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Shooting-Star oder ernsthafter Maler?

Tim Eitels Lebenslauf klingt zunächst sehr schwäbisch: Schulzeit am Mörike-Gymnasium in Stuttgart, Kunststudium in Stuttgart. Aber dann wechselte er nach Halle, wo er sein Studium beendete, und wie er malt, das weist ihn unzweifelhaft als Vertreter der erfolgreichen Neuen Leipziger Schule aus. Heute lebt er in Berlin, Jetzt ist sein Werk nach Tübingen, man könnte sagen, zurückgekommen.

Von Christian Gampert |
    Graue Tauben auf einem grauen Müllcontainer, der leicht schräg auf einer grauen Straße vor einem grauen Bürgersteig und einer grauen Wand steht: ist das eine Gegenwarts-Diagnose? Oder ist das nur die Welt von Tim Eitel? Das Bild - im letzten Jahr gemalt - misst immerhin 2.74 m mal 2.06, und das einzige, was hier wenigstens farblich lebendig scheint, sind einige blaue Müllbeutel und, im Rinnstein, ein armseliger blauer Pappbecher.

    Natürlich sind die Bilder, die Tim Eitel malt, völlig durchkalkuliert. Aber es sind eben Momentaufnahmen einer globalisierten Trostlosigkeit: leere Welten, Landschaften, Flächen, die eine innere Befindlichkeit, eine Grundstimmung verdichten. Menschen stehen relativ beziehungslos in diesen Arrangements herum, meist sind sie von hinten zu sehen, denn es ist ja so schwierig, einander ins Gesicht zu gucken; oft wirken die Situationen auch wie Museums-Szenen: Die Künstlichkeit und Konzentration der Museums-Atmosphäre findet sich auch in den Bildern wieder.

    Die Tübinger Ausstellung, die der Kurator Martin Hellmold zusammen mit dem Maler selber gehängt hat, verstärkt dieses artifizielle Moment konsequent durch die Art der Präsentation: In der Haupthalle sind nur einige wenige Großformate zu sehen, daneben aber eine Vielzahl von Kleinformaten. Das wirkt überraschend und skurril und zwingt zum genauen Hinsehen. In den kleineren Ausstellungsräumen dagegen hängen durchaus auch mal erschlagende Großformate einander gegenüber, konterkariert von ein paar Kleinstbildern. Zwischen diesen beiden Bildgrößen gebe es für ihn nichts, sagt Tim Eitel. Das kleine Format sei intim, das große körperlich, dazwischen falle ihm einfach nichts ein.

    Man mag das für kokett erachten, wie man überhaupt Eitels Welt der Reduktion durchaus für eine Masche halten kann. Allerdings reagiert die starke Stilisierung der Räume und Figuren, die Flächigkeit, die Darstellung von Isolation und Kälte dieser Bilder durchaus auf eine gesellschaftliche Tendenz. Die Personen auf diesen Bildern sind Obdachlose, und oft wird diese Obdachlosigkeit auch nur durch Requisiten erzählt: der mit Tüten oder Koffern vollgepackte Transportwagen kündet von einer transitären Existenz, einer Übergangs-Existenz, egal, ob nun der Wohnungslose auf einem Einkaufs-Caddie seine Habseligkeiten verstaut oder der globalisierte High-Tech-Jobber am Flughafen einen Gepäckwagen vor sich herschiebt. Und von ferne winkt ein Beckett-Bäumchen.

    Die fahlen hellen Farben aus Eitels vorhergehender, sogenannter romantischer Phase finden sich nur auf wenigen Bildern der letzten vier Jahre, die hier gezeigt werden; jetzt versinken ganze Szenen im Dunkel, obwohl sie fotorealistisch konzipiert sind. Aber jemand wie der Fotorealist Franz Gertsch wirkt wie ein Bonvivant gegen Eitel, der immer mit einer Kleinstkamera als Skizzenblock unterwegs ist, brauchbare Motive auf die Leinwand projiziert und erst dann die assoziative Zwiesprache mit dem Material beginnt: die Stilisierung, das Aufbauen monochromer Farbflächen und Koordinaten. Die Bilder, die dann herauskommen, sind geprägt von Mondrianscher, abstrakter Strenge im Aufbau, aber in ihren Figuren, in ihrer Bilderzählung, in ihrer Haltung transportieren sie eine Melancholie wie die kalten Bilder von Edward Hopper oder auch die hyperrealistischen Skulpturen des Duane Hanson.

    Eine Frau im roten Mantel steht bei Eitel vor einer Wand, einen Aktendeckel in der Hand - aber es wäre schon zuviel der Charakteristik, sie eine Sekretärin zu nennen. Zwei Frauen rudern in einem Nachen, irgendwo im Hochwasser einer zubetonierten Stadt. Kleiderberge auf Rädern fahren dumpf drohend durch die Nacht, Obdachlose liegen auf der Straße und verschwinden in Rembrandtschem Dunkel. Drei Garagen stehen vor einem Reihenhaus - selten hat man etwas deprimierenderes und lächerlicheres gesehen.

    Die Realität sieht bei Tim Eitel aus wie ein trauriger Modellbaukasten der Einsamkeit, und man muss zugeben, dass diese Bilder gerade in der Masse eine starke Wirkung haben - und nun auch in dieser konzeptuell überzeugenden Museums-Schau bestehen können.