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StartseiteKultur heuteSicherheitswahn und Konsumkultur11.05.2009

Sicherheitswahn und Konsumkultur

Christoph Marthalers neues Stück "Riesenbutzbach" bei den Wiener Festwochen

"Riesenbutzbach" bezeichnet einen Ort, der in Westeuropa beliebig verpflanzt werden könnte. Denn das neue Stück von Christoph Marthaler handelt von der Wirtschaftskrise und den Ängsten der Menschen vor dem sozialen Abstieg. Doch der Abend bleibt plakativ.

Von Sven Ricklefs

Christoph Marthalers neues Stück ist bei den Wiener Festwochen zu sehen.  (AP)
Christoph Marthalers neues Stück ist bei den Wiener Festwochen zu sehen. (AP)

Was für ein Name: Riesenbutzbach. Darauf muss man erst einmal kommen. Wer da an Butzenscheiben denkt, liegt kaum falsch, den Rest kann man sich denken. "Institut für Gärungsgewerbe" steht hoch oben auf dem Bühnenportal, ein Begriff, der alles sagt, ohne dass man weiß, was sich eigentlich dahinter verbirgt. Was hier gärt, ist die Krise oder vielmehr die Menschen sind's, die diese Krise leben und nicht leben wollen. Wir also sind's, die sich da in die Gärung von Riesenbutzbach zurückgezogen haben, in diesen merkwürdigen Hallenbunker von Bühnenbildnerin Anna Viebrock, der mit seiner scheußlichen Blütentapete daherkommt wie ein Wohnzimmer. Darin: Tische, Stühle, Schränke, Kommoden, akkurat angeordnet und zugleich hoffnungslos verloren herumstehend, ein Mobiliar, von dem man eigentlich gedacht hätte, der Sperrmüll der 80er-Jahre hätte es spätestens entsorgt.

Aber nein, woran der Mensch festhält, das gärt. Einen Bankschalter gibt es noch, eine Straßenlaterne und drei Garagen, solche, deren Rolltüren poltern, wenn man sie schließt. Die braucht man in der Krise, das ist klar, zum Verbarrikadieren und vielleicht einmal zum Überleben, vielleicht nimmt einem die Bank irgendwann alles, dann kann man immer noch dahin - in die Garage. Doch ist man eigentlich davon überzeugt, dass einen die Krise gar nicht wirklich betrifft und treffen wird sie einen schon gleich gar nicht, wozu ist man denn Mitteleuropäer im von absurden Alarmanlagen gesicherten Riesenbutzbach:

"Überhaupt geht es uns doch eigentlich gut. Wir leben hier im Zentrum. Uns wird man nicht fallen lassen. Einzelne schon. Vielleicht sogar viele Einzelne.. Aber das geht vorüber."

Natürlich ist auch Riesenbutzbach wie immer bei Christoph Marthaler ein Schauspiel mit Musik, das wird auch die Krise nicht ändern, man flüchtet in das Gemeinschaftsgefühl des Gesangs, macht sich Mut und nostalgiert ein wenig mit Schumann oder Bach aber auch mit Lili Marleen oder mit "Staying alive" von den Bee Gees. Doch in den Wohllaut mischen sich Zweifel und wo die einen noch singen, kratzen die anderen im eigenen Kehlkopf oder mit Nägeln oder Handtaschen auf der scheußlichen Tapete.

Gut ist Riesenbutzbach dort, wo es unter den abstrusesten Umständen von Angst und den unsichtbaren Zeichen der Krise zu einer Gemeinschaft im Gesang führt. Und gut ist es auch dort, wo es stumm bleibt, wo es ein Marthalerisches Absurdistan ist aus diesen Alltagsfiguren und ihren Verhaltensweisen, die immer ein ganz klein wenig neben der Spur laufen: Wo die eine der anderen plötzlich auf dem Arm sitzt, wo da einer wacker auf seiner Trompete bläst bis er umfällt, wo man sich auf den Liegestuhl legt, noch immer, jedoch vorsichtshalber nur in der Garage, die Füße immerhin gucken hervor.

Und trotzdem verliert das Stück auch, und zwar immer dort, wo es plötzlich direkt benennt, wo es die Krise benennt, wo es in Dialogen etwa über jene Mechanismen direkt zu reden beginnt, die zu dieser Krise geführt haben.

"Wo stehe ich denn, stehe ich unter meinem Gestern und nur knapp über der Zukunft? Ich will nicht so weit unter mich selber hinunter, das passt nicht zu mir. Jetzt müsst ihr bereuen, jetzt müssen wir alle büßen für die Vermehrung des Geldes bei der wir geholfen haben."

Es ist, als hätte man hier im Kurzschluss wirklich einmal sagen wollen, was Sache ist, worum es geht, doch die Benennung wirkt nur plakativ und tut dem Abend nicht wirklich gut, der erst zum Schluss wieder an Fahrt gewinnt, wenn Marthaler seine Schauspieler im "Institut für Gärungsgewerbe" von Riesenbutzbach in einer Art Krisenmodenschau auf den Laufsteg schickt. Und wenn dann bei jedem Auftritt die Pullover immer ein wenig kürzer und die Trainingshosen immer ein wenig hilfloser werden, dann weiß man wieder, dass man doch im richtigen Theater war.

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