Sinologe zu China-Taiwan-Konflikt"China rüstet militärisch massiv auf"

Die Spannungen zwischen China und Taiwan verschärfen sich. Ob China einen Krieg riskiert, hängt laut dem Sinologen Sebastian Heilmann davon ab, ob sich die USA einmischen würden, um Taiwan zu schützen. China bezweifle dies. "Und das erhöht natürlich das Risiko eines Militärschlags", so Heilmann.

Sebastian Heilmann im Gespräch mit Britta Fecke | 17.10.2021

Helikopter des taiwanesischen Militärs fliegen am 7. Oktober 2021 über Taipeh
Taiwans Selbstbewusstsein ist durch die internationale Anerkennung in letzter Zeit gewachsen (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Daniel Ceng Shou-Yi)
Die Spannungen zwischen China und Taiwan nehmen weiter zu. Peking hat nach Angaben des taiwanesischen Verteidigungsministeriums Anfang Oktober mehr als 150 Kampfflugzeuge, unter ihnen auch atomwaffenfähige Militärmaschinen, über den taiwanesischen Luftraum geschickt. Auch verbal schoss Chinas Präsident Xi Jinping scharf gegen den Inselstaat und betonte, dass die "vollständige Vereinigung des Mutterlandes" verwirklicht werden müsse. Die kommunistische Führung in Peking betrachtet Taiwan als Teil der Volksrepublik.
Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen auf einem Podium, neben ihr ist die Flagge Taiwans zu sehen.
Taiwan - Eine Insel und ihr großes Dilemma
Taiwan ist eine selbstregierte, demokratische Insel. Aber die Volksrepublik China betrachtet sie als ihr Gebiet, droht bei formeller Unabhängigkeit mit militärischen Schritten.

Taiwan ist im Aufwind

Ein Grund für die zunehmenden Spannungen sei das wachsende Selbstbewusstsein Taiwans, das China sehr beunruhigen würde, analysierte der Sinologe Sebastian Heilmann im Deutschlandfunk. Taiwan habe viel Rückhalt durch die internationale Gemeinschaft erfahren: "Durch die ganze Halbleiter-Krise ist klar geworden, wie wichtig Taiwan ist für die Weltwirtschaft und auch für alle möglichen Lieferketten in die westlichen Gesellschaften hinein. Auch ist Taiwan als sehr lebendige Demokratie beliebt, hat also einen großen Image-Vorsprung in der westlichen Welt gegenüber China." Peking nehme es auch als Provokation wahr, dass Taiwan amerikanische Soldaten im Land stationiert hat, die dort Anti-Invasionskräfte trainieren.
Für eine militärische Konfrontation liegen laut Einschätzung des Sinologen keine konkreten Planungen seitens China vor. Mehrere Faktoren könnten aber zu einem bewaffneten Konflikt führen: Etwa wenn China aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten instabil würde. Oder wenn Taiwan weitere Schritte in Richtung Unabhängigkeit unternehme, zum Beispiel durch den Ausbau diplomatischer Beziehungen zu anderen Ländern oder eine offizielle amerikanische Militärpräsenz im Land. "Die Lage ist ohne Zweifel aufgeladen."
Blick auf die Skyline von Taipeh
Das Schicksal von Ländern ohne internationale Anerkennung
Ob Taiwan, Kosovo oder Nordzypern – die Liste der Länder, die international nicht einheitlich als Staaten betrachtet werden, ist lang. Die Gründe für die fehlende Anerkennung sind unterschiedlich.

Wagt China den Militärschlag?

Einen großen Einfluss auf das Verhalten der chinesischen Staatsführung habe das taktische Verhalten der USA, sagte Sebastian Heilmann: "Aus der Sicht Pekings ist das sozusagen die 'Wildcard'. Das ist die offene Frage, ob die USA überhaupt bereit sind, in den Krieg einzutreten wegen Taiwan. Ist Taiwan wichtig genug für die USA, um in den Krieg einzutreten? Da bestehen auf chinesischer Seite große Zweifel. Und das erhöht natürlich das Risiko eines Militärschlags vonseiten Chinas in dieser Region." Nach Einschätzung des Sinologen sieht es jedoch eher danach aus, als würde Taiwan durch die US-Amerikaner geschützt werden.
Der Kartenausschnitt zeigt einen Teil der Volksrepublik China und die Insel Taiwan. Die rot gestrichelten Linien sollen Raketen zeigen, die auf Taiwan gerichtet sind.
Taiwan rüstet gegen chinesische Bedrohung
Die Taiwanstraße trennt das chinesische Festland von der Insel Taiwan. China hat in der Meerenge seine Militärpräsenz seit Jahren schrittweise erhöht. Die Spannungen nehmen immer weiter zu.
China rüste militärisch massiv auf und wolle in der Asien-Pazifik-Region freie Bahn haben, erklärte Heilmann. Anspruch der Volksrepublik sei es, dort ungefährdete Führungsmacht zu sein. "Deswegen auch diese harte, kompromisslose Gangart bei allen möglichen Territorialkonflikten, etwa gegenüber Indien, gegenüber Japan. Und dann aber auch diese tatsächlich expansive Politik im Südchinesischen Meer, wo man im Grunde einen riesigen Meeresraum für sich beansprucht, künstliche Inseln aufschüttet und dann Militäreinrichtungen darauf platziert." Durch diese Eigendefinition als selbstverständlicher Hegemon gerate China in die volle Rivalität mit den Vereinigten Staaten.