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Shakespeare
Theater für alle Schichten

William Shakespeares Theaterstücke waren schon im ausgehenden 16. Jahrhundert Kassenschlager. Der Direktor des britischen Museums, Neil MacGregor, erklärt in einem Buch den Erfolg des Schriftstellers und die damalige Zeit anhand von 20 profanen Gegenständen wie Gabeln und Mützen.

Von Iris Braun | 30.12.2013
    Die Magie der Werke Shakespeares, ihre universalen Wahrheiten über Macht, Leben und Liebe überdauern seit Jahrhunderten - so weiß man zum Beispiel, dass der eingekerkerte Nelson Mandela aus "Julius Caesar" Kraft und Inspiration schöpfte. Der Direktor des britischen Museums, Neil MacGregor, zeigt jetzt in seinem neuen Buch, wer sich Aufführungen wie "Julius Caesar" damals angesehen hat, wo sie gespielt wurden und wie aus diesen populären Theaterstücken überhaupt Weltliteratur werden konnte. Gleich zu Beginn des Buchs macht MacGregor deutlich, dass Shakespeare bereits damals weite Teile der englischen Gesellschaft erreichte. Und das kann der Kunsthistoriker auch beweisen, etwa mithilfe einer eleganten Gabel, gefunden in den Ruinen des Londoner Rose-Theaters. Es muss in den 1590er Jahren gewesen sein, als dort ein Edelmann oder eine Edelfrau saß, ein Stück anschaute und Zuckerwerk mit dieser langen Gabel aß. Unweit davon fanden die Archäologen aber auch Unmengen von Austernschalen, damals ein Arme-Leute-Essen. Und überall verstreut fanden sie Überreste von Bierkrügen und Ale-Flaschen - damals wie heute eher schlichte Getränke. Da hockten also offensichtlich Arm und Reich beieinander und sahen Shakespeares Stücke an. Und dies in einem Theater, das ebenso wie Shakespeares "Globe" ein Geschäftsmodell daraus gemacht hatte, schichtübergreifend die Menschen zu unterhalten - die Reichen sitzend oben in den Rängen, die Ärmeren stehend unten im Parkett. Das war etwas, was es so nur in England gab, wie MacGregor schreibt:
    "Indem sie derart vielfältige Spuren von Gaumenfreuden im Theater zu Tage förderten - von der simplen Austernschale bis zur eleganten Konfektgabel - konnten die Archäologen zeigen, wie sehr sich englische playhouses von den meist höfischen Theatern des Kontinents unterschieden. In Londoner Theatern kamen Höflinge und gemeines Volk zusammen (…) Die erstaunliche Vielfalt der von Shakespeare auf die Bühne gebrachten Charaktere spiegelt die soziale Mischung seines Publikums."
    Dieses Kapitel rund um Essen und Trinken in den elisabethanischen Theatern ist ein gutes Beispiel dafür, wie es MacGregor gelingt, den Leser in die Szenen hineinzuziehen. Während des Lesens sieht man den edlen Besucher förmlich geziert die Gabel zum Mund führen, kann die Austernschalen knacken hören und das Zischen, mit dem die Ale-Flaschen geöffnet werden. Dass eine alkoholisierte Zuschauermenge, so gut sozial gemischt sie auch sein mag, eine Gefahr darstellte, beschreibt MacGregor ein paar Kapitel weiter. Um zunächst den sozialen Sprengstoff dieser Zeit zu verdeutlichen, nimmt er ein ganz harmloses Objekt zu Hilfe: eine Wollmütze. Solche Kopfbedeckungen mussten Handwerksburschen tragen, um den Standesunterschied zu ihren Herren zu markieren. Und genau von diesen Lehrlingen gab es im 16. Jahrhundert mehr und mehr. Englands wirtschaftlicher Aufstieg bedeutete Arbeit in den Städten für viele Jungen vom Land, und die vergnügten sich in ihrer Freizeit im Theater. Für einen Penny standen sie im Parkett. Und nicht nur dort ging von ihnen eine latente Unruhe-Gefahr aus, von Shakespeare literarisch umgesetzt, wie MacGregor schreibt:
    "Das aufsässige Verhalten einiger junger Mützenträger konnte, insbesondere an öffentlichen Feiertagen, richtig gefährlich werden. Während der 1590er Jahre führte eine Folge von Missernten im ganzen Land zu Demonstrationen gegen gestiegene Lebensmittelpreise. Diese Proteste gerieten häufig außer Kontrolle. Einen solchen Moment stellt Shakespeare in 'Coriolanus' dar. Das hungernde Volk wird aufgestachelt in seinem Zorn gegen den Mann, den man für die Lebensmittelknappheit verantwortlich machte."
