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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Siba Shakib: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol.28.01.2002

Siba Shakib: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol.

C. Bertelsmann Verlag München 2001, RUT 22.-

Brigitte Baetz:

Es gibt Bücher, liebe Hörerinnen und Hörer, bei deren Lektüre sich die Frage aufdrängt, wie viel Leid und Erschütterungen ein Mensch in seinem Leben ertragen kann, ohne dabei selbst den letzten Rest an Menschlichkeit oder auch an Lebensmut zu verlieren. Die Geschichte der Shirin-Gol, die Siba Shakibs Buch "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen" erzählt, gehört dazu. Die Biographie Shirin-Gols, die sie in den Grundzügen mit Millionen afghanischer Leidensgefährtinnen teilt, liest sich wie ein einziger Alptraum - der dem berühmten "Träume"-Zyklus des Schriftstellers Günter Eich entsprungen sein könnte. "Ist jetzt Krieg?" fragt dort im dritten Traum ein Kind seine Mutter und erhält zur Antwort: "Es ist immer Krieg". Dieses Gefühl währt in Afghanistan seit fast einer Generation - und hat dort, gepaart mit Armut, Flucht, Vertreibung und religiösem Fanatismus ein Maß an äußerer und innerer Verwüstung, letztere wohl besonders bei Afghanistans Frauen, angerichtet, die Siba Shakibs Buch zumindest erahnen lässt. Hören Sie Brigitte Beatz über eines der sicher aufwühlendsten neuen Sachbücher der letzten Monate.

Es ist so, dass Shirin-Gols Schicksal sehr exemplarisch ist. Ich habe so viele Frauen in Afghanistan kennen gelernt, vor denen ich mich wirklich nur tief verneigen kann, weil sie alle auf eine bestimmte Art und Weise eine Stärke haben, eine Energie haben, einen Lebenswillen, einen Lebensmut, eine Lebenshoffnung haben, die ich nirgends erlebt habe und auch aus mir heraus nicht gekannt habe.

Die Journalistin und Filmemacherin Siba Shakib ist eine ausgewiesene Kennerin Afghanistans. Mehrfach hat die Kölnerin, die familiäre Wurzeln in Persien hat, das Land am Hindukusch bereist ? und zwar vor dem 11. September. Ihr Buch ist keine Faktensammlung, kein erneuter Erklärungsversuch des "Wie konnte es dazu kommen?"

Es ist die Geschichte eines Landes, das seit Jahrzehnten im Ausnahmezustand lebt. Und die Geschichte seiner Menschen, die so stark sind, so stark sein müssen, dass sich der europäische Wohlstandsbürger mit ihnen nie wird messen können. In einem Flüchtlingslager der Vereinten Nationen trifft Siba Shakib, von dem Elend, das um sie herum herrscht, erschöpft und aufgewühlt, auf die Afghanin Shirin-Gol.

Verzeihen Sie bitte. Mehr kann ich nicht sagen, meine Zunge klebt an meinem Gaumen fest. Ich starre das Tuch vor mir an, bis ich endlich weitersprechen kann. Ich stehe nur so hier herum. Ich arbeite nicht für die Vereinten Nationen, auch nicht für eine andere Hilfsorganisation. Ich bin nur hier, weil ich... Weil ich was? Weil ich mir euer Elend ansehen, es filmen und darüber schreiben möchte. Weil wir, die Menschen im Westen, unser Herz nur noch spüren, wenn wir das weit entfernte Leid der Welt sehen? Weil ich denke, es könnte euch helfen, wenn irgendjemand erzählt, wie grausam das Leben ist, das ihr führt? Besonders wenn euer Herrgott euch als Mädchen in die Welt geschickt hat? Weil ich... Geht es dir gut? Fragt das Tuch. Eine Hand kommt darunter hervor, schiebt meinen Ärmel hoch und legt sich auf meinen Arm. Das kann nicht sein, denke ich. Ich stehe mitten in der Wüste, sehe zu, wie Hunderte und Tausende Menschen wie Vieh auf Ladeflächen von Lastwagen zusammengepfercht werden, und diese Frau fragt mich, ob es mir gut geht!

Shirin-Gol, ihr Name bedeutet auf Deutsch Süße Blume, erzählt Siba Shakib ihr Leben, bedrängt sie geradezu, es aufzuschreiben. Sie, die zwar Lesen und Schreiben gelernt hat, aber kaum je ein Buch in Händen halten konnte, das kein Schulbuch war, weiß um die Macht von Büchern. Ihr Mann Morad, der zwangsweise für die Russen gegen seine eigenen Landsleute kämpfen musste, hatte ihr erlaubt, die Schule auch nach der Heirat weiter zu besuchen, weil er erkannt hatte, dass ein Volk ohne Bildung keine Zukunft hat.

