Montag, 16. Mai 2022

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Sellars macht ein "wirklich spirituelles Musiktheater"

Kulturjournalist Jörn Florian Fuchs sagt, dass Peter Sellars einen Hang zu weiblichen Erlösungsfiguren habe. Das habe der amerikanische Regisseur in Madrid auch deutlich herausgearbeitet. Zudem setzte er einen ganz "spezifischen Gestenapparat" ein.

Jörn Florian Fuchs im Gespräch mit Michael Köhler | 15.01.2012

Michael Köhler: Die lyrische Einakteroper Iolanta von Piotr Ilich Tschaikowsky und Igor Strawinskys Oper "Persephone" wurden im Teatro Real in Madrid an einem Abend gegeben - hintereinander. Peter Sellars inszenierte und Teodor Currentzis dirigierte. "Iolanta", häufiger in der Vergangenheit schon gespielt auf deutschsprachigen Bühnen, ist eine blinde Königstochter aus dem 15. Jahrhundert, die wieder sehend wird. Und "Persephone", das folgt einer Erzählung von André Gide, einer Figur, die bei uns eher als Proserpina in der Kunstgeschichte bekannt ist. "Persephone", das ist eine Unterwelt- und Fruchtbarkeitsgöttin, ein Tanzmelodram von Strawinski. Sie steigt in die Unterwelt, weil sie Mitleid mit den Schatten hat. Problem nur: Wenn die Fruchtbarkeitsgöttin weg ist, ist auch das Wachstum auf der Erde weg und der Winter da. Nun pendelt sie also hin und her, und das sind dann die Jahreszeiten. Beiden Frauen ist gemein, dass alle möglichen Kerle, natürlich jeden Alters, hinter ihnen her waren. - Jörn Florian Fuchs habe ich gefragt: Was ist denn bei der Aufführung in Madrid das verbindende Thema? Wer sind die Frauen?

Jörn Florian Fuchs: Der Witz dabei ist, bei diesen beiden Figuren eigentlich - und das führt direkt auch auf Peter Sellars schon hin -, dass es starke Frauenpersönlichkeiten sind, die einen Prozess des Leidens durchlaufen müssen und am Ende so was wie Erlösung finden, die aber auf der anderen Seite auch uns, die Welt, das Publikum etc., letztlich erlösen. Sellars hat ja immer einen Hang zu weiblichen Erlöserfiguren, das ist auch hier sehr, sehr deutlich herausgearbeitet.

Köhler: Da hat er offenbar etwas mit Richard Wagner gemeinsam. - Der 54-jährige US-amerikanische Theaterregisseur - Sie haben den Namen fallen lassen -, Peter Sellars, ist für seine, wie sage ich mal, radikale Neuinszenierung historischer Opern bekannt. Hat er dieses Prinzip auch in Madrid angewendet?

Fuchs: Nein, er bleibt sich eher treu. Wenn man nämlich auf die Arbeiten der letzten Jahre schaut, da hatte er immer schon einen Hang bewiesen zur szenischen Installation. Das ist hier auch ein wenig so. Wir haben im Bühnenhintergrund bei der Iolanta zunächst einen blauen Wirbel, ein abstraktes Bild, und auf der Bühne stehen vorne einfach nur ein paar Türen, das könnte man auch als Bilderrahmen interpretieren, und davor, da drin, dazwischen agieren die Akteure. Auf diesen Türen respektive Rahmen sind eigenartige Skulpturen, die wie Findlinge aussehen, heraufmontiert, und jetzt ist eigentlich das sehr zurückhaltend gekleidete Personal dort, das vor allen Dingen mit Anmuts-, Verzweiflungsgestik, mit sehr viel Pathos dort gezeigt wird. Iolanta kommt mit einem Stab am Anfang auf die Bühne, das ist natürlich der Blindenstock, es ist aber auch so eine Art Pilgerstab, letztlich ist es eine Inszenierung, die ja auf Pilgerschaft geht und die immer in einzelnen zoomartigen Einzelszenen, kann man wirklich sagen, eine Pilgerschaft von diesen Frauenfiguren letztendlich zeigt. Es wird sehr viel mit Licht und Schatten gearbeitet, es gibt den Arzt, der Iolanta heilen soll, der richtig metaphysisch, kann man schon sagen, aus- und beleuchtet wird. Und im zweiten Teil dann ist der Chor öfters auf der Bühne und es gibt auch noch Tänzer aus Kambodscha. Da wird wirklich die Ballettkomponente von Strawinsky betont, und da passt das auch sehr gut, finde ich, weil wir wirklich dieses Tempel-Ambiente auf der Bühne sehen. Aber es wird viel geschritten, es gibt einen ganz spezifischen Gestenapparat, viel mit Händen, die in Herzform etwa gehalten werden, etc., die Sellars da einsetzt.

