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"Sie sind da, um ihr Recht abzuholen"

Angesichts des Betrugsverdachtes gegen den Generalsekretär der islamischen Gemeinschaften Milli Görüs, Oguz Ücüncü, hat die türkischstämmige Publizistin Necla Kelek gefordert, die islamischen Verbände in Deutschland genauer zu untersuchen, um zu sehen, mit wem man es zu tun habe. Kelek verlangte auch Konsequenzen für die Zusammensetzung der Islamkonferenz von Innenminister Schäuble, sollte sich der Verdacht gegen Ücüncü erhärten.

Necla Kelek im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske |
    Doris Schäfer-Noske: Zum Auftakt der Islamkonferenz vor zweieinhalb Jahren wurde Bundesinnenminister Schäuble von vielen Parlamentariern beglückwünscht, auch von Politikern anderer Parteien. Nun ist auf dieses Diskussionsforum aber ein Schatten gefallen. Vor zwei Wochen ließ die Münchener Staatsanwaltschaft Wohnungen, Büros und Moscheen in Deutschland und Belgien durchsuchen. Hintergrund sind Ermittlungen gegen sieben islamische Funktionäre. Ihnen wird vorgeworfen, Fördergelder zu Unrecht kassiert und betrügerisch verteilt zu haben. Zu den Verdächtigen gehören der Vorsitzender umstrittenen Islamischen Gemeinschaft Deutschland und der Generalsekretär der islamischen Gemeinschaften Milli Görüs. Letzterer ist Teilnehmer eines Gesprächskreises der Islamkonferenz, der am Donnerstag erneut zusammenkommen soll. Auch die türkischstämmige Publizistin Necla Kelek nimmt an der Islamkonferenz teil, und ich habe sie gefragt, was denn die jüngsten Ereignisse für die Islamkonferenz bedeuten.

    Necla Kelek: Also ich bin jetzt etwas auch irritiert. Soweit ich weiß, geht es ja um Ermittlungen wegen Finanzgeschäften, gegen hohe Islamfunktionäre, unter anderem auch gegen den Generalsekretär Ücüncü zum Beispiel von Milli Görüs. Und wie weit das jetzt wirklich so ist, kann ich natürlich nicht sagen. Wenn es aber sogar einen Verdacht gibt, dann finde ich es richtig, dass in der Konsequenz diese Menschen, besonders diejenigen, die halt eine Verantwortung tragen gegenüber dem ganzen Verband, sich zurückziehen müssten. Und ich wäre nicht bereit, mit so jemandem wie bis jetzt an einem Tisch zu sitzen und einen Dialog zu führen, wie wir die Integration vorantreiben können in Deutschland.

    Schäfer-Noske: Natürlich gilt erst mal die Unschuldsvermutung, auf der anderen Seite gibt es da Zweifel dann, wenn man von solchen Ermittlungen hört, wie Sie sagen. Und es stellt sich auch die Frage, war man da zu blauäugig von der deutschen Politik aus und wurde mit den richtigen Personen gesprochen?

    Kelek: Nein, das glaube ich nicht. Bestimmte Fragen wurden ja gar nicht von Anfang an gestellt. Verbände zu gründen in Deutschland, ist ja legal. Und alle, die im Namen des Islam sprechen und einen Verband gegründet haben, die entsprechenden Personen wurden eingeladen zu einem Gespräch, und das heißt daneben auch säkulare unabhängige Personen wie mich. Und die entscheidenden Fragen, die ich ja seit Jahren eigentlich stelle, wie finanziert sich überhaupt ein Verband, woher kommen die ganzen Gelder, die die Verbände zusammen haben, zum Beispiel um auch Moscheen zu bauen? Ich habe das mal zusammengerechnet, dass ungefähr 184 Moscheen von allein der DITIB geplant sind, und eine Moschee, wenn die drei oder vier Millionen kostet, da kommen wir doch auf 500 Millionen Euro allein für Moscheebau. Woher kommt also dieses Geld? Diese Fragen werden nicht gestellt, wurden auch in der Vergangenheit nicht gestellt. Und wenn jetzt so ein Verdacht steht, dann wird es, glaube ich, Zeit, dass man ganz konkret hinter diesen ganzen Verbänden und ihrer Arbeit wirklich mal jetzt nachgeht, damit wir auch wissen, mit wem wir es zu tun haben.

    Schäfer-Noske: Warum wurde das dann bisher nicht gemacht?

    Kelek: Ich kann es nicht wirklich sagen. Ich kritisiere das schon seit Langem, dass wir auch nicht nur über die finanzielle Situation oder der Lage der Moscheen nichts wissen, wir wissen auch nicht, was in den Moscheen wirklich gelehrt wird. Welche Konzepte verfolgen diese Moscheen? Ich kann da auch nur ein Beispiel sagen: DITIB wird ja auch von der Türkei finanziert. Wir haben 860 Hocas, Imame hier in Deutschland beschäftigt, die direkt von der Türkei bezahlt werden. All diese Fragen sind sehr, sehr wichtig, finde ich. Wenn wir über die Integration sprechen, vor allen Dingen, wenn wir darüber sprechen, die Verbände wollen ja unbedingt ihr "islamisches Leben", wollen hier legal leben, aber sie lassen nicht in ihren Moscheen reinschauen oder in ihre Karten schauen, wie sie dieses Leben konkret sich vorstellen. Und ohne diese ganzen Fragen kann natürlich ein Dialog nicht funktionieren. Ich glaube, dass die Islamkonferenz ein Beginn war, um überhaupt zusammenzukommen, und das ist jetzt ein Ergebnis, dass wir immer weiter in diese Richtung gehen und dann die richtigen Fragen hoffentlich bald stellen können.

    Schäfer-Noske: Sie selbst arbeiten dort in einer Wertearbeitsgruppe. Wie geht denn da der Prozess voran?

    Kelek: Dieser Prozess hat noch nicht mal richtig begonnen, kann ich nur sagen. Wir treten so etwas an einer Stelle, und zwar, was bedeutet eigentlich die Verfassung und welcher Wertekonsens können wir eigentlich uns einschließen, dass wir sagen, ja, das können wir gemeinsam tragen. Die Verbände zum Beispiel sagen, dass die Verfassung auf ihrer Seite ist, Religionsfreiheit, und damit Schluss. Sie sind da, um ihr Recht abzuholen, Körperschaft des öffentlichen Rechts zu werden, und zu mehr sind sie eigentlich nicht bereit. Eine inhaltliche Auseinandersetzung, Diskussion, was konkret die soziale Realität, zum Beispiel in den Schulen, was da konkret im Namen des Islam für ein Leben geführt wird, das war bis jetzt nicht möglich, darüber sich auseinanderzusetzen. Und auf keinen Fall dürfen wir aufhören, sondern im Gegenteil, wir müssen jetzt so lange zusammenarbeiten, bis wir mit richtigen Leuten zusammenarbeiten, nur dann kann auch die Konferenz Früchte tragen, und dass wir konstruktiv inhaltlich dann auch endlich anfangen können, zu arbeiten.

    Schäfer-Noske: Das war die Publizistin Necla Kelek, Teilnehmerin der Islamkonferenz, über die Folgen der Ermittlungen gegen den Generalsekretär von Mili Göres für den Diskussionsprozess.