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Seltener Fund im Kloster

Im Erfurter Augustinerkloster ist ein Heldendichtungsfragment des Dietrich von Hopfgarten entdeckt worden. Hopfgarten habe in dem auf 1455 datierten Werk den im Mittelalter sehr populären Stoff über den Artus-Ritter Wigelis neu bearbeitet, erläutert Christoph Fasbender, Germanist am Institut für Germanistische Literaturwissenschaft der Universität Jena.

Moderation: Michael Köhler |
    Michael Köhler: König Artus, sagenhafter König der Briten, soll um 500 nach Christus gegen die Angeln und Sachsen gekämpft haben und in den höfischen Vers-Epen des Mittelalters spielte er eine große Rolle, in der Artus-Epik. Also, die populäre Ritterdichtung, sie knüpft an die "Ritter der Tafelrunde" an. Iwein, Erec und andere sind Helden der Dichtungen bei Hartmann, Gottfried, Wolfram und so weiter. Christoph Fasbender an der Universität Jena hat in diesem Zusammenhang etwas gefunden und erforscht, denn er hat einen Fund gemacht in der Bibliothek des Augustinerklosters Erfurt, worüber wir reden müssen. Herr Fasbender, was haben Sie gefunden?

    Christoph Fasbender: Ja, ich musste es mir, als ich es entdeckte, erst einmal selber erklären, da ich, als ich es sah, überhaupt gar keine Vorstellung davon hatte, mit was ich es hier zu tun habe. Ich habe ein Blatt gefunden, ein Doppelblatt, ein kleines Doppelblatt von einem mir und allen anderen, wie sich später herausstellen sollte, bisher völlig unbekanntem Text. Ich habe ein paar Namen erkannt dann nach genauerem Hinsehen und dachte: Aha, die Namen weisen doch immerhin auf eine bestimmte Stofftradition aus dem Artus-Roman-Zusammenhang. Erst beim zweiten Hinsehen hatte ich großes Glück, dass ich nämlich erkennen konnte, dass es sich um das letzte Blatt einer Handschrift handelt. Und das letzte Blatt birgt eben häufig Angaben zum Verfasser, vielleicht sogar eine Datierung - und genau das war auch hier der Fall.

    Köhler: Also anders als sonst bei Inkunabeln oder mittelalterlichen Handschriften, wo manchmal in den Buchdeckeln Besitzereinträge oder solche Sachen sind, hat sich der Autor selber vorgestellt?

    Fasbender: Hier hat sich der Autor selber vorgestellt, ein Riesenglück, denn wir haben einen Namen, und wir haben eine Datierung durch den Schreiber. Der Schreiber datiert 1455. Der Autor war jetzt mit Mühen zu identifizieren oder zumindest vorläufig zu identifizieren. Es handelt sich dabei um einen - also sehr wahrscheinlich -, um einen Herrn, einen Ritter des Geschlechtes derer von Hopfgarten. Das passt jedenfalls ganz gut, weil Hopfgarten ein Dorf zwischen Weimar und Erfurt ist. Und insofern kann es sein, dass der Text, so wie wir ihn jetzt hier gefunden haben, gar nicht so weit entstanden ist entfernt, von dem Ort, an dem er zum ersten Mal konzipiert wurde.

    Köhler: Herr Fasbender, Sie sagten eben, Sie haben die letzten beiden Seiten entdeckt. Das heißt, der größte Teil der Abschrift ist verloren. Also, lassen Sie mal die Katze aus dem Sack: Was enthält das Textfragment? Oder noch salopper gesagt: Was schreibt denn der Dietrich von Hopfgarten so?

