Selftracking"Wer bin ich denn eigentlich?"

Bewegung allein reicht nicht – viele Menschen wollen mithilfe digitaler Technik stets ihre Körperdaten messen. Sportsoziologin Nikola Plohr, die den Selftracking-Trend erforscht hat, sagte im Dlf, Gesundheit und Körper seien "mehr als die Summe aller Zahlen, die wir erheben können".

Nikola Plohr im Gespräch mit Sören Brinkmann | 13.01.2021

Rückansicht eine Frau im Fitnesstudio, die auf ihre Smartwatch schaut. Auf der Schulter rechts hat sie mehrere Tätowierungen.
Mit der Smartwatch können die Körperdaten ständig kontrolliert werden (imago / Westend61)
In der Corona-Pandemie wollen sich viele Menschen durch Bewegung fit halten und entdecken vor allem das Joggen neu. Doch einigen reicht es dabei offenbar nicht aus, nur die Laufschuhe zu schnüren. Gleichzeitig wollen sie ihren eigenen Körper vermessen – vom Puls, über die zurückgelegten Schritte bis hin zur Atemfrequenz.
Beim sogenannten Selftracking werden mithilfe digitaler Technik alle möglichen Eigenschaften des Körpers erfasst und ausgewertet. Unzählige Fitness-Tools, Smartwatches und Apps sind zu diesem Zweck auf dem Markt.

Selftracking im Selbstversuch

Die promovierte Sportsoziologin Nikola Plohr hat den Trend des Selftrackings über mehrere Jahre hinweg beobachtet. In ihrem Buch "Was ist Selftracking? Eine Autoethnografie des vermessenen Selbst" beschreibt sie, welchen Einfluss das Messen von Körperdaten auf Alltagsbewegung und Trainingspläne hat – ausgehend von eigenen Erfahrungen mit dem Fitness-Armband und ihren Eintragungen in einem Tracking-Tagebuch. Plohr lehrt und forscht an der Universität Hamburg.
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Sören Brinkmann: Haben Sie selbst ein tägliches Lauf- oder Fitness-Ziel?
Nikola Plohr: Nee. Tatsächlich seit Abschluss meiner Dissertation und meines Forschungsprojektes zu diesem Thema habe ich kein zahlenbasiertes Ziel mehr für mich festgelegt. Also, ich bewege mich sowieso im Alltag sehr viel, mir ist Sport sehr, sehr wichtig, mich viel zu bewegen. Aber ich habe tatsächlich des Selftracking, also die Praxis, konkret für mein Bewegungsverhalten aufgegeben.
Brinkmann: Warum? Weil Ihnen die Vermessung des eigenen Körpers zu weit geht?
Plohr: Ja, das auf jeden Fall zum einen. Und auch weil ich sagen muss, dass ich doch die Beobachtung gemacht habe bei mir, dass mir diese Spürfähigkeit des Körpers wichtiger ist, als der ständige Blick gen Uhr. Also, das war meine persönliche Erfahrung damit, dass dann doch mit der Zeit, so der Blick sehr oft gen Uhr ging und ich mich dann doch auch diesen Diktat der Zahl sehr stark unterworfen habe und weniger darauf gehört habe: was ist denn jetzt heute eigentlich für mich gut? Und wann reicht es auch?

"Auf den Körper hören"

Brinkmann: Ist das vielleicht schon ein grundlegendes Problem? Dass man im Grunde der Technik überlässt, wann der Puls zu hoch ist oder man zum Beispiel ausreichend gelaufen ist, ausreichend sich bewegt hat, anstatt einfach auf den eigenen Körper zu hören?
Plohr: Ja. Also, das würde ich auf jeden Fall sagen. Wobei man natürlich auch sagen muss, dass dieses einfach auf den Körper hören, natürlich auch eines Trainings bedarf beziehungsweise erstmal einer gewissen Routine vielleicht bedarf und auch einer gewissen Achtsamkeit dem eigenen Körper gegenüber. Und ich würde gar nicht sagen, dass Selftracking da immer kontrainduktiv ist. Also man kann auch über das Selftracking langsam dahin kommen, dass man dann so für sich verinnerlicht hat: Okay, das sind jetzt 10.000 Schritte, das fühlt sich für mich so und so an. Und ich setze mich dann auf eine bestimmte Art und Weise wieder zu diesem vorgegebenen Ziel ins Verhältnis. Aber – wie gesagt – ich persönlich habe bemerkt, dass ich eigentlich diese doch gewisse Doktrin mit der Zeit der Zahl nicht mehr fair finde, auch sozusagen meinem individuellen Tagesempfinden gegenüber. Weil: die Zahl ist immer gleich, aber wie sich mein Körper anfühlt, das ist eigentlich jeden Tag anders.
Brinkmann: Aber liefern wir uns irgendwie Geräten aus, digitalen Geräten?
Plohr: Ja, bis zu einem gewissen Maße tun wir das sicher alle. Also, wenn wir jetzt ein Smartphone besitzen, was ja auch zum Teil gar nicht mehr unsere eigene Wahl ist oder sein kann, weil es zum Beispiel durch Arbeitsverhältnis oder dergleichen vorgegeben ist, dass wir diese Erreichbarkeit bedienen müssen, dann geben wir natürlich auch ein Stück zweit Verantwortung ab, beziehungsweise wir müssen uns Verhalten zudem Bedingtheiten, die durch digitale Endgeräte im vorgegeben sind.

