wiedergabe der alten Interpretation kommt von "Spirio" – Steinway&Sons' Selbstspielsystem. Mit einem speziellen Verfahren hat Steinway aus alten Filmaufnahmen Horowitz' Spiel rekonstruiert und digitalisiert. Ist ein Flügel mit dem System ausgerüstet, kann er die Interpretation detailgetreu wiedergeben.

Technik für selbstspielende Klavier existiert seit 100 Jahren

Man mag sich wundern über so einen ungewöhnlichen Flügel. Doch neu ist die Idee nicht: Selbstspielende Klaviere gibt es seit über 100 Jahren. Und auch heutzutage haben Steinways Konkurrenten Bösendorfer und Yamaha eigene Selbstspielsysteme.
Von ihnen unterscheidet sich Spirio vor allem dadurch, dass es das hochauflösendste System ist. Mit maximal 1020 Dynamikstufen und einer Geschwindigkeit von 800 Signalen pro Sekunde kann der Flügel spielen – angesteuert über Bluetooth vom Tablet aus. Thorsten Dehning baut das System in der Hamburger Steinway Werkstatt in die Flügel ein.

"Von dem Empfänger gehen dann die Signale zum Steuergerät und da werden sie dann gesplittet, entweder beide Zylinder, ein für die Verschiebung, ein für die Dämpfung und zu der Magnetleiste, da hat jede Taste einen Magnetschalter, einen Stößer und die werden dann dementsprechend angesteuert."

88 kleine Elektromagnete bewegen mithilfe der Stößer die Tasten und schlagen so die Saiten über die normale Klaviermechanik an. Damit weder der Klang noch die Möglichkeit selbst auf dem Flügel zu spielen beeinträchtigt wird, achtet Thorsten Dehning sehr darauf, dass alles ganz fest sitzt.
Die Musik-Bibliothek des Spirio umfasst mittlerweile über 3000 Titel und wird regelmäßig erweitert: Sie umfasst alle Genres, gespielt von Klavier-Legenden oder heutigen Pianisten. Für Spirio-Kunden ist diese Musikmediathek kostenlos, genauso wie das notwendige Tablet. Der Flügel selbst kostet allerdings zwischen 100.000 und 125.000 € – je nachdem, welches Modell man wählt. Knapp 25'000 € machen davon das Selbstspielsystem aus. Klar also: Dieses Instrument wendet sich vor allem an Menschen mit einem sehr hohen Einkommen.

Neue Kundenschicht

Steinway versucht damit den eher gesättigten Klavier-Markt zu erweitern und neue Kunden zu erreichen. Während Käufer bisher meist eine sehr direkte Verbindung zum Klavierspiel mitgebracht haben, werden nun auch Kunden erreicht, die nur einen kleinen oder sogar keinen Bezug haben, erläutert Thomas Hoffarth, Spirio-Manager bei Steinway in Hamburg.

"Wenn man jetzt sagt, das sind Klavierspieler oder Nicht-Klavierspieler sind wir doch kurz über der Hälfte, wo doch irgendjemand in der Familie Klavier spielt."

Vor allem Nordamerika stehe von jeher selbstspielenden Klavieren sehr offen gegenüber, den zweitgrößten Markt biete China, direkt gefolgt von Europa. Und die Nachfrage steige stetig an: Weltweit habe Steinway seit Anfang 2016 deutlich über 1000 Spirio-Flügel verkauft. Damit ist Spirio für das Unternehmen mittlerweile eine wichtige Einnahmequelle: Bei insgesamt circa 1300 Flügeln, die Steinway jährlich produziert, liege der Spirio-Anteil derzeit bei rund 40%. Beinahe die Hälfte aller verkauften Steinway-Flügel sind also mittlerweile Spirios.

Erster Eindruck der musikalischen Vorlieben der Käufer

Wo die musikalischen Vorlieben der Käufer dieser neuen Steinway-Flügel liegen, deuten die am öftesten abgespielten Stücke an.

Thomas Hoffarth: "Also wir haben eine Vorstellung, was am meisten so abgespielt wird. Und das ist ein sehr, interessantes Ergebnis. Es gibt doch sehr viele, die auch dann mal einen Popsong hören. Wenn es z.B. Versionen gibt von den Beatles oder von Adele, oder was auch immer. Das wird sehr gerne gehört."

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Es scheinen also weniger die absoluten Klassikhörer zu sein, die die Spirio-Käuferschaft dominieren: Phasenweise komme es mal vor, dass so viel Klassik wie Popmusik abgespielt wird.

Ein Feature fehlt einigen Kunden anscheinend noch, berichtet Thomas Hoffarth.

"Wir haben den Wunsch aus dem Markt, dass man sich auf dem Spirio aufnehmen möchte und wiedergeben möchte, wahrgenommen und wir nehmen ihn ernst."

Die Qualität, mit der Steinways Spirio Aufnahmen wiedergibt, ist bemerkenswert. Durch den großen Resonanzboden und den Körperschall, der durch die Beine des Flügels über den Boden in den Zuhörer schwingt, kommt sie einer wirklichen Aufführung deutlich näher als die bloßen Tonaufnahmen. Es entsteht ein authentisches Musikerlebnis. Das bedeutet aber nicht, dass automatisch der Originalklang wiedergeben wird, denn das Abspielinstrument, seine Größe, sein Alter und sein Zustand unterscheiden sich immer vom Original – genauso wie der Raum, in dem die Aufnahme stattfindet und der auf die Pianisten immer einen Einfluss hat. Für eine möglichst authentische Klangwiedergabe bleibt uns weiterhin die Tonaufnahme.

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