    Fasbender: Dietrich von Hopfgarten bearbeitet einen seit 1220 etwa bekannten Stoff, das ist der Wigelis, und der wurde populär in Deutschland durch den fränkischen Ritter Wirnt von Grafenberg. Das ist ein sehr beliebter Roman. Und er war deswegen so beliebt offenbar, weil wir es mit einem unglaublich gut polierten, glatten, krisenlosen Protagonisten zu tun haben. Und gute, gut funktionierende Protagonisten sind ideal, wenn man ein ganzes Arsenal von Bedrohlichkeiten aufmarschieren lassen will. Die haben keine inneren Krisen, deren Krisen kommen auf sie zu als Aventüre, als Abenteuer, die müssen sie bewältigen und aus dem Weg räumen. Es ist also fast kein Artus-Roman mehr, sondern es ist auf dem Weg zu einem Helden-Epos, was der Wirnt von Grafenberg da über den Artus-Ritter Wigelis erzählte. Und das hat der Dietrich von Hopfgarten sich gegriffen und hat angefangen, diesen Text völlig neu zu bearbeiten.

    Köhler: Stellt man da schon so etwas fest, wie - ich nenne das mal etwas vollmundig - eine Säkularisierung vielleicht des ursprünglichen Artus-Stoffes? Also, Sie haben gesagt, die Dichtung ist im so genannten Berner Ton verfasst. Also es ist eine Nachdichtung, die sich auch formal absetzt. Wie kann man das charakterisieren?

    Fasbender: Ja, diese Absetzung, die formale, ist meines Erachtens die größte Leistung Dietrichs von Hopfgarten. Das hört sich jetzt auf den ersten Blick etwas einfach an. Aber man muss sich eins klarmachen: Sobald ein Roman in Strophen umgesetzt wurde, war das für ein Publikum ein ganz klares Signal. Das Publikum hörte Strophen und wusste sofort: Strophen, das ist Heldendichtung. In Strophen wird von den Nibelungen erzählt. In Strophen wird von Dietrich von Bern, dem größten deutschen Helden des Mittelalters, erzählt. In Strophen, das ist Heldendichtung. Das ist ein kompletter Gattungs- und Genrewechsel, den Dietrich von Hopfgarten dort, wie ich meine, dem seiner Vorlage geradezu kongenial vollzogen hat.

    Köhler: Könnte man so zusammenfassen für den Moment, würden Sie sich richtig wiedergegeben fühlen, wenn man sagt, Sie haben einen neuen Autor, einen unbekannten Autor entdeckt, der allerdings auf einem Nebengleis der Artus-Sage unterwegs ist?

    Fasbender: Ja, ein Nebengleis kann man vielleicht deswegen nicht sagen, weil es ein sehr populärer Artus-Roman ist, den er dort bearbeitet hat, oder ein sehr populärer Artus-Stoff. Der ist nur in unserem Bewusstsein nicht mehr so populär. Populär war er zu der Zeit, als er entstanden ist, und bis tief ins 17. Jahrhundert hinein. Er ist heute etwas in Vergessenheit geraten, weil die Moderne die Helden mit Krisen, mit Ecken und Kanten liebt und nicht die glatten, krisenlosen Hauptdarsteller.

    Köhler: Ein Allerletztes, was eigentlich an den Anfang gehört: Sie haben es im Augustinerkloster Erfurt gefunden. Müsste man jetzt mal systematisch die Grabkammern, Krypta oder die ganzen geheimen Kammern der Bibliotheken in den neuen Bundesländern 16 Jahre nach der Einheit mal durchforsten?

    Fasbender: Es ist eine Frage der Kosten und der Leute, die das machen können. Ich rechne schon damit, dass sich - zumal in den Staatsarchiven, etwa in Weimar - noch eine ganze Menge wird finden lassen. Wir sind vier germanistische Mediävisten in ganz Thüringen, und wir haben in der Hauptsache anderes zu tun, als durch die Archive zu ziehen. Ich würde es wahnsinnig gerne machen, aber ich unterrichte, ich habe sonst andere Forschungen auch an der Universität einfach zu vollführen - es geht schlichtweg nicht. Das ist Zufall, und wird immer Zufall bleiben. Wenn mal jemand etwas macht, dann kann vielleicht etwas herauskommen.

    Köhler: Christoph Fasbender, einer von vier Mittelalter-Germanisten in Thüringen, wie er sagt, der ein Heldendichtungsfragment des Dietrich von Hopfgarten gefunden hat.