Gute Mädchen kommen in den Himmel - böse überall hin! Und da Cora, die Schöne, und Maja, das Biest, zur zweiten Kategorie gehören, kommen sie überall hin: Nach Frankfurt, Darmstadt und Freiburg, in die WG, ins Altenheim und ins Luxushotel, und schließlich, zum krönenden Abschluss, zwar nicht in den Himmel, aber in den Himmel auf Erden: in die wunderschöne toskanische Villa mit Blick auf Schwimmbad und Olivenhain.
Wer Ingrid Noll kennt, Deutschlands bekannteste und erfolgreichste Krimi-Autorin, kennt möglicherweise auch schon das dreiste Damen-Duo Maja und Cora. Zum ersten Mal tauchten sie auf im zweiten Roman der Weinheimer Bestseller-Autorin, in "Die Häupter meiner Lieben". Dort trieben sie - noch blutjung - in einer herrlich bösartigen Mordgeschichte ihr unverschämtes Unwesen. Sahen sie sich damals doch gezwungen, ein klitzekleines - zufälligerweise männliches - Problem sachgerecht und unauffällig unter den Terracotta-Fliesen einer toskanischen Villa zu entsorgen. Dass auch dieses Mal wieder jemand ins Jenseits befördert werden muss, darauf lässt der Titel des neuen Noll-Romans schließen: Selige Witwen.
Es sind die Frauen, die einen Mordsspaß und die Männer, die das Nachsehen haben in Ingrid Nolls Romanen. Dem Genre Frauenkrimi hat die Autorin mit einigen ihrer Titel ebenso spannende wie psychologisch interessante Exemplare hinzugefügt. Wobei das Geschäft des Mordens bei ihr niemals bluttriefend-brutal betrieben wird, sondern fröhlich-frech und voll skurillem, manchmal auch schwarzem Humor - und übrigens immer straffrei ausgeht. Wenn sie überhaupt jemanden nennen muß - dann ist Patricia Highsmith Ingrid Nolls Vorbild. Und der Erfolg ihrer Krimis, die - wie "Die Apothekerin" - z.T. über ein Jahr auf den Bestsellerlisten standen, lässt sie als würdige Erbin der großen amerikanischen Autorin gelten. Dazu die Autorin:
"Immer wieder höre ich, wie man abfällig über junge Erben urteilt. Die Leute haben ja keine Ahnung, wie mühsam es ist, an den Nachlass eines reichen Mannes zu kommen. Mit kaum 20 Jahren hatte Cora einen Millionär geheiratet, und wir hatten sofort unsere gesamten Talente dafür eingesetzt, ihn so schnell wie möglich unter die Erde zu bringen. Coras Reichtum gründet auf Mut, Kreativität und der Gewißheit, in mir eine ebenbürtige und schnell entschlossene Freundin zu haben."
Maja und Cora, inzwischen zweiundzwanzig und immer auf der Suche nach Männern und Moneten, fahren von Florenz nach Darmstadt, um Coras Großmutter zu besuchen, die im Sterben liegen soll. Doch während sich die alte Dame schnurstracks erholt und wieder ihrem Liebhaber Hugo zuwendet und Cora sich mit ihrem Vetter aus dem Staub macht, wird Maja, die Erzählerin, in haarsträubende Abenteuer verwickelt. Sie stiehlt mit Kathrin (der mit dem Damenbart), wertvolle alte Gemälde aus der Wohnung von deren Ehemann, wird entführt, misshandelt und natürlich wieder befreit. Dann entdeckt sie - natürlich wieder bei einem Einbruch - eine tote Schwarze und eine ausgebeutete Thailänderin, bringt indirekt - mit der inzwischen abgekühlten Cora - einen Jogger um und kann zum Schluss sogar großmütig auf einen Mord verzichten. Denn: das potentielle Opfer, eine ebenso dürre wie reiche - natürlich! - Amerikanerin, überlässt Maja freiwillig, im Tausch gegen eines der Ölbilder, das Objekt ihrer Begierde: jene traumhafte toskanische Villa.
Je hektischer das Geschehen um die schlussendlich drei "Seligen Witwen" sich entwickelt, desto mehr lässt die Spannung nach. Und je unübersichtlicher die Story weitergeht, desto mehr fehlen Höhepunkte oder wirkliche Überraschungen. Nicht Logik oder Psychologik bringt Ordnung in den verknäuelten Handlungsfaden, nein, zu viele Zufälle ziehen ihn immer wieder einmal stramm. Und das bunte Völkchen aus der Darmstädter Wohngemeinschaft, das den männermordenen Mädels hilft, den Dickwanst und den Dandy zur Strecke zu bringen, erweist sich bald als bieder, brav und blutleer. Wirklich plastisch werden nur die beiden alten Leutchen Charlotte und Hugo, bekannt schon aus dem Roman "Kalt ist der Abendhauch" und seiner wunderbaren Verfilmung mit Gisela Trowe und Heinz Bennent:
"Die Besuchszeit war um. Charlotte sollte diesmal nur eine knappe Stunde bleiben, da ihre Visiten den alten Hugo anstrengten und aufwühlten. Aus Hugos Zimmer drang dünner Gesang. Ich packte Felix fest an der Gürtelschlaufe, damit er nichts übereilte.