Der einzige Grund dafür, warum unsere eigene Regierung unser Land und uns verraten und an die Russen verkaufen konnte, unser Elend, dieser Krieg, alles das konnte nur passieren, weil wir dumm sind, weil wir nichts wissen, nichts verstehen, weder lesen noch schreiben können, weil wir jedem glauben, der sich vor uns stellt und klug redet, einen Zettel in der Hand hält und sagt, das ist ab heute das Gesetz. Wir sind ein Volk von Blinden. Jeder kann mit uns machen, was er will.

Shirin Gol, das neunte von elf Kindern einer Bauernfamilie, erlebt als kleines Mädchen, wie ihre großen Schwestern russischen Invasoren schöne Augen machen, um sie dann während des Liebesaktes umzubringen und ihre Waffen zu stehlen. Sie flieht mit ihrer Familie vor dem Elend des Krieges in die Hauptstadt Kabul, wo sie zum ersten Mal in Kontakt kommt mit der modernen Zivilisation, mit Abwassersystemen, Elektrizität und unverschleierten Frauen. Ihr Vater wird gezwungen, auch seine Mädchen in die Schule zu schicken. Erst geht Shirin-Gol aus Angst vor dem Gefängnis in den Unterricht, doch bald begreift sie das Lernen als Chance, die Welt besser zu verstehen. Die Kenntnisse in Lesen und Schreiben werden ihr in ihrem Leben noch oft helfen, denn sie privilegieren sie, machen sie nützlich für selbst ernannte Lagerälteste und Schmuggler. Und beides: Flüchtlingslager und der Schmuggel hin und zurück über die Grenzen nach Pakistan und den Iran wird sie zur Genüge kennen lernen.

Es ist im Prinzip die Geschichte von Flucht und deswegen exemplarisch, weil, seit die Sowjetunion in Afghanistan eingefallen ist, immer ungefähr sechs Millionen Menschen im Land unterwegs gewesen sind, vom Norden nach Süden, vom Westen nach Osten und immer ungefähr sechs Millionen Menschen auch im Ausland auf der Flucht gewesen sind und das ist ne riesige Zahl für ein Land, was zwischen 18 und 26 Millionen Einwohnern hat, insgesamt, d.h. ein Drittel der Bevölkerung immer außerhalb und ein Drittel der Bevölkerung innerhalb des Landes auf der Flucht gewesen.

Ein Leben auf der Flucht, in dessen Verlauf Shirin-Gol sechs Kindern das Leben schenken wird. Zwei von ihnen sind nicht von ihrem Ehemann Morad, sondern von einem Drogenschmuggler, der ihre Notlage ausgenutzt und sie gegen Geld und Lebensmittel zu seiner Geliebten gemacht hat und von einem von drei pakistanischen Polizisten, die sie vergewaltigt haben. Trotz des offiziellen und inoffiziellen Ehrenkodexes der Frau müssen sich afghanische Frauen permanent prostituieren, um sich und ihren Familien das Leben zu ermöglichen. Ob Russen, Mudjaheddin oder später Taleban, Sexualität ist eine Ware, die gegen Lebensmittel und sonstige Vergünstigungen eingetauscht werden muss. Ein Handel, der auch vor kleinen Jungen nicht halt macht. Doch das Schlimmste ist nicht die Schande, die den Frauen bereitet wird, das Schlimmste ist der permanente Aufbruch, die stete Hoffnung, die Lage möge sich zum Besseren wenden, die doch immer wieder zerstört wird. Als die Familie der Shirin-Gol nach langer Zeit aus dem Exil im Iran wieder nach Afghanistan zurück muss, weil das Nachbarland die Flüchtlingsmassen nicht mehr länger versorgen kann, bricht der Ehemann zusammen.

Auf den Lastwagen geladen wie Vieh, kommen sechs und hundert andere Namen in die Heimat zurück. Sechs und hundert Namen klettern herunter, berühren den Boden der Heimat. Morad hockt sich auf die trockene Erde der Heimat, will nicht mehr aufstehen. Die anderen gehen um ihn herum, manche Männer versuchen ihn hochzuheben. Morad will nicht. Wehrt sich mit Händen und Füßen. Andere Männer hocken sich zu ihm. Morad fängt an zu weinen. Weint, weint, weint.(...) macht sich Vorwürfe, kann es nicht aushalten, mit ansehen zu müssen, wie armselig das Leben ist, das er seiner Frau und seinen Kindern bietet, nach all den Jahren, die er sie hin und her geschleppt hat, vom Süden in den Norden, von Pakistan in die Berge, von der Heimat in den Iran und zurück und all das, nur um an Ende wieder auf Gottes nackter Erde zu schlafen, dafür, dass seine Kinder seit Tagen kein frisches Wasser getrunken und kein warmes Essen bekommen haben.

Der Mann, zeitweise opiumsüchtig, ist nicht in der Lage, die Familie allein über Wasser zu halten. Das ändert sich auch nicht unter dem brutalen Regime der Taleban, das es Frauen so gut wie unmöglich macht, überhaupt noch außer Haus zu gehen. Trotzdem, das zeigt dieses Buch, gibt es in einer Diktatur, so schlimm sie auch sein mag, immer auch Grauzonen, geschaffen durch die Großzügigkeit und den Gerechtigkeitssinn Einzelne, die in Wort und Tat Shirin-Gol und ihren Kindern zu Hilfe kommen. Freundliche Teehausbesitzer, die der Familie zu essen geben, z.B. oder diejenigen, die sich zusammentun, um sich gegenseitig beizustehen.

