Dienstag, 21.05.2019
 
Seit 10:10 Uhr Sprechstunde
StartseiteCorsoPlay with me28.02.2019

Sex in ComputerspielenPlay with me

In Computerspielen erleben Spielerinnen und Spieler Abenteuer, die ihnen ihr Alltag verwehrt. Wo die Games aber in Bezug auf Gewaltdarstellungen immer expliziter werden, sind sie erstaunlich prüde, wenn es um Sex geht. Und das hat auch heute noch viel mit Zensur zu tun.

Von Tim Baumann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Screenshot aus God of War® III Remastered, der Held Kratos steht grimmig blickend vor einem Relief (Sony / God of War III (remastered) )
Held Kratos aus dem Computerspiel "God of War" hat zwar Sex, zu sehen bekommen ihn die Spieler allerdings nicht. (Sony / God of War III (remastered) )
Mehr zum Thema

"Civilization VI – Gathering Storm" Keule statt Kooperation

Trend zum Mobile Gaming Zocken auf dem Smartphone

Computerspiel "Beholder 2" Bürokratie des Grauens

Computerspiele Games als kulturelles Erbe bewahren

Der muskelbepackte Kratos, die Hauptfigur der "God of War"-Reihe, betritt schweren Schrittes die Gemächer der Aphrodite. Die Göttin der Liebe scheucht ihre Gespielinnen fort und reckt sich mit nacktem Busen auf ihrem Bett dem vernarbten Krieger entgegen – die personifizierte Verführung.

"Kratos – it's been far too long. Even though you're no longer the god of war, you can still share my bed."

Dann die Enttäuschung – die Kamera schwenkt verschämt vom Geschehen hin zu den beiden halbnackten Gefährtinnen der Aphrodite, die den Geschlechtsakt mit großen Augen beobachten und kommentieren.

"Such Power!" / "If it's this good watching – just imagine..."

Gewalt statt Sex

Nur vorstellen dürfen sich die Spieler, was sich im göttlichen Liebesnest abspielt. Die Gamesforscherin und Podcasterin Nina Kiel sieht einen Grund dafür in Zensurmechanismen, die insbesondere in den USA und Japan stark ausgeprägt sind – und ausgerechnet dort sind sieben der zehn größten Spieleunternehmen ansässig. Blickt man auf das amerikanische Entertainment Software Rating Board, das in etwa mit der deutschen USK vergleichbar ist. 

"...dann fällt auf, dass es 27 Spiele gibt, die nicht frei verkauft werden dürfen. Und 22 davon haben diese Einstufung einfach nur wegen sexueller Inhalte bekommen. Gewalt dagegen wird halt eher akzeptiert – und das finde ich sehr kurios, denn Sexualität ist ja eigentlich etwas völlig Alltägliches für Menschen."

Die Zensurmechanismen haben überdies der GTA-Reihe ein seltsames Missverhältnis eingebrockt: Seit GTA San Andreas ist es zwar möglich, romantische Beziehungen mit verschiedenen Frauen zu haben, aber während der Sex mit Prostituierten explizit dargestellt wird, bleibt die Kamera beim Liebesspiel mit den Freundinnen brav vor dem Haus stehen und zeigt ein Panorama der Stadt. In GTA San Andreas war ursprünglich geplant gewesen, den Sex mit den Freundinnen spielbar zu gestalten. Zur Veröffentlichung entschieden sich die Entwickler von Rockstar Games dann aber, das Feature nicht mit in die Verkaufsversion zu übernehmen.

"Aber dieser Programmcode wurde eines Tages entdeckt – und kaum wurde er entdeckt, und deutlich, dass es ein Sex-Minispiel im Spiel gegeben haben könnte, wurde die Alterseinstufung des Spiels prompt verändert und der Titel durfte nur noch unter der Ladentheke gehandelt werden. Einfach nur wegen dieser sexuellen Inhalte."

Stiefmütterliche Behandlung von Sexualität

In den marktführenden Spieletiteln, wird Sexualität also eher stiefmütterlich behandelt. Das hängt aber auch damit zusammen, dass es in ihnen zumeist um gewalthaltige Konflikte geht und Sex nur dazu dient, der Spielwelt ein wenig mehr Glaubwürdigkeit und den Verkaufszahlen einen Sprung nach oben zu verschaffen. Wirklich gelungen kann die Darstellung von Sex in Computerspielen für Nina Kiel aber nur sein… 

"...wenn der Sex mehr als ein bloßes Gimmick ist, wenn man sich vorab Gedanken darüber gemacht hat, ob er überhaupt in das Spielprinzip und in die Geschichte hereinpasst. Und wenn der Sex dann nicht belang- und konsequenzlos ist, sondern tatsächlich Auswirkungen hat."

Passend dazu geht es im Spiel "Catherine" des japanischen Entwicklerstudios Atlus um die Konsequenzen eines Seitensprungs. In den im Manga-Stil gehaltenen Zwischensequenzen verfolgen die Spieler die Geschichte von Vincent, der seine Freundin Katherine mit einem Dämon in Menschengestalt betrügt. Erwachsen und düster behandelt das Spiel seine Gewissensbisse und die Dialogentscheidungen der Spieler beeinflussen den Ausgang der Geschichte.

"Men are not the only ones who fear being chained down..."

Zugleich zeigt das Spiel Vincents Bindungsangst – in surrealen Albträumen müssen die Spieler Nacht für Nacht in kniffligen Klettereinlagen einen einstürzenden Turm erklimmen - auf der Flucht vor seiner Verlobten, einem Baby und grauenhaften Monstern.

Zwar wird auch in Catherine der Sex nicht bis ins letzte dargestellt, inhaltlich aber ist das Spiel eine erfrischende Auseinandersetzung mit einem unterrepräsentierten Aspekt der menschlichen Sexualität.

"Denn in Spielen ist es meistens so, dass die Beziehung zwischen Figuren mit dem ersten Sex endet, was aber völlig unrealistisch ist. Und wenn ein Spiel sich traut, die Konsequenzen, seien sie positiv oder negativ, aufzuzeigen, dann ist das schon mal ein guter Ansatz."

Computerspiele werden keine sexuelle Revolution auslösen

Explizite sexuelle Handlungen, wirklich interaktiven Sex, finden wir in Computerspielen also selten diesseits der Paywalls von Pornospiel-Seiten. Und trotz guter Ansätze für sexuelle Aufklärung - wie dem überraschend kritischen "Genital Jousting" oder dem Visual Novel "Ladykiller in a bind", das vor allem auf der Textebene für Erotik sorgt,- blickt Gamesforscherin Nina Kiel mit gemischten Gefühlen auf die Zukunft von Sex in Computerspielen:

"Unser verschämter Umgang mit Sexualität ist ja leider ein gesamtgesellschaftliches Problem. Deswegen werden Spiele alleine keine sexuelle Revolution anstoßen können und plötzlich frei und unverblümt sexuelle Inhalte zeigen können. Dafür braucht es einfach ein gesamtgesellschaftliches Umdenken - das wahrscheinlich jede Menge Zeit brauchen wird."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk