Dienstag, 28. Juni 2022

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"Serious Games"

Die Medien haben sich im 20. Jahrhundert ebenso weiterentwickelt wie die Waffen. Eine Ausstellung in Darmstadt zeigt die verborgene Verbindung von Krieg und Kunst.

Von Burkhard Müller-Ullrich | 25.03.2011

Es ist pervers: Die liebliche Mathildenhöhe glänzt in der Frühlingssonne, im Park schmettern die Vögel, und in der Ausstellungshalle strotzt es von Bildern und Filmen, die einem Gruselschauer über den Rücken jagen. Keine blutigen Gräuelszenen, sondern hauptsächlich gefilterte, gespiegelte, gefrorene Gewalt: Ein abstürzender Transportflieger im Vietnamkrieg als Großprojektion, das brennende New Yorker World Trade Center als Motiv eines in Afghanistan geknüpften Teppichs, Sequenzen von Videospielen, die sich als echte Einsätze entpuppen, aber doch seltsam künstlich und abstrakt aussehen, weil die Soldaten mit ganz ähnlicher Videotechnik arbeiten, um die Kampfhandlungen zwischen Leitstelle und Schützenpanzer oder Düsenjäger zu koordinieren. Man kennt inzwischen, dank WikiLeaks, auch die dazugehörigen Stimmen: den grässlichen Jubel über gelungene Treffer, die zynischen Kommentare beim Abfeuern der Geschosse.

Das alles ist kaum zu ertragen, auch und gerade wenn es so unterkühlt daherkommt wie bei dem Filmemacher Harun Farocki, mit dessen Werken die Ausstellung üppig bestückt ist. Aber der Empörungsreflex führt nicht weit. Denn Krieg und Kunst sind zutiefst inkommensurabel. Krieg ist äußerstes Entschiedensein, während man Kunst als eine Form von höchster Unentschiedenheit bezeichnen kann. Angesichts der Tatsache, dass es im Krieg um Tod oder Leben geht, erscheinen ästhetische Fragen als geradezu frivol.

Andererseits gehören Krieg und Kunst auch eng zusammen. Der Krieg als solcher, egal, von wem und gegen wen er geführt wird, ist ein ganz großes Thema der Kunst. Denn als Begleiter der Menschheitsgeschichte ist Krieg eine metaphysische Herausforderung, fällt also in die genuine Zuständigkeit der Kunst. Außerdem sind Vernichtung, Zerfleischung und Zerstörung visuell immer starke Motive. Und schließlich besteht eine verborgene Verbindung von Krieg und Kunst, die von dieser Ausstellung besonders intensiv ausgeleuchtet wird, denn die moderne Medientechnologie beruht zum großen Teil auf militärischen Entwicklungen: von der Funkübertragung bis zur Luftbildfotografie und vom Stereo-Ton bis zur elektronischen Kamera. Nicht von ungefähr sagt man, dass man ein Bild "schießt".

Harun Farocki sieht aber auch die Dialektik dieser Tatsache: Denn Bilder dienen sowohl der Waffensteuerung als auch der Information über das ganze Geschehen.

Und die Nachricht vom Krieg ist, wie Farocki meint, schon immer ein Teil des Kriegs, es geht nicht nur um die Gewalteinwirkung, sondern auch um den symbolischen Aspekt. Diese kommunikationstheoretische Betrachtungsweise hat allerdings etwas sehr Unbefriedigendes: Krieg ist nämlich nicht gleich Krieg. Es ist sinnlos, Angriffs- und Befreiungskriege auf dieselbe Stufe zu stellen; der Krieg gegen Hitler war etwas prinzipiell Anderes als Hitlers Krieg, nur an der Oberfläche sahen beide Kriege ähnlich aus.

Die Künstler jedoch halten sich an diese Oberfläche, auch und gerade, wenn sie politisch engagiert sind.

Der Schwerpunkt der 33 hier gezeigten Arbeiten liegt in der Auseinandersetzung mit medialen Brüchen: Es sind die fließenden Übergänge von Spiel und Ernst, von Virtualität und Realität, von Bildschirm und Geschütz, die einen zugleich verstören und faszinieren.

Auch der von unserer allmächtigen und uns alle nährenden Kulturindustrie längst verwischte Übergang zwischen Kunst und Unterhaltung gehört hierher. Als Werbung für die Ausstellung gibt es Streichhölzer mit der nicht unwitzigen Aufschrift "Friendly Fire". Doch der Witz ist mindestens so zynisch wie das mediale Kriegstraining, an dem sich die Ausstellungsmacher und die von ihnen aufgebotenen Künstler abarbeiten.