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Sichtbares Paradoxon

Physik. - Die Physiker nehmen an, dass in der Welt der Quanten andere Gesetze gelten, als in der Makrowelt, die wir als normal bezeichnen. So kann ein Atom gleichzeitig an zwei Orten sein, was einem Teilchen der Makrowelt unmöglich ist. Um so interessanter ist die Frage nach der Grenze, an der Quantenwelt und Makrowelt aufeinandertreffen und sich die grundlegenden Regeln offenbar abrupt ändern. Forscher aus den USA konnten jetzt etwas aus der Quantenwelt in die Makrowelt retten.

    Jonathan Friedman von der Universität Stony Brook im US-Bundesstaat New York hat einen Chip hergestellt, der so funktioniert, wie sich Physiker die Quantenwelt vorstellen, obwohl er mit bloßem Auge sichtbar und damit kein Bestandteil dieser Welt der winzigsten Bestandteile ist. Auf dem Chip ist ein SQUID montiert, ein Ring aus supraleitendem Material, in dem widerstandslos Strom fließt. Das Besondere: der Strom fließt sowohl im wie gegen den Uhrzeigersinn. Das entspricht dem Atom, das an zwei Orten gleichzeitig ist. "Unser System erfüllt mit seinen Billionen von Elektronen eine Bedingung der großen Welt, aber wir haben auch zwei Zustände zur selben Zeit, und außerdem sind diese beiden Zustände deutlich voneinander zu trennen", so der Physiker.

    Offenbar ist die Grenze zwischen Mikro- und Makro flexibel. Wie dehnbar sie sind, muss sich noch erweisen. Die Frage ist überdies, wie lange Friedman seinen SQUID in diesem Doppelzustand halten kann. "Das hängt davon ab, wie stark man das System vom Einfluss der Umwelt isolieren kann", erklärt er. Doch wenn sich die Quantenwelt so offensichtlich in unsere Welt retten kann, was bedeutet das für uns? Möglicherweise kann man die Gleichzeitigkeit zweier Zustände doch messen, möglicherweise sogar sehen. Was heißt das dann aber für unser Bewusstsein, das daran gewöhnt ist, nur mit einem Zustand zu rechnen. Beruhigenderweise dürfte jedoch der Umwelteinfluss schnell dafür sorgen, dass sich die Gesetze der Quantenwelt nicht in der Makrowelt breit machen.

    [Quelle: Jan Lublinski]