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Singvögel
Weibchen trällern meist so schön wie Männchen

Bei Vögeln trällern die Männchen, um die Weibchen zu beeindrucken und ihre Nebenbuhler auszustechen. So lautet die seit Darwin akzeptierte Standardmeinung. Das ist offenbar nicht allgemein gültig und überdies nicht die ursprüngliche Rollenverteilung. In "Nature Communications" berichten US-Ornithologen von einer aufschlussreichen Datenbankrecherche.

Von Volkart Wildermuth | 20.03.2014
    Hier zwitschern Amsel, Drossel, Fink und Star. Genauer gesagt jeweils die Männchen dieser Vogelarten, die mit ihrem Gesang Eindruck bei den Weibchen schinden wollen. Ganz im Sinne von Charles Darwin.
    Und das ist ein Weißflügeltroupial, eine tropische Variante eines Stars und hier singt das Weibchen. Mal alleine, mal mit seinem Partner. Das Duett der beiden Vögel ist so perfekt, dass kaum zu unterscheiden ist, welche Note aus welchem Schnabel kommt. Die Biologin Karan Odom von der Universität von Maryland im amerikanischen Baltimore studierte die Troupiale und fragte sich, ob diese musikalischen Weibchen wohl Ausnahmeerscheinungen sind, oder vielleicht eher die gefiederte Norm.
    "Wir haben uns gefragt, ob wir etwas verpasst haben, ob unser Blickwinkel zu eng war."
    Karen Odom und ihre Kollegen begannen Vogelbeschreibungen aus aller Welt zu studieren. Bei 323 Arten war eindeutig dokumentiert, wer den Schnabel aufmacht.
    "Bei 71 Prozent dieser Arten singen auch die Weibchen. Viele leben in Australien und Ozeanien. Hier haben sich die Singvögel wahrscheinlich entwickelt. Singende Weibchen gibt es aber überall in den Tropen, in Asien und Afrika. Einige Arten leben auch in Europa und Nordamerika."
    Es gibt sie also, die singenden Weibchen, mit denen Darwin nicht gerechnet hatte. Allerdings wohl nicht ganz so häufig, wie die Analyse von Karen Odom vermuten lässt. Da insgesamt nur wenig verlässliche Daten vorlagen, konnte ihre Stichprobe nicht repräsentativ für alle über 5000 Singvogelarten sein. Letztlich kam es der Biologin auch weniger auf die heutige Verbreitung des weiblichen Gesanges an, als auf dessen evolutionäre Wurzeln, und für diese Fragestellung reichen ihre Daten aus. Wenn man die singenden Weibchen in den Stammbaum der Vögel einträgt, dann finden sie sich vor allem an dessen Wurzel. Karen Odom ist deshalb davon überzeugt, dass bei den Ursingvögeln Gleichberechtigung herrschte, also sowohl Männchen als auch Weibchen gesungen haben.
    "Die Ahnen der Singvögeln haben wohl jenen heutigen tropischen Arten geähnelt, bei denen Männchen und Weibchen beide singen und auch sonst ähnliche Aufgaben haben. Mit dem Gesang locken sie nicht nur ihren Partner an, sondern besetzten auch das ganze Jahr über ihr Territorium. So können sie nicht nur brüten, sondern haben auch genug Futter und so weiter."
    Singen ist hier weniger eine Frage der sexuellen, als ganz allgemein einer sozialen Selektion, davon ist Karen Odom überzeugt. Auf der Nordhalbkugel ziehen die meisten Singvögel dagegen in Winterquartiere, die musikalische Verteidigung eines Territoriums spielt keine so große Rolle. Unter diese Bedingungen haben die Weibchen vieler Arten offenbar das Singen verlernt. In den Tropen gibt es dagegen nur eine Gruppe, bei denen die Weibchen allein die Männchen trällern lassen. Es sind die Paradiesvögel. Deren prachtvolles Gefieder führt deutlich vor Augen: bei diesen Arten dominiert wirklich die sexuelle Selektion.