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StartseitePolitische Literatur (Archiv)"Sie sind ein Volksschädling"11.02.2008

"Sie sind ein Volksschädling"

Wie Zeitungsleser auf die Diskussion um die Äußerungen Eva Hermans reagieren

Die Debatte um die Aussagen der Moderatorin und Autorin Eva Herman hatte es in sich, spülte sie doch Propaganda der NS-Zeit an die Oberfläche, die längst überwunden schien. Welche Spuren dieser Streit hinterlassen hat, beschäftigt den Berliner NS-Forscher Wolfgang Wippermann in seinem neuen Buch "Autobahn zum Mutterkreuz". Darin dokumentiert er Reaktionen und Leserbriefe an die "Bild"-Zeitung. Jens Rosbach über das Buch und seinen Autor.

Das Bild zeigt, wie Eva Herman das Studio der Johannes B. Kerner-Show verlässt. (AP)
Das Bild zeigt, wie Eva Herman das Studio der Johannes B. Kerner-Show verlässt. (AP)

"Sie sind ein Mann ohne 'Anstand' und 'Wertgefühl', ein 'Vergangenheitsbewältiger' mit einem '68er- Syndrom', eine 'linke Ratte' und 'Stalins Mann in Berlin', ein 'Judenknecht' und 'Volksschädling'. Diese und andere, weitaus schlimmere und gefährlichere Beschimpfungen und ernst zu nehmende Bedrohungen fand ich in meiner Post und Mailbox zu Hause und an der Uni."

Wolfgang Wippermann zeigt sich entsetzt in seinem Buch. Der Geschichtsprofessor der Freien Universität Berlin ist in den vergangenen Monaten massiv attackiert worden - nachdem er über braune Klischees in der Bevölkerung geklagt hatte.

"Warum das alles? Hatte ich etwas Schlimmes getan oder gesagt?"

Hintergrund ist Johannes B. Kerners Talkshow vom 9. Oktober vergangenen Jahres, zu der Eva Herman geladen ist - und auch Historiker Wippermann. Die umstrittene Autorin und Moderatorin sagt in der Sendung einen folgenschweren Satz über die NS-Zeit.

"Aber es sind auch Autobahnen damals gebaut worden und wir fahren heute drauf! (Tumult, Applaus) Das kann nicht sein, was Du hier sagst, tut mir leid, egal wer hier auch immer applaudiert, es tut mir leid, nein!"

Herman wird aus der Sendung geworfen. Kurz darauf klärt Wippermann in der "Bild"-Zeitung auf, warum es so gefährlich sei, "Hitlers Autobahn zu loben". Die Folge: zahlreiche Schmähbriefe an den Professor sowie rund 2000 Protest-Zuschriften an das Springer-Blatt. Wippermann wertet nun sämtliche Schreiben im Buch aus. Seine Bilanz: 80 bis 90 Prozent der Absender verharmlosten Hitlers Verbrecherstaat - es gebe einen neuen "Historikerstreit der schweigenden Mehrheit".

"Die schweigende Mehrheit ist gefährlich. Und hier tickt etwas - ich würde schon fast sagen eine Art Zeitbombe. Und wenn man das zusammen zieht, dann kann man nur sagen: Wir haben was falsch gemacht, und hier ist eine übersehene Gefahr."

Laut dem Forscher empören sich viele Leserbriefschreiber über die "Bild"-Zeitung. Das Springer-Blatt hatte Eva Herman und ihre Ansichten aufs Korn genommen, weil es sich erklärtermaßen verpflichtet fühlt, gegen Totalitarismus und für eine Aussöhnung zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland einzutreten.

""Bild"-Zeitung war und ist das Organ der Stimme des Volkes und der schweigenden Mehrheit. Und deshalb war die Erregung der Leser, die geschrieben haben, so groß, weil ihre Zeitung hier anders war, als die Mehrheit des Volkes sich das vorgestellt hat."

Thema Nummer eins bei den Zuschriften: Hitlers Autobahnen.

"Ich verstehe die Aufregung nicht, denn es sind doch Tatsachen. Ohne Hitlers Autobahn wäre der Verkehr schon lange zusammengebrochen. Es fehlt nur noch, dass die linken Chaoten verlangen, dass die Autobahnen gesperrt werden, weil sie von Hitler gebaut wurden."

""Ich bin 84 Jahre alt und habe auch nicht alles gut geheißen im Dritten Reich, aber wenn es die Autobahnen von damals nicht mehr geben würde, sehe es im Fernverkehr wohl schlecht aus bei der Bauqualität heut zu Tage.""

"Aber Fakt ist doch, dass es eben Hitler war, der die Autobahnen weiter gebaut hat. Und ich vermute, dass selbst unsere jüdischen Landsleute auch diese Autobahnen befahren."

Autor Wippermann zerpflückt den Mythos Nazi-Autobahn in seinem Werk.

"Warum ist der Hinweis auf Hitlers Autobahn so falsch und anstößig? Einmal, weil Hitler die Autobahn gar nicht gebaut hat. Auf jeden Fall nicht allein und auch nicht als erster. In den USA gab es die highways und in Italien führte schon 1922 eine autostrada von Mailand zu den oberitalienischen Seen. Die erste deutsche Autobahn war die allseits bekannte Berliner Avus, mit deren Bau 1913 begonnen wurde."

1932, so der Wissenschaftler, sei die Autobahn Köln–Bonn hinzu gekommen. Ihre Verlängerung zu den Hansestädten und nach Frankfurt sei zur gleichen Zeit projektiert worden. Hitler habe 1933 lediglich begonnen, das Projekt umzusetzen - mit propagandistischem Aufwand.

""Des Führers Geist hat es erdacht, des Volkes Treue hat’s vollbracht. Es steht das Werk, Triumph der Macht, geschlagen ist die erste Schlacht.""

"Hitler selbst tat nicht nur den ersten Spatenstich, sondern schaufelte vor laufender Kamera wie ein Berserker. So als ob er noch nie gearbeitet hätte, was er in seinen jungen, in Obdachlosenasylen verbrachten Jahren ja auch nicht getan hat. Außerdem verkündete er, wie immer großtuerisch, dass die vierspurigen 'Straßen des Führers' eine Gesamtlänge von mindestens 6000 und maximal 20.000 Kilometern haben sollten. Erreicht wurde noch nicht einmal die Hälfte. Bis zum Kriegsausbruch waren 3000 Streckenkilometer fertig gestellt."

Zweites großes Thema im Buch "Autobahn zum Mutterkreuz": der Antisemitismus. Wippermann beschreibt, wie in Leserbriefen, Mails und Internet-Blogs Herman-Kritiker als "Juden" und "Judenknechte" beschimpft werden. Zitate aus den Schreiben an das Boulevardblatt:

"Wie lange wollen die Juden noch auf der Geschichte herumreiten? Sollen meine Kinder und Kindeskinder dafür auch immer noch herhalten? Der Jude hat selber genug Dreck am Stecken und sollte sich mal an seine eigene Nase fassen."

""Ich möchte betonen, dass ich nichts gegen Juden hatte, aber mittlerweile artet es zu regelrechtem Hass aus.""

Nach Auskunft des Wissenschaftlers schimpfen viele Leser, dass niemand mehr seine Meinung sagen dürfe und dass der Zentralrat der Juden alle Medien kontrolliere. Auch Ex-Zentralratsvize Michel Friedman wird attackiert.

"Michel Friedman, der nun das Musterbild des gehassten Juden darstellte - sonst redet man ja gar nicht mehr von Michel Friedman und seinen Prostituierten und seinem Kokain, aber jetzt kam es wieder. 'Das ist so ein Jude! Die reden über uns, über Verbrechen - und dabei haben sie selber Dreck am Stecken!'"

Der Berliner Autor und Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann bewertet die Herman-Autobahn-Debatte mit deutlichen, zum Teil polemischen Worten und listet alle Quellen in Fußnoten auf. Eine spannende Darstellung - ohne Zweifel. Allerdings ist seine Schlussfolgerung mehr als gewagt: Er spricht von einer Mehrheit, einer schweigenden Mehrheit, die den Nationalsozialismus verharmlose und Juden verunglimpfe. Die Geschichtsaufarbeitung habe versagt, die internationale Forschung dies übersehen, resümiert der Wissenschaftler.

"Also gerade Japaner - ich hab ne Einladung jetzt nach Japan, nach Tokio – da fragen die Japaner uns: Warum habt Ihr das so gut gemacht? Ja, da muss man sagen: Nee, haben wir gar nicht! Wir haben es gar nicht so gut gemacht. Wir haben das nur nicht gesehen! Der öffentliche Diskurs ist besser geworden. Aber dort, die grummelnde, schweigende Mehrheit haben wir nicht gehört und jetzt äußert sie sich. Und jetzt müssen wir uns überlegen, was wir dort falsch gemacht haben."

Wippermanns Denkfehler: Er nimmt an, dass die braun gefärbten 2000 "Bild"-Leserbriefe die Meinung der deutschen Bevölkerung adäquat widerspiegeln. Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung sieht darin eine unzulässige Verallgemeinerung.

"Diese Leserbriefe kommen ja nur von einem Teil der Bevölkerung, die stark emotionalisiert sind durch so ein Medien-Event, und die "Bild"-Zeitungsleser sind sicher auch nicht repräsentativ."

Wetzel erklärt, nach dem Stand der Forschung sind rund 20 Prozent der Deutschen judenfeindlich eingestellt. Zudem vertreten rund 40 Prozent Auffassungen des versteckten, des sekundären Antisemitismus. Ein erschreckender Prozentsatz, aber dennoch keine Bevölkerungsmehrheit.

"Also ich denke, das ist schon ein Buch, ja eine Broschüre, würde ich eher sagen, die mit ziemlich heißer Nadel gestrickt ist - verständlicherweise von Herrn Wippermann, der sich ja doch sehr persönlich angegriffen fühlt, wobei er ja auch angegriffen wurde. Also ich würde sagen, man hätte etwas mehr Zeit verstreichen lassen müssen, um das dann noch mal mit mehr Abstand auch zu schreiben."

Fazit: Wippermanns Buch ist erhellend, es liefert eine flüssig geschriebene Zusammenfassung der bisherigen Eva-Herman-Debatte. Es handelt sich nicht um einen wissenschaftlichen Aufsatz, sondern um einen längeren Essay, in dem der Autor seine Unzufriedenheit über die Nachwirkungen der NS-Propaganda ausdrückt. Wippermann hat bereits zuvor zahlreiche Bücher und Artikel über den Nationalsozialismus veröffentlicht. Der Professor ist ein Medienfuchs, er weiß, dass man sich mit Zuspitzungen mehr Gehör verschaffen kann. Bei diesem heiklen Thema allerdings würde weniger Aufgeregtheit mit Sicherheit ein Plus an Lesern bedeuten.


Wolfgang Wippermann: Autobahn zum Mutterkreuz. Historikerstreit der schweigenden Mehrheit
Rotbuch Verlag, Berlin
128 Seiten, 9,90 Euro

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