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Sergej Shurawljow: Ich bitte um Arbeit in der Sowjetunion. Das Schicksal deutscher Facharbeiter im Moskau der dreißiger Jahre

Die junge Sowjetunion, das wussten ihre Wirtschaftsplaner, war bei der Realisierung ihrer ehrgeizigen Industriealisierungspläne auf das know how ausländischer Spezialisten und Arbeitskräfte angewiesen. Umgekehrt sahen angesichts von Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit insbesondere in Deutschland viele Facharbeiter und Ingenieure im "Vaterland aller Werktätigen" nicht nur eine Möglichkeit des ökonomischen Überlebens, sondern verbanden dies auch mit der Hoffnung am großen Zukunftsprojekt der Menschheit mitzuwirken. Die in den zwanziger Jahren reisten, kehrten bald völlig desillusioniert zurück, doch mit dem Sieg des Faschismus wurde in den dreißiger Jahren eine solche Rückkehr für viele lebensgefährlich. Von solchen Schicksalen handelt der Band "Ich bitte um Arbeit in der Sowjetunion - Das Schicksal deutscher Facharbeiter im Moskau der dreißiger Jahre" den Sergej Shurawljow im Berliner Links Verlag herausgebracht hat.

Elke Suhr |
    Die schönste Geschichte in Sergej Shurawljows Buch liest sich wie ein russisches Volksmärchen. Sie handelt vom Kampf des gutgläubigen Arbeitermädchens Anastasija gegen die böswillige Sowjetbürokratie und von der Liebe zu ihrem treuherzigen Helden Willi Koch. Der war ausgezogen, für den Kommunismus zu kämpfen - und in den Fängen des NKWD gelandet.

    Ich bat in der Parteiversammlung, mir zu sagen, wessen er schuldig war. Man antwortete mir, das wisse man selbst nicht, aber wenn der NKWD ihn verhaftet habe, dann gebe es einen Grund dafür. Ich fragte: wie kann man ihn einen Volksfeind nennen? Fast alle Maschinen im Betrieb hat doch er konstruiert und bis jetzt funktionieren sie zuverlässig, und in der gesellschaftlichen Arbeit galt er als besonders ehrlich und zuverlässig. Darauf wurde mir gesagt: "Siehst du, alle unsere Feinde werden sich immer darum bemühen, gute Produktionsarbeiter zu sein und gut in der Öffentlichkeit dazustehen, um sich besser zu tarnen." Ich kann das nicht verstehen.

    Anastasija Abramowa wird aus dem Moskauer Elektrokombinat entlassen, weil sie sich nicht von ihrem Mann los sagen will. Zwölf Jahre lang hält sie ihm die Treue, schickt ihm Briefe und Pakete in den Gulag. Ohne ihre Liebe hätte Willi Koch die Haft nicht überlebt, überliefert Hans Ohlrich, ein kommunistischer Kampfgefährte von einst. Als er selber abgeholt wurde, stürzte sich seine Frau aus dem vierten Stock des "deutschen Hauses" in der Uliza Matrosskaja, in dem die proletarische "Ausländerkolonie" angesiedelt war. Dort leben nur noch russische Familien, als Willi Koch zwei Jahre nach Stalins Tod wieder in das Zimmer zieht, in dem Anastasija all die Jahre ausgeharrt hat.

    Willi Kochs Geschichte beginnt nicht wie ein Märchen, sondern wie ein Spionageroman. Er handelt vom legendären "Moskauer Elektrokombinat", dem illegitimen "kleinen sozialistischen Bruder" der AEG. Der deutsche Konzern hatte ihn nach dem Vorbild des eigenen Produktionssystems in der sowjetischen Metropole hochgezogen und nur das Verfahren zur Herstellung von Wolfram unter Verschluss gehalten. Anfang der zwanziger Jahre setzte die KPD den kommunistischen Facharbeiter Willi Koch auf das Geheimnis an. Er knüpfte ein Spionagenetz, das bis in die Firma Osram reichte. 1924 flog es auf, und die Drahtzieher suchten Zuflucht in Moskau.