Das sind größtenteils einzelne Frauen, Frauen, die entweder studiert haben oder angefangen haben zu studieren und nicht zu Ende studieren konnten, weil die Universität wegen der Kriege geschlossen wurde, die dann z.B. home schools, so genannte home schools aufbauen, das sind Schulen für Mädchen, zu Hause, bei irgendwelchen Frauen, heimliche Schulen natürlich, da gehen auch Jungs hin, aber die sind vor allen Dingen für Mädchen, Mädchen, die normalerweise von ihren Familien nicht die Genehmigung bekommen hätten, in die Schule zu gehen. Weil Taliban verboten haben, dass Mädchen in die Schule gehen, ist da so eine Art Trotz auch entstanden, jetzt erst recht. Und das alleine ist schon Widerstand, dass ein Mensch sein Leben riskiert, auf die Straße geht, heimlich irgendwo sein Buch versteckt, sein Heft versteckt, na gut, unter der Burqha geht das relativ leicht, in die Schule geht, die Nachbarn kriegen es mit, ringsrum kriegen die Leute mit, da ist ein Mädchen alleine unterwegs oder zwei Mädchen zusammen unterwegs, das alleine ist schon Widerstand.

Der Begriff Widerstand ist eine Konstante in Siba Shakibs Buch. Ihre Protagonistin Shirin-Gol verwendet ihn immer dann, wenn ihr bewusst wird, wie Frauen durch Bildung unabhängig werden, Fragen stellen, unbequem werden. Widerstand wird hier nicht nur verstanden als Widerstand gegen das Regime der Taleban, sondern auch als Widerstand gegen gesellschaftliche und kulturelle Gewohnheiten, die Frauen zu Opfern machen. Dabei sind ja nicht nur die Frauen Opfer, sondern ein ganzes Land, dessen Fortschritt von dem Maße abhängen wird, in dem Frauen in Zukunft am öffentlichen Leben beteiligt werden. Der Titel des Buches "Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen" mag sehr pathetisch klingen, doch weist er gleichzeitig darauf hin, wie fragwürdig oder zumindest tragisch es ist, wenn ein seit Jahren derart am Boden liegendes Land wie Afghanistan nun wiederum zur Zielscheibe von Bomben geworden ist. Denn auch wenn der jüngste Krieg das Regime der Taleban beseitigt zu haben scheint, die Not der Zivilbevölkerung lässt sich kaum ermessen ?auch dies deutet Siba Shakib an. Im letzten Teil ihres vor dem 11.September konzipierten Buches trifft Shirin-Gol eine lange vermisste Freundin wieder, eine Ärztin, die heimlich Patientinnen behandelt und einen Kreis von Frauen um sich gebildet hat.

Sie helfen sich gegenseitig, Arbeit zu finden. Geld zu verdienen. Einen Platz zu finden, wo sie und ihre Kinder leben können. Sie helfen anderen Frauen, sich und ihre Kinder durchs Leben zu schleppen.(...) An diesem Nachmittag wissen Shirin-Gol und Azadine noch nichts von dem, was wenig später in ihrer Heimat geschehen wird. Die Ärztinnen, die Landwirtin, die Biologin, die Lehrerinnen, die Ingenieurin, die Krankenschwester, die Frauen, die lesen können, die Frauen, die nicht lesen können, die Frauen, die sich in Azadines Haus versammelt haben, wissen noch nicht, dass in weniger als einem Jahr die Amerikaner und Europäer ihnen im Kampf gegen die Taleban endlich zur Hilfe kommen werden. An diesem Nachmittag glauben die Frauen zum soundsovielten Mal voller Hoffnung, die ihnen niemand nehmen kann, an eine bessere Zukunft. An diesem Nachmittag wissen sie noch nichts von den vielen Freunden, die sie im fernen Amerika und Europa haben. Sie wissen noch nicht, dass Bekämpfung von Terrorismus nur mit Bomben und Raketen möglich ist. Die Frauen wissen an diesem Nachmittag noch nicht, dass bald wieder Bomben auf sie, auf Kabul, auf alle anderen Städte, auf ihr Land geworfen werden. An diesem Nachmittag wissen sie nicht, dass die Amerikaner zu ihrer Befreiung kommen werden. Dass viele von ihnen zum soundsovielten Mal in ihrem Leben alles zurücklassen und fliehen müssen. Sie wissen an diesem Nachmittag noch nicht, dass ein paar von ihnen einige Monate später tot sein werden. Getroffen von Bomben der Amerikaner, die gekommen sind, sie zu befreien.

Brigitte Baetz über Siba Shakib: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol. Erschienen im C. Bertelsmann Verlag München zum Preis von 22 Euro.

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