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Signal des afrikanischen Aufbruchs

Als Signal des afrikanischen Aufbruchs nach dem Kolonialismus war es gedacht: Am 10. April 1966 begrüßten der senegalesische Präsident Léopold Sédar Senghor und die UNESCO in Dakar schwarze Künstler aus aller Welt zum Festival des "Art Nègre". Nicht nur die jungen Nationen Afrikas waren vertreten, aus Brasilien, aus der Karibik und vor allem aus den USA kamen die Nachkommen der Sklaven, beseelt von der Hoffnung, dass die Kunst die Wunden heilen kann, die Rassismus und Unterdrückung geschlagen hatten.

Von Stefan Fuchs |
    Dakar, April 1966: Überall sind die Tam-Tams, die sprechenden Trommeln der Savanne zu hören, wird das Balafon geschlagen, greift man in die Saiten des Khalam. Ein einziger wirbelnder Tanz scheint die weiße Stadt am grünen Kap erfasst zu haben. Unter einem strahlend blauen Himmel ist die Bühne aufgeschlagen, auf der das von Kolonialismus und Rassismus geschundene Afrika der Welt stolz seine Kultur präsentiert

    "Es ist die 'Négritude", um die es uns geht, die wir zeigen, die wir verteidigen wollen. Der Senegal ist sich seines Beitrags zum Entstehen einer Weltkultur bewusst. Wir haben dabei von Anfang an auf den Dialog gesetzt. Aber um überhaupt zum Dialog mit anderen Kulturen fähig zu sein, um Neues zur jener Symbiose sich ergänzender Elemente hinzufügen zu können, durch die sich die Weltkultur auszeichnet, müssen wir Schwarzen endlich wir selbst sein, unsere Würde und Identität finden, indem wir uns um unsere eigene Kultur bemühen, wie wir sie in den Ursprüngen des 'Art Nègre' wiederentdeckt haben."

    Léopold Sédar Senghor, Dichterpräsident des Senegal, ist die treibende Kraft bei dieser afrikanischen Kunstolympiade. Sechs Jahre nachdem die meisten ehemaligen Kolonien in eine prekäre Unabhängigkeit entlassen wurden, soll seine Vision der "Négritude" den Selbstheilungsprozess der von Sklaverei und Kolonialismus mit Füßen getretenen schwarzen Identität in Gang setzen. Nicht zuletzt das Gemetzel der beiden großen Kriege auf dem alten Kontinent, bei dem auf Seiten Frankreichs auch hunderttausende Afrikaner ihr Leben lassen mussten, hat den Universalitätsanspruch der europäischen Leitkultur unübersehbar als Lüge entlarvt.

    "Äya für jene die niemals etwas erfanden / für jene die niemals etwas erforschten/ für jene die niemals etwas bezwangen / aber sich hingeben, ergriffen, dem Wesen der Dinge / unkundig der Schale, doch gepackt von der Schwingung der Dinge / nicht aufs Bezwingen bedacht, aber spielend das Spiel der Welt: wahr und wahrhaftig die Erstgebornen der Welt / Fleisch vom Fleisch der Welt, bebend im Beben der Welt."

    Aimé Césaire, Senghors aus Martinique stammender Dichterkollege, entwirft den "Art Nègre" als Gegenkultur, diesseits der missglückten europäischen Identität. Aber eine glückliche Heimkehr ins verlorene Afrika der großen Königreiche bleibt den in Dakar versammelten Musikern, Tänzern, Bildhauern und Literaten verwehrt. Die "Négritude" kann nach Jean-Paul Sartres Diktum nicht mehr sein als ein Akt ästhetischer Notwehr der Geschundenen.

    "Die schwarzen Gesichter, diese Nachtflecken, die unsere Tage heimsuchen, verkörpern die dunkle Arbeit der Negativität, die geduldig unsere Begriffe zernagt. Freiheit trägt die Farbe der Nacht. Der Schwarze muss sich also von der weißen Kultur trennen, damit die schwarze Seele wiedergeboren wird."

    Die Kühle des Jazz, wie er von Duke Ellington in Dakar vorgeführt wurde, bildete den Kontrapunkt zu nostalgischen Zeitreisen ins vorkoloniale Afrika. Die Künstler des schwarzen Amerika stellten in Dakar die stärkste Gruppe aus der so genannten afrikanischen Diaspora. Dichter der Harlem Renaissance wie Langston Hughes und der Lyriker Robert Hayden standen für eine künstlerische Avantgarde, die sich dem Getto des "Art Nègre" bewusst verweigerte.

    Und auch Négritude-Skeptiker Wole Soyinka störte panafrikanische Gefühlsduseleien. Sein Theaterstück "Kongis Ernte" eröffnete 1966 das Festival. Mit beißender Ironie zeichnet es ein Portit des damaligen ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah, der seine Gewaltherrschaft mit den Insignien der alten afrikanischen Herrscherdynastien verbrämt. Ein genervter Senghor verließ die Vorstellung, bevor der letzte Vorhang gefallen war.