Köhler: Wir haben viel über die Bühne gesprochen, wir müssen natürlich über den Gesang und das Dirigat sprechen. Wer ist Teodor Currentzis und wie hat er diese beiden Komponisten verbunden? Strawinsky hat für Tschaikowski geschwärmt. Gibt es da so ein inneres Band? Klären Sie uns auf.

Fuchs: Dieses innere Band sehe ich nicht wirklich. Es ist aber so, dass man Iolanta ja im Moment öfters hört, auch in Deutschland etwa auf den Bühnen, oder jetzt demnächst in Wien. Und dann ist das Stück zu kurz, dann sagt man, mach ich was anderes dazu. Das passt immer nie so richtig. Es passt hier eben durch die Szene, weil es diese zu erlösenden Frauenfiguren gibt. Es ist musikalisch sehr zurückhaltend zunächst am Anfang von Currentzis dirigiert, der so als ein aufstrebender Jungstar gilt. Dann gewinnt das Ganze mehr an Kontur, es ist dann sehr, sehr kräftig, zupackend, aber trotzdem sehr präzise. Bei Strawinsky holt er vor allen Dingen auch das leichtere, lockere, das luftig Instrumentierte sehr schön heraus, das ist ja kein ganz so brachiales Stück wie die früheren von Strawinsky, das ist eine Zeit, wo er eher auf Klarheit setzt und fast ein bisschen mehr auf Farben und auch auf Luft, könnte man sagen. Das hat mir insgesamt sehr gut gefallen. Es gibt noch was ganz Spektakuläres, wobei es eigentlich völlig unspektakulär ist: Es wird nämlich die Iolanta am Ende unterbrochen durch ein längeres Stück von Tschaikowski, "Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus". Das wird hineinimplementiert, das dauert, glaube ich, fast zehn Minuten, das ist reiner Chorgesang, a capella, wunderschön. Das ist fantastisch, Andrés Máspero muss man deswegen nennen. Das ist der, der die Chöre einstudiert hat. Und insgesamt sängerisch ist es sehr ordentlich. Ekaterina Scherbachenko hat die Iolanta gesungen - im Sommer hörte man da Anna Netrebko. Die Scherbachenko macht das nicht ganz so toll wie Netrebko, sie flattert ein bisschen in den Höhen, aber insgesamt sehr ordentlich. Und bei Persephone haben wir Paul Groves, der alle männlichen Partien gesungen hat, der sehr überzeugend war, und die Fruchtbarkeitsgöttin selber singt nicht, sondern Dominique Blanc spricht das Ganze im Sinne eines Melodrams, was sie auch sehr schön impulsiv und eindringlich macht.

Köhler: Sie haben uns ein Musikbeispiel mitgebracht, auf das wir neugierig sind.

Fuchs: Ja, ein Auszug aus der Iolanta. Man muss sich da jetzt vorstellen: die leidende Blinde und ihre Freundin. Das ist eine Hirtenszene, könnte man sagen.

Fuchs: Da hört man diese Anmut schon und man kann sich die entsprechenden Gesten, mit denen Sellars die Protagonisten versieht, sicher gut vorstellen. Das Publikum hat das Ganze sehr positiv am Ende aufgenommen, wobei es ein recht kurzer Applaus war. Eines muss man aber, denke ich, wirklich auch festhalten, wenn man unsere Regietheater-Ästhetik gerade in Deutschland kennt: Das was Sellars macht, ist ein wirklich spirituelles Musiktheater, bei dem es um so was wie Erlösung geht. Das ist nicht irgendwie angeklebt, das meint er völlig ernst. Dementsprechend ist es sehr, sehr unzeitgemäß in gewisser Weise, aber es hat auch was Genuines. Unter diesem Gesichtspunkt, denke ich, ist der Abend dann doch interessant oder vielleicht sogar ein bisschen mehr als interessant.

Köhler: ... , sagt Jörn Florian Fuchs aus Madrid.