Tracking-Armband als ständiger Begleiter

Brinkmann: Was glauben Sie: Woher kommt dieser Reiz, dass viele Menschen den Puls kontrollieren, die Schritte zählen und all das?
Plohr: Ja, das ist eine sehr individuelle Frage. Aber was ich beobachten konnte über die Jahre, aus der Eigenbeobachtung, aber auch aus Interviews und dergleichen gezogen habe, ist, dass eine große Faszination ist, Wissen über sich selbst anzusammeln und dieses Wissen über sich selbst, vielleicht eine gewisse Selbstvergewisserung zu spüren. Das ist eine, die sich dann im Selftracking zahlenbasiert ausdrückt. Dahinter steht aber, glaube ich, eine ganz, ganz tiefe menschliche Frage danach ‚wer bin ich denn eigentlich?‘ Und ‚wer will ich sein?‘ Und auch ‚wer kann ich sein im Verhältnis wieder zu anderen?‘
Brinkmann: Würden Sie denn sagen, das kann wirklich helfen? Oder – da sind wir noch mal bei dieser Überlegung, eher auf das innere Selbst zu hören oder auf die Geräte. Was glauben Sie, was kann da wirksamer sein?
Plohr: Am Ende würde ich immer sagen, dass die innere Stimme die entscheidende ist und dass auch eine Beobachtung aus dem Selftracking ist, dass diese innere Stimme dann zuweilen überlagert wird oder überformt wird von so Selbstnarrationen, die sich ständig in diese Zahlengefüge einspannen. Also im Sinne von: heute bin ich soundso viele Schritte gelaufen, gestern waren es aber doch soundso viele. Und dieser innere Monolog, der kann sich dann schnell, stark, wirklich nur noch mit diesem Selftracking befassen. Das ist eine Gefahr. Es gibt aber auch User*innen, die sich davon distanzieren können und die das Tracking-Armband mitlaufen lassen und wo es gar nicht eine entweder-oder-Entscheidung sein muss, sondern das Selftracking vielleicht ein weiteres Tool ist, um sich mit diesem Innenleben und mit dieser Art und Weise, wie man zu sich selbst und zu seinem Umfeld steht, auseinanderzusetzen.

Selftracking - die zahlenbasierte Selbstvermessung

Brinkmann: Sie haben wissenschaftlich zu dem Thema gearbeitet, können Sie auf einen Punkt bringen: Was genau ist Selftracking?
Plohr: Ja, auf einem Punkt gebracht – und damit schließe ich mich eigentlich auch der allgemeine Definition an – ist Selftracking ein Sammelbegriff für Praktiken digitaler Selbstvermessung. Etwas komplexer beschrieben, würde ich sagen, ist Selftracking eine Praxis, bei der man über die Beschäftigung mit digitalen Technologien und zahlenbasierter Selbstvermessung in ein Verhältnis zu sich selbst und zu seinem Umfeld tritt und dabei eben auch bestimmte Bedingtheiten in Kauf nehmen muss.
Brinkmann: Was Sie aber auch beschreiben, ist, dass ja ganz oft dieses Vermessen mit konkreten Zielen verbunden ist. Das heißt, man steckt sich das Ziel, soundso viele Schritte zu laufen, bestimmte Gesundheitsparameter sozusagen zu erreichen. Aber das Problem gleichzeitig, wenn ich Sie richtig verstehe, ist ja, dass jedem Ziel immer auch ein neues Ziel folgt. Das heißt, im Grunde ist das immer dies Streben nach ‚noch besser, noch höher, noch weiter‘.
Plohr: Genau. Also ich glaube, da unterscheiden sich so mindestens zwei Gruppen von Selftrecker*innen. Die einen, die sich selbst schon Ziele gesteckt haben, bevor sie anfangen mit der Praxis und zum Beispiel sagen: ich habe hier sowieso meinen Trainingsplan für einen Halbmarathon zum Beispiel. Oder ich habe das Ziel, einen Halbmarathon zu laufen. Und ich nutze das Selftracking-Tool, um mich auf diesen Wettkampf vorzubereiten. Und dann gibt es die Gruppe, die sich an den vorgegebenen Zielen durch die App oder durch das Armband orientiert und sagt: okay, das Armband sagt, ich bin fit und gesund, wenn nicht so viele Schritte jeden Tag laufe; also mache ich das jetzt und orientiere mich daran. In beiden Fällen ist die Gefahr, dass sich diese Ziele eben immer verschieben und dass es eigentlich kein Ankommen gibt. Also das Selftracking-Armband und auch die ganze Logik hinter diesen Apps und Angeboten ist nicht, dass man irgendwann das Gerät zur Seite legt und sagt: okay, jetzt bin ich perfekt und jetzt bin ich super, so wie ich bin, sondern wie gesagt, das Ziel verschiebt sich. Und da sehe ich auch eine große Problematik. Gerade auch wenn man jetzt das ganze Thema mentale Gesundheit und dergleichen mit dazu nimmt und sich fragt: wann bin ich dann endlich mal gut genug, wann reicht es denn.
Brinkmann: Denn Gesundheit heißt zum Beispiel ja noch nicht, dass ich soundso viele Schritte am Tag mache…
Plohr: Richtig, genau. Also Gesundheit ist ein sehr individueller Wert. Und ich würde auch immer sagen, dass Gesundheit und auch der Körper immer mehr ist als die Summe aller Zahlen, die wir da erheben können.

