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StartseiteKultur heuteKomponieren am Computer14.04.2017

Serie: Kunst-StoffeKomponieren am Computer

Generationen von Musikwissenschaftler haben sich bemüht, krakelige Notenhandschriften wie die von Beethoven zu entziffern oder Partituren voller Tintenfraß zu dechiffrieren. In Zukunft werden sie sie sich die Nachlässe per Dropbox zuschicken lassen, denn die allermeisten Komponisten benutzen heute bei der Arbeit nur noch den Computer – und entwickeln, korrigieren und verändern ihre Ideen direkt am Bildschirm.

Von Raoul Mörchen

Maria de Alvear an ihrem Arbeitsplatz - vor dem Monitor. (Deutschlandradio/R. Mörchen)
Maria de Alvear an ihrem Arbeitsplatz - vor dem Monitor. (Deutschlandradio/R. Mörchen)
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"Was ich hier vor mir habe ist das letzte Stück, in Spanien ist es uraufgeführt worden, es sind 13 kleine 'Tapas', so nenne ich das, und das erste Stück heißt...". Komponistin Maria de Alvear. "Und das ist natürlich absoluter Computersound: Flöte, Klarinette, Klavier. Aber ich hoffe, die spielen das besser. Nächstes Stück, hat schon angefangen und es heißt...". 

Ein Wohnzimmer in der Kölner Innenstadt, auf einer Seite ein Steinway-Flügel, auf der anderen ein großer Holztisch. Hier wie dort könnte man wunderbar komponieren. Maria de Alvear aber sitzt am Computer. Vor ihr ein Keyboard, eine Tastatur, ein Touchpad, zwei kleine Lautsprecher, ein Bildschirm. Der zeigt die Partitur ihres letzten Werks.

Wir scrollen gemeinsam durch die Noten, wir können sie uns aber gleich auch anhören. Nicht nur die kleinen Tapas-Trios, sondern alles, was Maria de Alvear je komponiert hat: Selbst ihre alten Manuskripte von anno dazumal sind mittlerweile übertragen in Dateien. Da ist es ein Leichtes, die digitalen Noten mit digitalen Klängen zu verknüpfen, damit man in etwa eine Vorstellung hat wie es am Ende klingen könnte, mit richtigen Sänger und Musikern.

Auf Knopfdruck einzelne Stimmen extrahieren

Ja, es gibt sie noch - Komponisten, die wie Bach und Beethoven mit Stift und Papier komponieren, jede Note einzeln von Hand zeichnen, mit Notenhals und Fähnchen und Vorzeichen und die Fehler ausradieren und überkleben. Doch für Verlage sind sie ein Graus – denn am Ende sollen die Musiker ja doch aus sauberen Noten spielen, die muss dann ein Kopist erst umständlich herstellen und das lohnt finanziell kaum noch. Bei Maria de Alvear dagegen ist es ein Kinderspiel. Ist die Partitur einmal fertig, kann sie sie selber ausdrucken. Sie kann auf Knopfdruck einzelne Stimmen für Geigen oder Klarinetten extrahieren, und, der Clou des Ganzen, sie muss die Noten vorher nicht mal einzeln in den Computer tippen: Am liebsten spielt sie beim Komponieren direkt auf der Klaviertastatur, und die kluge Software wandelt jeden Ton blitzschnell um in gestochen scharfe Notenschrift. "Die Möglichkeiten sind sensationell."

In Filmstudios entstehen komplette Soundtracks - ohne Musiker

Als die ersten Komponisten den Computer entdeckten, um Noten zu schreiben, in 1980er-Jahren, sind sie erst einmal nach Stanford geflogen, um Programmiersprachen zu lernen, und sie mussten für Software und Equipment ein Vermögen zahlen. Heute kann man die gängigen Programme wie "Sibelius" oder "Finale" für ein paar Euro im Monat mieten, die Hardware haben die meisten eh zuhause. Gerade für die Jungen ist das ein Segen: Sie können nun auch ohne Verlag Material für Aufführungen bereit stellen und sie können dank der immer besser werden Soundbibliotheken ihre Werke während der Entstehung vorhören und kontrollieren.

In Filmstudios entstehen auf diese Weise längst komplette Soundtracks, ohne dass ein einziger Musiker überhaupt engagiert werden müsste. Wer sich in die Struktur der komplexen Programme einarbeitet, spürt bald, dass sie tatsächlich für solche kommerzielle Zwecke und nicht für die Kunst geschrieben wurden: Je mehr ein Komponist abweichen will von der Norm, etwa mit Mikrotönen oder experimentellen Spieltechniken, umso mehr muss er gegen das System anarbeiten, muss dann doch vieles einzeln mit der Maus einfügen oder Symbole selbst entwerfen. Und er oder sie muss am Ende, wie in alten Tagen, die Partitur noch einmal gründlich durchsehen und korrigieren: Denn so nützlich sie auch sind, die modernen Notationsprogramme: Von Musik, so erklärt Tubist und Performer Melvyn Poore, von Musik haben sie im Grunde keine Ahnung.

"Man sieht zum Beispiel wenn ein Komponist die Gruppierung von Tönen durcheinander schmeißt und in einer Stimme ist es zwei plus drei plus zwei und in einer anderen Stimme ist das anders, dann sieht man, dass er sich nicht darum gekümmert hat oder auch gar nicht weiß, wie es geht, denn der Rechner übernimmt alle Sachen, aber man muss das kontrollieren. Sonst verliert man einfach Probezeit. Und für den Komponisten ist die Probezeit das allerwichtigste. Denn alle Musiker werden für diese Probezeit bezahlt. Hoffentlich!"

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