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"Sinnliche Ausstrahlung, Macht, Herrschaft"

Es hat etwas gedauert, nun aber werden der Kronschatz und die Silberkammer der Hohenzollern in einer neuen Dauerausstellung präsentiert. Kuratorin Michaela Völkel erklärt Sinn und Auswirkungen der Macht-Insignien.

21.12.2010
    Stefan Koldehoff: Der letzte Regent aus dem jahrhundertealten Geschlecht tat seiner Familie keinen großen Gefallen mit seinem Verhalten. Er liebte historische Operettenkostüme, galt als skurril, reiselustig, als geltungssüchtig, als Antimodernist und als Antisemit, und so setzte Reichskanzler Max von Baden Kaiser Wilhelm II. im November 1918 auch einfach ab, obwohl er dazu gar nicht berechtigt war.
    In dieser Woche nun sind die Hohenzollern glanzvoll nach Berlin zurückgekehrt, in Gestalt ihrer Preziosen. Seit dieser Woche ist im Charlottenburger Schloss der Kronschatz der Hohenzollern wieder zu sehen. Zwei Jahre war er das nicht. Frage an die zuständige Kustodin Michaela Völkel: Warum nicht?

    Michaela Völkel: Wir mussten notwendige Umbaumaßnahmen im Dachbereich in Charlottenburg in einem Flügel durchführen und während dieser Phase konnten die Kunstobjekte natürlich nicht vor Ort bleiben.

    Koldehoff: Das ist klar. – Jetzt ist wieder alles an einem Ort, der Kronschatz. Was ist der Kronschatz?

    Völkel: Wir haben die Präsentation erheblich erweitert. Aber gleich zu Ihrer Frage. Wir stellen zwei große Sammlungskomplexe, historische Sammlungskomplexe dort aus: den Kronschatz, zu dem wir gleich kommen, und die Silberkammer. Im Kronschatz wurden an allen europäischen Höfen die Gegenstände mit höchstem symbolischen Wert zusammengefasst. Das waren in erster Linie die Kroninsignien und die Kronjuwelen.

    Koldehoff: Wenn ich jetzt auf Ihre Website gucke, dann sind das natürlich prunkvolle Gegenstände. Einen Reichsapfel sehe ich da, eine große Krone, ein Zepter. Was ist das für ein symbolischer Wert, den Sie da meinen?

    Völkel: Man muss sich vorstellen, dass diese Epitheta eines Herrschers, Macht und Status, nicht selbstverständlich da waren, sondern ständig repräsentiert und augenscheinlich gemacht werden mussten. Das sind die klassischen Symbole der Macht, die nur bei großen Zeremonien, im Grunde genommen, kann man sagen, bei den Begräbnisfeierlichkeiten, bei Erbhuldigungen und bei nur wenigen Krönungen zum Einsatz kamen.

    Koldehoff: Das Museum ist eine Erfindung, eine bürgerliche Erfindung des 19. Jahrhunderts. Wo waren die Insignien zu sehen, wenn sie nicht für solche repräsentativen Zwecke verwendet wurden?

    Völkel: Die wurden tatsächlich, wenn sie nicht vorgezeigt wurden, im Rahmen einer zeremoniellen Handlung in diesem Kronschatz in einem richtigen Tresor verwahrt. Erst später, zum Ausgang der Monarchie, als das Hohenzollern-Museum eröffnet worden ist, konnte man die auch im Rahmen einer musealen Präsentation, muss man sagen, schon betrachten.

    Koldehoff: Was macht die Faszination dieser Dinge heute aus? Wenn man sich anschaut, das grüne Gewölbe in Dresden, andere Schatzkammern, die seit Langem öffentlich zugänglich sind, dann strömen die Besucher. Wo sehen Sie die Faszination?

    Völkel: Offensichtlich scheint da noch immer etwas zu funktionieren, für was diese Gegenstände ja ursprünglich angefertigt worden sind, ohne viele Worte, allein durch ihre sinnliche Ausstrahlung, Macht, Herrschaft und Reichtum zu repräsentieren.

    Koldehoff: Sie haben gesagt, es ist auch was dazugekommen. Was ist dazugekommen und woher ist es dazugekommen?

    Völkel: Das sind die Gegenstände, die früher in der Silberkammer aufbewahrt worden sind. Das ist der Teil des Silber- und Goldschatzes, der zum täglichen Gebrauch bestimmt ist, und dieses Silber bestand in erster Linie in Form von Tafelgeräten. Man hat das also regelmäßig vorgezeigt, wenn man große Essen veranstaltet hat.

    Koldehoff: Sind eigentlich die Kroninsignien, die Sie jetzt zeigen, immer in Deutschland – gut, Deutschland gab es damals noch nicht -, aber auf dem Gebiet Deutschlands geblieben, oder auch mal Gegenstand von Raub und Restitution gewesen?

    Völkel: Nein, waren sie tatsächlich nie. Man hat sich nach dem Ende der Monarchie für eine Aufteilung entschieden der Kroninsignien. Ein Teil der Insignien ist bis heute im Besitz des Hauses Hohenzollern und alle anderen sind tatsächlich im Besitz der Stiftung, und durch eine großzügige Dauerleihgabe der Hohenzollern können wir jetzt die Insignien mehr oder weniger in Gänze zusammen ausstellen.

    Koldehoff: Wie geht man damit heute als Kuratorin um? Man kann es ja wahrscheinlich alles nicht mehr so ernst nehmen, wie es mal gemeint war, als es hergestellt wurde, oder?

    Völkel: Wir versuchen, unsere Präsentation relativ sachlich zu halten. Sie werden keine Samtkissen sehen, also keine Ansätze materieller Panegyrik, sondern wir haben uns für eine relativ sachliche Inszenierung entschieden.

    Koldehoff: Was heißt sachlich? Texte, die erläutern, wozu die Dinge gebraucht werden?

    Völkel: Ganz genau. Wir sind es unserem Publikum ja schuldig, nicht nur Erstaunen und Bewunderung zu erregen, sondern so gut wie möglich aufzuklären, was die Funktion dieser Gegenstände war. Deswegen gibt es zu allen Gegenständen erläuternde Tafeln, wie Sie es gerade geschildert haben.

    Koldehoff: Das heißt aber keine politische Einordnung?

    Völkel: Eine funktionelle historische Einordnung.

    Koldehoff: Geht man denn auch darauf ein, was das Haus Hohenzollern fürs damalige Deutschland bedeutet hat, oder konzentriert man sich tatsächlich ausschließlich auf die Exponate? Erfahre ich auch was über die Kaiser, über die Könige?

    Völkel: Wir haben es in der Ausstellung nicht mit klarer Tagespolitik zu tun, sondern mit Repräsentation, die ein unverzichtbarer Teil monarchischer Politikgestaltung gewesen ist, und da erfahren sie tatsächlich über Wesenszüge innerhalb bestimmter Regentschaften.

    Koldehoff: Müssen Sie auf Ihre Dauerleihgeber, aufs Haus Hohenzollern, in irgendeiner Weise noch Rücksicht nehmen? Gibt es Themen, die nicht so gerne thematisiert werden?

    Völkel: Da haben wir es im Moment mit einem jungen, sehr aufgeschlossenen Vertreter zu tun, den ich ehrlich gesagt – ich bin erst ein Jahr bei der Stiftung Mitarbeiterin – auch erst jetzt kennen gelernt habe, bei dem ich den Eindruck habe, dass man da wirklich keinerlei Rücksichten nehmen muss.

    Koldehoff: Kuratorin Michaela Völkel – vielen Dank! – über den Kronschatz der Hohenzollern.