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StartseiteForschung aktuellTschernobyl und die neue Hülle für den Sarkophag20.03.2015

Sicherer EinschlussTschernobyl und die neue Hülle für den Sarkophag

Fast 29 Jahre ist es her, dass ein fehlgeschlagener Versuch den bislang schwersten Atomunfall aller Zeiten auslöste: In Tschernobyl explodierte Block 4. Eine neue Hülle soll den maroden, einsturzgefährdeten Sarkophag umgeben, der 1986 eilig über dem Reaktorblock errichtet worden war. Der Bau wird in wenigen Monaten abgeschlossen sein. 2017 soll darunter der Rückbau beginnen.

Von Dagmar Röhrlich

Construction of the "Shelter" - a new, environmentally-friendly sarcophagus (picture-alliance / dpa / Alexei Furman)
100 Jahre lang soll die neue Hülle halten: So viel Zeit wird gebraucht, um die rund 150 Tonnen teilweise geschmolzenen Kernbrennstoff aus dem Inneren des Sarkophags herauszuholen. (picture-alliance / dpa / Alexei Furman)
Weiterführende Information

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Eine Pressekonferenz in Kiew, denn ein Baustellenbesuch ist geplant - in Tschernobyl. Dort näher sich ein ehrgeiziges, internationales Projekt seiner Vollendung: das New Safe Confinement, der neue sichere Einschluss.

Diese neue Hülle soll den maroden, einsturzgefährdeten Sarkophag umgeben, der 1986 eilig und unter Lebensgefahr für alle Beteiligten über dem explodierten Reaktorblock 4 errichtet worden war. Vince Novak ist Direktor der Abteilung für Nukleare Sicherheit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, EBRD, die im Auftrag der EU in Tschernobyl engagiert ist.

"100 Jahre lang soll die neue Hülle halten: So viel Zeit wird gebraucht, um die rund 150 Tonnen teilweise geschmolzenen Kernbrennstoff aus dem Inneren des Sarkophags herauszuholen."

"Der Bogen" soll es richten

Am nächsten Mittag stehen wir dann vor dem riesigen tonnenförmigen Gewölbe, das kurz "der Bogen" genannt wird. Aus Strahlenschutzgründen wird es in einigem Abstand vom aktuellen Sarkophag auf einem dekontaminierten und zubetonierten Gelände errichtet.

"Der Bogen ist 262 Meter breit, 110 Meter hoch und 160 Meter lang. "

erzählt Nicolas Caille, geschäftsführender Direktor von Novarka. Das ist das französische Konsortium, das die Hülle baut. Gerade laufen Verkleidungsarbeiten: Klein wie Ameisen wirken die Männer, die hoch oben mit dem Ausbau der Doppelverkleidung aus Kunststoffmembranen, Isolierschichten und Kohlenstoffstahlblechen beschäftigt sind:

"Wir können die 100 Jahre Lebenszeit nur garantieren, wenn wir die Luftfeuchtigkeit im Inneren der Doppelhülle kontrollieren. Alle paar Jahre Streichen, wie sonst bei Stahlkonstruktionen üblich, das geht hier nicht. Also darf die Luftfeuchtigkeit im Inneren des Dachs nie höher liegen als 40 Prozent, um der Korrosion vorzubeugen."

Mehr als 36.000 Tonnen wird die Struktur wiegen

Hoch oben im Bogen ist die Kabine zu erkennen, von der aus die Sicherungs- und Rückbauarbeiten ferngesteuert laufen sollen. Noch fehlt ihre Bleiverkleidung. Installiert hingegen sind die sechs Schienensysteme, an denen die beiden Schwerstlastkräne hängen werden.

Mehr als 36.000 Tonnen wird die Struktur wiegen, wenn sie fertig ausgerüstet auf Schienen über den Sarkophag geschoben wird. Dann beginnt die letzte und noch einmal schwierige Phase: Die neue Hülle und der Sarkophag müssen abgedichtet werden, damit nichts nach außen dringen kann.

"Sehen Sie diese Panele auf der linken Seite? Sie sind genau an die äußere Form des existierenden Sakrophags angepasst. Wenn wir die fertig ausgestattete Hülle auf Schienen über ihn schieben, klappen wir sie hoch. Danach kippen wir sie wieder herunter. Dann verbinden und versiegeln wir den alten Sarkophag und die neue Hülle mit einer elastischen Membran."

In dieser Phase werden die Strahlenschützer noch einmal besonders gefordert sein: Um die Membran anzupassen, wird direkt am Sarkophag gearbeitet werden. Danach kann der Rückbau beginnen. Zunächst wird es um die Entfernung einsturzgefährdeter Gebäudeteile gehen. Das Problem: Schon der Bau der neuen Hülle war nur mit internationaler Unterstützung möglich, und die Kosten für den Rückbau werden noch sehr viel höher ausfallen. Die Frage ist, ob die Ukraine die dafür benötigten Geldmittel aufbringen kann.

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