(Hugo sang: Ich bin nur ein armer Wandergesell, Gute Nacht, liebes Mädel, gut' Nacht!
Und Charlotte fuhr fort Und muß ich morgen früh wieder weg, dann nehm' ich Erinn'rung als einziges Gepäck!)
Mit Tränen der Rührung in den Augen und Felix an der Hand trat ich ein. Das Altenmusical war ebenso komisch wie kitschig, aber ich ahnte, daß es hier Gefühle gab, die ich bis jetzt nur für mein Kind und noch nie für einen Mann empfunden hatte."
Geht es einerseits um dunkle Drogengeschäfte und Mädchenhandel, Entführung und Erpressung, dann andererseits - wie zur Erholung - auch um Kunst und kulturelle Werte. Ingrid Noll, die sich in ihrem Roman "Röslein rot" als Kunstkennerin outete, versteht es, den Leser wie nebenbei mit Brocken aus dem traditionellen Bildungskanon zu versorgen: mit Boccaccios Decamerone und einem Gemälde von Matisse, Michelangelo und Raffael. (Ein schlechtes Gewissen braucht er also nicht zu haben, wenn er sich ausnahmsweise und verschämt einmal der Lektüre eines Krimis hingibt.) Und damit auch noch des Lesers Lust am Luxus befriedigt wird, fährt das Dream-Team um Cora und Maja standesgemäß Ferrari und schlürft genüsslich Champagner.
Ingrid Noll lässt in ihrem neuen Roman ihre sonst so blühend-bösartige Phantasie kaum zum Zuge kommen. Stattdessen bedient sie gerade jene gesellschaftlichen Klischees von WG-Chaos und Witwenwonnen, denen sich viele ihrer früheren Figuren leichtfüßig, aber unbeirrbar entzogen. Auch ihr locker-flockiger Ton ist nur selten wirklich witzig, häufig eine Spur zu munter. Fazit: Horror und Humor kommen dieses Mal einfach zu kurz. Oder, wie Patricia Highsmith vielleicht gesagt hätte: Ingrid Noll not at her best!
Wer Ingrid Noll kennt, Deutschlands bekannteste und erfolgreichste Krimi-Autorin, kennt möglicherweise auch schon das dreiste Damen-Duo Maja und Cora. Zum ersten Mal tauchten sie auf im zweiten Roman der Weinheimer Bestseller-Autorin, in "Die Häupter meiner Lieben". Dort trieben sie - noch blutjung - in einer herrlich bösartigen Mordgeschichte ihr unverschämtes Unwesen. Sahen sie sich damals doch gezwungen, ein klitzekleines - zufälligerweise männliches - Problem sachgerecht und unauffällig unter den Terracotta-Fliesen einer toskanischen Villa zu entsorgen. Dass auch dieses Mal wieder jemand ins Jenseits befördert werden muss, darauf lässt der Titel des neuen Noll-Romans schließen: Selige Witwen.
Es sind die Frauen, die einen Mordsspaß und die Männer, die das Nachsehen haben in Ingrid Nolls Romanen. Dem Genre Frauenkrimi hat die Autorin mit einigen ihrer Titel ebenso spannende wie psychologisch interessante Exemplare hinzugefügt. Wobei das Geschäft des Mordens bei ihr niemals bluttriefend-brutal betrieben wird, sondern fröhlich-frech und voll skurillem, manchmal auch schwarzem Humor - und übrigens immer straffrei ausgeht. Wenn sie überhaupt jemanden nennen muß - dann ist Patricia Highsmith Ingrid Nolls Vorbild. Und der Erfolg ihrer Krimis, die - wie "Die Apothekerin" - z.T. über ein Jahr auf den Bestsellerlisten standen, lässt sie als würdige Erbin der großen amerikanischen Autorin gelten. Dazu die Autorin:
"Immer wieder höre ich, wie man abfällig über junge Erben urteilt. Die Leute haben ja keine Ahnung, wie mühsam es ist, an den Nachlass eines reichen Mannes zu kommen. Mit kaum 20 Jahren hatte Cora einen Millionär geheiratet, und wir hatten sofort unsere gesamten Talente dafür eingesetzt, ihn so schnell wie möglich unter die Erde zu bringen. Coras Reichtum gründet auf Mut, Kreativität und der Gewißheit, in mir eine ebenbürtige und schnell entschlossene Freundin zu haben."
