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StartseiteCorsoPsychogramm einer Gesellschaft22.02.2019

Serie "M - Eine Stadt sucht einen Mörder"Psychogramm einer Gesellschaft

"Die Demokratie sitzt nicht mehr so fest im Sattel, wie vor zehn Jahren", sagte Regisseur David Schalko im Dlf. Der Österreicher hat den Filmklassiker "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" als Serie verfilmt. Darin geht er auch auf aktuelle Tendenzen wie Rechtspopulismus in Europa ein - und ist besorgt.

David Schalko im Corsogespräch mit Juliane Reil

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Ein Mann ordnet und sortiert in einem Spiegelsaal Kinder-Schaufenster-Puppen. (ORF/Superfilm/Ingo Pertramer)
Nach dem mysteriösen Verschwinden eines Flüchtlingsmädchens kommt es im verschneiten Wien zu einem weiteren Verbrechen. Auch ein Schamane - gespielt von Bela B - schaltet sich in die Suche nach dem Mörder ein. (ORF/Superfilm/Ingo Pertramer)
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Juliane Reil: Dieses Pfeifen der Peer Gynt-Melodie hat sich in die Filmgeschichte eingeschrieben. Peter Lorre pfeift sie in der Rolle von "M" aus "M - Eine Stadt sucht einen Mörder". Fritz Lang führte bei diesem Filmklassiker aus dem Jahr 1931 Regie.  In dem Film werden die Einwohner von Berlin von einem unbekannten Kindermörder in Angst und Schrecken versetzt, Panik und Hysterie brechen aus. Jeder könnte der Täter sein, und auf einmal wird auch jeder verdächtigt. Die Polizei führt immer schärfere Razzien in der kriminellen Unterwelt durch, und die fühlt sich dann auf einmal gestört. Um die Überwachung loszuwerden, beschließen die Kriminellen, selbst Jagd auf den Mörder zu machen. Der österreichische Autor und Regisseur David Schalko hat M neu - verfilmt und zwar als sechsteilige Serie. Hallo zum Corsogespräch.

David Schalko: Hallo.

Juliane Reil: Sie haben kein Remake von "M" gedreht, sondern etwas Eigenes daraus gemacht. Welche Botschaft geht für Sie persönlich von der neuen "M"-Geschichte aus?

David Schalko: Wir verstehen das mehr als Hommage. Das wäre auch völlig lächerlich, zu versuchen, Fritz Lang zu übertreffen oder so was. Der Grund, es zu machen, war eigentlich, dass wir es in die Gegenwart geholt haben, weil wir einfach erstens viele Parallelen zu heute gesehen haben und es auch reizvoll war, den deutschen Expressionismus ästhetisch viel zu übernehmen und in der Gegenwart neu zu übersetzen. Das war auch eine reizvolle Aufgabe. Und auch das Konzept, dass die Stadt die Protagonistin ist, was für das moderne Serienfach fast danach schreit sozusagen als Konzept.

Entrückte Atmosphäre und Kulissenhaftigkeit

Reil: Die Stadt als Setting. Im Original ist es Berlin, und zwar das Berlin der Weimarer Republik. Bei Ihnen ist es Wien - weil es Ihnen ganz einfach näher liegt und weil Wien auch diese morbide Stimmung hat?

Schalko: Es hat mehrere Gründe. A natürlich, weil ich Wien besser kenne als Berlin. B ist es auch so, dass der alte Film ausschließlich im Studio gedreht wurde. Bei uns ist es umgekehrt, dass eigentlich alles an auf Originalschauplätzen gedreht wurde. Wir wollten es aber so aussehen lassen, als wäre es im Studio - also auch als Hommage an den Expressionismus, und es entsteht dann eine ganz eigene, entrückte Atmosphäre. Und diese Kulissenhaftigkeit quasi findet man in Wien besser als woanders vielleicht. Es ist ja auch kein reales Wien, das da gezeigt wird, sondern es ist eigentlich fast wie so ein entrücktes, märchenhaftes Wien, das sehr von dieser Kulissenhaftigkeit lebt. Und sehr morbid ist vielleicht, sehr entrückt. Es soll alles ein bisschen etwas Traumhaftes haben, etwas Schlafwandlerisches. Es ist kein Krimi im klassischen Sinn, es geht nicht darum, wer der Mörder ist, sondern es versteht sich eigentlich eher als Atmosphärisches.

Metapher für die Gesellschaft

Reil: Und warum soll es etwas Schlafwandlerisches haben? Was ist die Funktion für die Erzählung?

Schalko: Na ja, es erzählt schon, wie eine Gesellschaft schlafwandlerisch in etwas hineintappt, sag' ich jetzt mal, was auch politisch gesteuert ist. Also es geht auch um einen Innenminister, der Kinderserienmorde instrumentalisiert und innerhalb von vier Tagen die Welt der Bürgerrechte auf den Kopf stellt. Das soll auch ein bisschen zeigen, wie fragil unser System ist, das wir für wahnsinnig selbstverständlich erachten. Diese Metapher des Schlafwandlerischen kommt eigentlich aus der gleichen Zeit wie "M", wie das Original, durch den Hermann Broch, der ja auch schon die Schlafwandler-Trilogie geschrieben hat. Und dieser Begriff war ja damals auch so ganz gängig, dass die Gesellschaft schlafwandlerisch sozusagen sich in den Faschismus hineinbegibt.

Wir haben noch länger mit David Schalko gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Reil: Und das sind für Sie auch die Parallelen, die Sie am Anfang erwähnten, warum Sie "M" in das Jahr 2019 geholt haben?

Schalko: Es ist ein Teil der Parallelen. Also ich würde jetzt nicht eins zu eins vergleichen mit der Weimarer Republik, das war natürlich etwas anderes, auch die Hintergründe, so kurz nach dem Ersten Weltkrieg, und die Demokratie noch nicht gewachsen wie heute vielleicht. Aber auch wir können beobachten: eine Brutalisierung und Verrohung des politischen Diskurses, dass über viele Bürgerrechte diskutiert wird, diese in Frage gestellt werden - gerade in Österreich, zum Beispiel, wenn ein Innenminister sagt, das Recht habe der Politik zu folgen und nicht umgekehrt. Dann ist das eine Infragestellung des Rechtsstaats letztendlich. Also wir diskutieren schon über solche Dinge. Die Demokratie sitzt sicher nicht mehr so fest im Sattel, wie noch vor zehn Jahren. Das legitimiert sowas dann schon, finde ich. Man kann das zumindest zur Diskussion stellen. Ich sage nicht, dass wir nächstes Jahr in einem Faschismus leben. Es ist auch die Technologie heute eine andere, die Überwachungsmöglichkeiten sind heute andere, aber ich glaube schon, dass wir wachsam bleiben sollten. Das ist mein Gefühl.

Reil: Hatten Sie reale Figuren vor Augen in Hinblick auf den skrupellosen Innenminister, der sich sehr selbstverliebt bei Ihnen im Spiegel betrachtet?

Schalko:Es geht eher um Stereotypen, sag' ich jetzt mal, um Funktionen in einer Gesellschaft. Deswegen haben die Erwachsenen auch bei uns keine Namen, sondern eigentlich Funktionen, die sie in einer Gesellschaft erfüllen müssen. Beispielsweise der Moritz Bleibtreu spielt den Verleger, oder Lars Eidinger ist der Vater. Also das sind eigentlich fast schon metaphorische Figuren. Es ist eben auch eine Serie, die viel mit Symbolik und mit Metaphern arbeitet. Und es gibt auch keine reale Entsprechung des Innennministers. Weil das oft aufgesagt wird, dass das Sebastian Kurz ist.

Ein Typus von Politiker gezeigt

Das ist natürlich nicht eins zu eins Sebastian Kurz, sondern die Figur steht für eine Art von Politiker, die im Augenblick sehr erfolgreich ist, die sehr jung und dynamisch und fast schon ideologiebefreit einen Staat wie ein Unternehmen führen will, aber dann trotzdem den Rechtsruck einer Gesellschaft stark beschleunigt, weil gerade solche Leute mit Bürgerrechten wenig anfangen können, weil sie sozusagen mit ihrer managerartigen Mentalität im Weg stehen,  sagen wir es mal so.

Portrait von David Schalko (ORF/Superfilm/Ingo Pertramer)Regisseur David Schalko hat "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" als Serie verfilmt. (ORF/Superfilm/Ingo Pertramer)

Reil: "Niemand macht die Welt grausamer als jene, die beschließen, für immer ein Kind zu bleiben." So heißt es in der Serie - und das ist eine Anspielung auf den Mörder "M", aber auch auf die Politiker. Stimmt dieser Satz für Sie in Hinblick auf Notstandsverordnungen in den USA und Ansätzen von nationalen Alleingängen in Europa?

Schalko: Na ja, das Kindliche sozusagen steht da für eine besondere Ästhetik oder Form des Egoismus, für einen narzisstisch gestörten Egoismus. Also Donald Trump zum Beispiel ist wie ein großes Kind, finde ich. Wenn jemand dem Donald Trumps sein Spielzeug wegnimmt, dann wird er ganz wütend und dann geht es nur noch um ihn, und ich glaube, dass das damit gemeint ist. Und das ist ja auch auf die Verbrecher-Königin - also auf die Figur der Sophie Rois - gemünzt. Und der gilt aber auch sozusagen für die Gesellschaft an sich. Wo Rücksicht und Vernunft vielleicht einfach eine immer geringfügigere Rolle spielen, weil sie einfach offenbar Tugenden sind, die nicht belohnt werden von unserer Gesellschaft.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

"M – Eine Stadt sucht einen Mörder" ab dem 23. Februar 2019 auf TV NOW

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