Donnerstag, 29. September 2022

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Sex, Rufmord und Videos

Kritische Journalisten wurden in Aserbaidschan kurz vor dem Eurovison Song Contest besonders stark von der Regierung unter Druck gesetzt. Das bekam auch die Journalistin Khadija Ismayilova zu spüren.

Von Gesine Dornblüth | 26.05.2012

    Bleibt trotz Rufmordkampagne kritisch: die Journalistin Khadija Ismayilova.
    Bleibt trotz Rufmordkampagne kritisch: die Journalistin Khadija Ismayilova. (picture alliance / AP Photo | Aziz Karimov)
    Khadija Ismayilova lebt derzeit in der Wohnung eines Freundes. Die Journalistin geht nicht mehr ohne Begleitung auf die Straße, und auch in der Wohnung ist stets jemand bei ihr.

    "Ich weiß nicht, ob in dieser Wohnung auch Kameras versteckt sind. Gut möglich. Jedes Mal, wenn ich ins Bad gehe, denke ich an die Kabel, die ich in meinem Bad entdeckt habe. Da hat jemand intimste Momente beobachtet. Wenn du ständig daran denkst, wirst du verrückt."

    Khadija Ismayilova ist eine der wenigen investigativ arbeitenden Journalistinnen in Aserbaidschan. Sie hat aufgedeckt, dass Banken illegal privatisiert wurden, und dass Mitglieder der Präsidentenfamilie daran beteiligt waren. Seit einigen Wochen arbeitet sie an einer Geschichte über ein großes Bauvorhaben in Baku, auch daran sollen Mitglieder der Präsidentenfamilie verdienen. Ismayilovas Beiträge erscheinen unter anderem bei Radio Liberty. Sie hat sich damit Feinde gemacht, Feinde, denen offenbar alle Mittel recht sind. Am 07. März erhielt sie einen Drohbrief.

    "Darin stand: Benimm dich, du Nutte, oder wir verleumden dich."

    Der Brief enthielt Fotos aus einem Video, das die Journalistin beim Sex zeigt. Jemand hatte eine Kamera in ihrer Wohnung installiert. Khadija Ismayilova ließ sich nicht einschüchtern und machte den Drohbrief öffentlich. Zwei Tage später waren die intimen Aufnahmen online.

    " Normalerweise würden Frauen in Aserbaidschan in so einer Situation verstummen. Vielleicht haben sie auch erwartet, dass ich mich umbringe. Oder dass mich jemand tötet, denn in unserem Land gibt es immer noch Ehrenmorde. Aber sie haben sich verkalkuliert. Sie hätten mich besser kennen sollen.
    Ich schäme mich nicht für meine Sexualität. Es ist normal, Sex zu haben. Wo ist das Problem?"

    Journalisten in Aserbaidschan leben gefährlich. Immer wieder werden Reporter bei ihrer Arbeit behindert, eingeschüchtert oder sogar verprügelt. Human Rights Watch hat sechs Journalisten gezählt, die zurzeit aus politischen Gründen im Gefängnis sitzen. Dementsprechend üben sich viele Journalisten in Selbstzensur. Sie halten eine rote Linie ein. Die Geschäfte der Präsidentenfamilie und ihres Umfeldes sind tabu. Khadija Ismayilova hat dieses Tabu gebrochen.

    "Ich hatte es nicht gezielt auf die Präsidentenfamilie abgesehen. Es ist nur so: Ganz egal, um welches Geschäft es geht - sobald du genauer hinschaust, taucht der Name der Familie auf. Und dann musste ich entscheiden: Schreibe ich, was ich herausgefunden habe oder nicht. Und ich fand keine ausreichende Rechtfertigung dafür, es nicht zu schreiben."

    Khadija Ismayilova ist davon überzeugt, dass ihre Überwachung mit versteckten Kameras von ganz oben angeordnet wurde. Verleumdungen war sie schon zuvor ausgesetzt. Zum Beispiel schrieb die Zeitung der Regierungspartei, sie sei eine Agentin Armeniens. In Aserbaidschan kommt das Rufmord gleich. Armenien hat weite Teile Aserbaidschans besetzt. Beide Länder befinden sich seit Jahren im Konflikt um Berg-Karabach. Dass ihre Gegner nun das Sexvideo herausholten, habe, sagt die Journalistin, mit dem Eurovision Song Contest zu tun.

    "Ihre Propaganda zum Eurovision Song Contest hat versagt. Sie haben enorm viel Geld ausgegeben, um ein positives Image Aserbaidschans zu schaffen. Meine Geschichten über Korruption haben ihre Investitionen in dieses positive Image zunichte gemacht."

    Diverse ausländische Organisationen haben Khadija Ismayilova in den letzten Wochen Zuflucht angeboten. Sie hat alle Einladungen ausgeschlagen.

    "Ich werde das Land nicht verlassen. Und ich werde nicht aufhören. Je stärker sie mich unter Druck setzen, umso entschlossener bin ich, zu bleiben und weiterzumachen."

    Für ihren Mut erhielt Khadija Ismayilova Ende Mai den Gerd-Bucerius-Preis der ZEIT-Stiftung für freie Presse in Osteuropa.