Maja und Cora, inzwischen zweiundzwanzig und immer auf der Suche nach Männern und Moneten, fahren von Florenz nach Darmstadt, um Coras Großmutter zu besuchen, die im Sterben liegen soll. Doch während sich die alte Dame schnurstracks erholt und wieder ihrem Liebhaber Hugo zuwendet und Cora sich mit ihrem Vetter aus dem Staub macht, wird Maja, die Erzählerin, in haarsträubende Abenteuer verwickelt. Sie stiehlt mit Kathrin (der mit dem Damenbart), wertvolle alte Gemälde aus der Wohnung von deren Ehemann, wird entführt, misshandelt und natürlich wieder befreit. Dann entdeckt sie - natürlich wieder bei einem Einbruch - eine tote Schwarze und eine ausgebeutete Thailänderin, bringt indirekt - mit der inzwischen abgekühlten Cora - einen Jogger um und kann zum Schluss sogar großmütig auf einen Mord verzichten. Denn: das potentielle Opfer, eine ebenso dürre wie reiche - natürlich! - Amerikanerin, überlässt Maja freiwillig, im Tausch gegen eines der Ölbilder, das Objekt ihrer Begierde: jene traumhafte toskanische Villa.
Je hektischer das Geschehen um die schlussendlich drei "Seligen Witwen" sich entwickelt, desto mehr lässt die Spannung nach. Und je unübersichtlicher die Story weitergeht, desto mehr fehlen Höhepunkte oder wirkliche Überraschungen. Nicht Logik oder Psychologik bringt Ordnung in den verknäuelten Handlungsfaden, nein, zu viele Zufälle ziehen ihn immer wieder einmal stramm. Und das bunte Völkchen aus der Darmstädter Wohngemeinschaft, das den männermordenen Mädels hilft, den Dickwanst und den Dandy zur Strecke zu bringen, erweist sich bald als bieder, brav und blutleer. Wirklich plastisch werden nur die beiden alten Leutchen Charlotte und Hugo, bekannt schon aus dem Roman "Kalt ist der Abendhauch" und seiner wunderbaren Verfilmung mit Gisela Trowe und Heinz Bennent:
"Die Besuchszeit war um. Charlotte sollte diesmal nur eine knappe Stunde bleiben, da ihre Visiten den alten Hugo anstrengten und aufwühlten. Aus Hugos Zimmer drang dünner Gesang. Ich packte Felix fest an der Gürtelschlaufe, damit er nichts übereilte.
(Hugo sang: Ich bin nur ein armer Wandergesell, Gute Nacht, liebes Mädel, gut' Nacht!
Und Charlotte fuhr fort Und muß ich morgen früh wieder weg, dann nehm' ich Erinn'rung als einziges Gepäck!)
Mit Tränen der Rührung in den Augen und Felix an der Hand trat ich ein. Das Altenmusical war ebenso komisch wie kitschig, aber ich ahnte, daß es hier Gefühle gab, die ich bis jetzt nur für mein Kind und noch nie für einen Mann empfunden hatte."
Geht es einerseits um dunkle Drogengeschäfte und Mädchenhandel, Entführung und Erpressung, dann andererseits - wie zur Erholung - auch um Kunst und kulturelle Werte. Ingrid Noll, die sich in ihrem Roman "Röslein rot" als Kunstkennerin outete, versteht es, den Leser wie nebenbei mit Brocken aus dem traditionellen Bildungskanon zu versorgen: mit Boccaccios Decamerone und einem Gemälde von Matisse, Michelangelo und Raffael. (Ein schlechtes Gewissen braucht er also nicht zu haben, wenn er sich ausnahmsweise und verschämt einmal der Lektüre eines Krimis hingibt.) Und damit auch noch des Lesers Lust am Luxus befriedigt wird, fährt das Dream-Team um Cora und Maja standesgemäß Ferrari und schlürft genüsslich Champagner.
Ingrid Noll lässt in ihrem neuen Roman ihre sonst so blühend-bösartige Phantasie kaum zum Zuge kommen. Stattdessen bedient sie gerade jene gesellschaftlichen Klischees von WG-Chaos und Witwenwonnen, denen sich viele ihrer früheren Figuren leichtfüßig, aber unbeirrbar entzogen. Auch ihr locker-flockiger Ton ist nur selten wirklich witzig, häufig eine Spur zu munter. Fazit: Horror und Humor kommen dieses Mal einfach zu kurz. Oder, wie Patricia Highsmith vielleicht gesagt hätte: Ingrid Noll not at her best!