    Willi Koch und seine Genossen hätten vollkommen uneigennützig für die Sowjetindustrie spioniert, betont der russische Historiker Sergej Shurawljow. Es ist ein liebevolles Buch, das er den deutschen Facharbeitern gewidmet hat. Er stellt ihren guten Willen heraus, beim Aufbau des "Kommunismus" anzupacken; und er konfrontiert ihre naive Treuherzigkeit mit der zynischen Kälte stalinistischer Bürokraten und Karrieristen.

    Die Deutschen hatten Luftbilder von einer "Metropole des Weltproletariats" mit modernen Wolkenkratzern aus der kommunistischen Illustriertenpresse vor Augen, als sie ihre Heimat verließen. Im "neuen Moskau" kam dann der Schock. Alleinstehende mussten sich zu zweit ein Zimmer teilen; Kleinfamilien standen je nach Kinderzahl ein oder zwei Räume in einer Gemeinschaftswohnung zu. Aus der Sicht ihrer russischen Nachbarn lebten die Immigranten dennoch wie im Paradies.

    Im Moskauer Elektrokombinat herrschten Ausbeutungsmethoden, gegen die die deutschen Gastarbeiter daheim unter der Parole "Akkord ist Mord!" mobil gemacht hatten. Sie stießen auf eine tiefe soziale Kluft zwischen Belegschaft und karrierebewussten, gutverdienenden Führungskadern. Anfang der dreißiger Jahre lief die Wolfram-Produktion in dem Werk – dank Willi Koch und seiner einstigen Spionagetruppe - bereits auf Hochtouren. Es produzierte Glühbirnen für die gesamte Sowjetunion und galt im Zeichen von Lenins Losung "Kommunismus ist Elektrizität plus Sowjetmacht" als Symbol für den Sieg des Sozialismus. Dazu trug die Tüchtigkeit deutscher Facharbeiter bei, die seit Ende der zwanziger Jahre von der KPD systematisch angeworben wurden. Die Partei vermittelte mit Vorliebe bewährte Genossen ins "Land ohne Arbeitslose" – eifrige Musterproletarier, die sich als "Neuerer" hervortaten und die Normen zunächst aus freien Stücken übererfüllten. Bereits nach wenigen Jahren machte eine nachdrängende Generation sowjetischer Facharbeiter und Spezialisten ihnen zusehends den Platz streitig. Die Propaganda schürte fremdenfeindliche Ressentiments.

    Den hochqualifizierten Arbeitern Deutschlands ist eine kleinbürgerliche Psychologie zu eigen, indem wir sie einluden, gelangte dieses Element mit zu uns.

    Ehrgeizige Funktionärskader senkten das Lohnniveau und trieben manche deutschen "Gastarbeiter" an den Rand des Ruins. Oft waren es übereifrige "Politemigranten" aus der eigenen Heimat, die ihre "Genossen" disziplinierten. Shurawljow zitiert aus dem Ausreiseantrag eines Gemaßregelten.

    die ausländischen Genossen, die von Deutschland gekommen sind, machen es mir unmöglich, hier weiter zu arbeiten. (...) In der Zechenversammlung, wo die russischen Genossen zum größten Teil für mich sprachen, hat es Betriebsrat Schmidt fertig gebracht, mich im politischen Sinn in den Schmutz zu ziehen.

    1933 war bereits über die Hälfte der deutschen Facharbeiter heimgekehrt. Dann schnappte die Menschenfalle Moskau endgültig zu. Ein Familienvater wagte es erst, sich zu beschweren, als sein Lohn von einstmals vierhundert auf fünfzig Rubel geschrumpft war, die größtenteils als "Industrieanleihe" einbehalten wurden. Ein deutscher Vertreter des Ausländerbüros der sowjetischen Einheitsgewerkschaft distanzierte sich von dem Protestierenden: er sei "keiner von uns" und deshalb seinem Schicksal zu überlassen. Russische Kollegen griffen schließlich ein und retteten die Familie vor dem Verhungern.