    MacGregor zeigt hier, wie durchlässig die Grenze zwischen Bühnenstück und Zuschauerraum war, wie das Publikum eigenes Erleben in den Stücken des Dichters wiederfand - und wie magisch das auf seine Zeitgenossen gewirkt haben muss. Aber eben nicht nur auf sie. Als einige Jahrhunderte später der junge Marcel Reich-Ranicki im Warschauer Ghetto seine Verlobte überhastet heiratet, um sie vor der Deportation zu schützen, kommt ihm Shakespeare in den Sinn: "Ward je in dieser Laun ein Weib gefreit?" In größter Bedrängnis, in einer sehr dunklen Zeit fällt einem jungen deutsch-polnischen Juden ein Zitat aus "Richard III". ein. MacGregor erklärt das so:
    "… seit einigen hundert Jahren haben Menschen wie Marcel Reich-Ranicki bei Shakespeare die Worte gefunden, mit denen sie ihre tiefsten Gefühle ausdrücken konnten. Wie wurde dieser so sehr auf sein Publikum achtende Schriftsteller zum persönlichen Begleiter so vieler Späterer, seine Worte zum Stoff, aus dem ihre Hoffnungen, Ängste und Träume gemacht sind? Wie konnte dieser so englische Theaterautor zu einem Autor für die ganze Welt werden?"
    Neil MacGregor glaubt, dass es zwei Antworten auf diese Frage gibt. Zum einen Shakespeares Werk an sich, das wie kaum ein anderes das ganze Spektrum menschlicher Empfindungen kennt. Aber dass man diese Stücke überhaupt kennt, ist wiederum einem Gegenstand zu verdanken, passenderweise einem Buch. Neil MacGregor führt aus, dass es der erste "Folio" war, der 20 Werke Skakespeares erst in die Welt gebracht hat. Dieser erste Band, sechs Jahre nach dem Tod des Dichters erschienen, herausgegeben von den ehemaligen Weggefährten Hemmings und Condell, ist die einzig verlässliche Quelle für diese Stücke, wie der Kunsthistoriker ausführt.
    "Mit diesem Band konnten, wie schon Hemmings und Condell betonen, Menschen von überall, auch wenn sie nie ein Shakespeare-Stück gesehen haben, sein Werk zu einem Teil ihres Lebens machen. Sie konnten ihn wieder und wieder lesen. Und das haben sie, wie wir wissen, auch von Anfang an getan."
    Einer dieser Menschen, der Shakespeare wieder und wieder gelesen hat, war, wie man sicher weiß, Nelson Mandela. Auf Robben Island in den Zellen der gefangenen Apartheid-Gegner war Shakespeares Gesamtausgabe allgegenwärtig. Mandela selber schrieb seinen Namen über eine Passage von Julius Caesar, die mit den Worten beginnt: "Der Feige stirbt schon vielmal, eh er stirbt" und endet mit: "der Tod, das Schicksal aller, kommt wann er kommen soll". Neil MacGregor beendet seine Reise durch Shakespeares ruhelose Welt mit diesem starken Bild, das zweierlei zeigt: einen Schriftsteller, der Menschen aller Nationen so trösten und inspirieren kann - und das seit Jahrhunderten - der zu Recht als Genie gefeiert wird. Und einen Sachbuchautor wie Neil MacGregor, der Shakespeares Wirkung so aufregend darstellt, von den Bühnen der Tudors bis in die Zellen von Robben Island, den man zu diesem Buch nur beglückwünschen kann.
    Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt, C. H. Beck Verlag, 347 Seiten, 29,95 EUR, ISBN: 978-3-406-65287-5