"Normierung von Körperlichkeit"

Brinkmann: Geht es dabei auch um eine Disziplinierung des Körpers dann?
Plohr: Ja, auf jeden Fall. Also gerade aus diesem Selbstexperiment kann ich sagen, dass ich diese Disziplinierung dann auch, je länger man sich damit befasst und je mehr man sich auch auf diese Praxis des Selftrackings einlässt, dass sie umso mehr greift. Also das habe ich an mir selber erfahren, dass man wirklich nach und nach sich dazu verleiten lässt, dann auch aufzuspringen, wenn die Uhr vibriert und sagt: so, jetzt machen Sie noch soundso viele Schritte, dann haben Sie Ihr nächstes Stundenziel erreicht oder so. Also es gibt so eine Zurichtung von Bewegung und damit eben auch eine Normierung von Körperlichkeit.
Brinkmann: Ich kann mir vorstellen, dass es dann ja auch gerade zu einem mentalen Problem werden kann und zu einer Gefahr, dass man im Grunde während des Strebens nach Gesundheit im Grunde die mentale Gesundheit ein bisschen hinten rüber wirft.
Plohr: Ja, es gilt natürlich nicht für alle. Ich denke, es gibt viele auch, die damit einen lockeren, fast spielerischen Umgang pflegen und den auch behalten. Und das Armband läuft mit und nimmt nicht diesen relevanten Stellenwert ein. Und doch wirkt das natürlich auf irgendeine Art und Weise immer, sonst bräuchte man es ja überhaupt nicht mehr. Und die Gefahr ist, denke ich, so eine Überbetonung dieser nominierten und auch in Zahlen übersetzten Körperlichkeit, die sich eben anbietet, dadurch, dass das Tracking-Armband dann auch im Alltag am Handgelenk getragen wird und zu jeder Zeit auch Einfluss nehmen kann auf das, was man gerade tut.

Viele Daten müssen preisgegeben werden

Brinkmann: Zum einen ist das natürlich ein riesiger Markt – all diese Fitnessprodukte und was damit zusammenhängt. Andererseits ist natürlich eine entscheidende Frage: was passiert mit all den Daten, die wir da ganz gerne Preis geben?
Plohr: Auf jeden Fall. Wir müssen sie preisgeben, weil wir ansonsten gar nicht an dieser Praxis partizipieren können. Das ist zumindest jetzt noch der Fall, und ich sehe da auch leider im Moment noch keine Tendenz in die andere Richtung. Man könnte ja auch ein Tracking-Armband oder eine App gestalten, bei der die Daten nicht zwingend an Drittanbieter weitergegeben werden müssten. Diese Entwicklung gibt es aber im Moment noch nicht. Das heißt, ein erster Punkt zum Datenschutz wäre auch in dem Zusammenhang, dass man überhaupt genauer wissen müsste, für wen und auch für welche Zwecke werden die Daten eigentlich verwendet. Und interessanterweise tritt – und auch erschreckenderweise für mich – diese Frage, wenn man die Praxis erst einmal begonnen hat, sehr leicht in den Hintergrund, weil man eben ganz zu Beginn diese Häkchen selbst, um überhaupt partizipieren zu können, um das Armband überhaupt nutzen zu können. Und dann hat man einmal die Häkchen gesetzt und vergisst es wieder und es ist dann nicht mehr präsent. Und das verschwindet so ein bisschen. Und trotzdem wird natürlich fleißig gesendet. Und wer am Ende genau davon profitiert, bleibt eben immer noch ziemlich im Dunkeln.
Nikola Plohr: "Was ist Selftracking? Eine Autoethnografie des vermessenen Selbst"
Transcript Verlag Bielefeld, 2021. 252 Seiten, 45 Euro.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.