    Shurawljow beschreibt die seelische Not kommunistischer Arbeiter, die bei Rückkehr in die Heimat das KZ erwartete und die in Moskau zu einem verfemten Außenseiterdasein in der deutschen "Ausländerkolonie" verurteilt waren. Seit 1937 lebten sie in ständiger Furcht vor den "Schwarzen Raben", die einen nach dem anderen abholten. Franz Heisler, der einst zusammen mit Willi Koch für die Sowjetunion spioniert hatte, wurde zynischerweise wegen angeblicher Spionage gegen die Sowjetunion hingerichtet.

    Das "deutsche Hause" in der Uliza Matrosskaja wurde zum geheimen Treffpunkt von Frauen "Verschwundener", von dem aus gelegentlich Nachrichten ins Ausland gelangten. Der KPD-Führung war es ein Dorn im Auge. Im Namen der "antifaschistischen" Einheitsfront empfahl die deutsche Sektion der Komintern, das "Wespennest" auszuräuchern. Shurawlows Studie deckt die doppelte moralische Buchführung der stalinistischen Wortführer des "Antifaschismus" auf, die ihre "verschwundenen" Genossen buchstäblich totschwiegen. Zum Beispiel die berühmten Huths, die einstige deutsche Musterfamilie der Sowjetpropaganda. Sie hatten vor 1933 als lebendiger Beweis für Glück und Wohlstand im Proletarierstaat hergehalten. Drei der vier Söhne, von denen einer sich einen Namen als erfolgreicher "Stoßarbeiter" gemacht hatte, wurden 1938 wegen angeblicher Spionage für Hitlerdeutschland hingerichtet. Der Vater kämpfte vergeblich um ihre Rehabilitierung, die KPD ließ ihn – wie so viele - im Stich. Er fand den Tod in einem "Besserungslager"; seine Frau verhungerte in Sibirien.

    Shurawljow vermeidet es, zu pauschalisieren oder zu moralisieren; er fokussiert auf Einzelschicksale und fügt so dem "Knochengerüst" der boomenden sozialgeschichtlichen Totalitarismusliteratur biographisches Fleisch bei.

    Leider unterließ er es Standorte und historischen Stellenwert seiner Quellen genauer zu beleuchten, so das sich zuweilen der Eindruck von Zufallsfunden herstellt. Dennoch fügen sich die sorgsam gearbeiteten Miniaturen schließlich zu einem Mosaik, das einen Einblick "von unten" in die Mechanik des stalinistischen Machtapparates eröffnet. Das Moskauer Elektrokombinat, ein Pilotprojekt stalinistischen Fortschrittswahns und bürokratischer Planwut, wird in Shurawljows Studie zum Schauplatz der permanenten kalten Revolution nachdrängender Generationen. In ihr entladen sich lang aufgestauter Konkurrenzdruck, Sozialneid und Ausländerhass. Die Säuberungen entpuppen sich bei Shurawljow als gewaltiges Arbeitsbeschaffungsprogramm, das ohne die Allgegenwart von Karrierismus, Denunziantentum und Duckmäuserei nicht denkbar gewesen wäre. Der gleiche autoritäre Charakter, der Stalins "neuen Menschen" anerzogen wurde, offenbart sich in den Bildern konkurrierender KPD-Kader, die sich gegenseitig in der Demonstration von "Moskautreue" zu überbieten suchten. Doch Shurawljows Studie streift den denunziatorischen Eifer der "Politemigranten" nur. Sie stellt die Betrogenen in den Mittelpunkt - die missbrauchten, unbekannten Arbeiter, die im Land ihrer Träume erleben mussten, dass "Kommunismus" nur ein Wort war.

    Sergej Shurawljow, Ich bitte um Arbeit in der Sowjetunion - Das Schicksal deutscher Facharbeiter im Moskau der dreißiger Jahre, CH Links Verlag, 187 Seiten, 22 Euro 90