Samstag, 20. August 2022

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Semperoper Dresden
Wohnungsnot bei den Sowjets

Mikhail Agrest und Christine Mielitz deuten "Moskau, Tscherjomuschki" von Dmitri Schostakowitsch. Mielitz gelingt es mit sicherem Theaterinstinkt, den engen Raum so variantenreich zu bespielen, dass der ganze Saal zur Bühne wird. Die solide singenden Darsteller sind den vielen Slapstick-Einfällen allerdings nicht souverän genug gewachsen.

Von Julia Spinola | 22.02.2014

    Die Titelmelodie von Dmitri Schostakowitschs Operette "Tscherjomuschki" ist ein Ohrwurm, den man nicht so schnell wieder loswird - zumal er im Verlauf der gut hundert Minuten dauernden Aufführung in verschiedenen Varianten wieder erklingt. Nicht zufällig. Denn Schostakowitsch setzt den eingängigen Walzer in seiner Sozialsatire ein wie eine Art Propaganda-Hymne - die er natürlich gleichzeitig aufs Korn nimmt.
    Es werden Träume wahr, für jeden, der hier lebt
    Im Süden Moskaus wird unter der Aufsicht der Funktionärs Drebednjow die Plattenbausiedlung "Tscherjomuschki" aus dem Boden gestampft. Mit dem neuen Wohnraum soll zugleich auch der "neue Mensch" geschaffen werden. Doch nicht nur die Menschen, sondern auch Korruption, nachbarlicher Neid und staatliche Willkür ziehen in die neue Heimat mit um. Und so muss das versprochene Glück, wenn es sich allen sozialistischen Planvorstellungen zum Trotz schon nicht einstellen will, eben umso beharrlicher herbeigesungen werden: "Tscherjomuschki, wie wunderbar, das Faulbeerbäumchen blüht. Es werden alle Träume wahr, für jeden, der hier lebt", lautet der Text des Tscherjomuschkis-Schlagers in Ulrike Patows Übersetzung des Librettos von Vladimir Mass und Michail Tscherwinski.
    Das Aufsässige, Lärmende, und schräg Absurde der Partitur, kommt zu kurz
    1958, im Frühling der "Tauwetter"-Periode unter Nikita Chruschtschow, schrieb Schostakowitsch seine rasante, voller Anspielungen und Zitate von Tschaikowski bis Borodin steckende Musik. Ihre lose Nummernfolge verarbeitete virtuos alles, was greifbar war: vom Volkslied über den Jazz bis hin zu populären Modetänzen wie der Polka und dem Tango. Die Produktion auf der Probebühne der Semperoper führt die treffend nach der Art eines Estradenorchesters reduzierte Fassung von Gerard McBurney auf. Sie wäre geeignet, Witz und Schärfe dieser Musik sogar noch trockener und drastischer zur Geltung zu bringen, als es die große Orchesterbesetzung des Originals ermöglicht. Leider wird diese Chance ein wenig verschenkt. Denn der Dirigent Mikhail Agrest bemüht sich allzu buchstabengläubig um Melodienseligkeit und Schmelz. Das Aufsässige, Lärmende, beißend Ironische und auch schräg Absurde der Partitur, die - wie stets bei Schostakowitsch - ein raffiniertes Versteckspiel treibt, kommen deutlich zu kurz. Passagenweise fehlt es der Aufführung auch schlicht an Tempo.
    Niedliche Handpuppen-Rattenfamilie erntet Extra-Beifall
    Christine Mielitz gelingt es mit sicherem Theaterinstinkt, den engen Raum der alternativen Spielstätte "semper 2" so variantenreich zu bespielen, dass der ganze Saal zur Bühne wird. Den Rahmen bildet - als Anspielung auf das Propagandamittel Film - ein altes Kino. Die filmischen Projektionen wiederum ermöglichen einfallsreiche Lösungen für die zum Teil schwer darstellbaren Szenen, wie etwa die Autofahrt nach Tscherjomuschki oder die Kran-Szene, in der sich die Bewohner über die Balkone in ihre Wohnungen heben lassen, da der Hauswart die Schlüssel verweigert. In ihrer Personenführung kann sich Mielitz jedoch nicht entscheiden, ob sie die Figuren in ihrer Commedia-dell‘arte-haften Typisierung belassen, oder doch lieber als menschlich anrührende Charaktere zeichnen möchte. Heraus kommt eine halbherzige Mischung aus beidem, die auch ihre arg biederen und betulichen Seiten hat. Dies umso mehr, als ihre solide singenden Darsteller den vielen Slapstick-Einfällen, die sie ihnen abfordert, nicht souverän genug gewachsen sind. An Ideen und an Gags mangelt es nicht. So wird der Plattenbau etwa auch von einer niedlichen Handpuppen-Rattenfamilie mitbewohnt, die am Ende einen Extra-Beifall erntet. Doch die Buntheit der Mittel legt sich wie eine Tünche über die Satire - und so nimmt man von Schostakowitsch an diesem Abend letztlich doch kaum mehr als die operettenhaften Ohrwürmer mit nach Hause.