Montag, 20.01.2020
 
Seit 08:00 Uhr Nachrichten
StartseiteSport am WochenendeMissbrauch im englischen Fußball27.11.2016

SkandalMissbrauch im englischen Fußball

Der englische Profi-Fußball wird von einem Missbrauchsskandal erschüttert. In den 80er und 90er Jahren sollen Dutzende, vielleicht sogar über 100 Jugendspieler von Jugendtrainern sexuell missbraucht worden sein. Der englische Fußballverband und die Polizei ermitteln. Betroffen sind namhafte Vereine wie Manchester City, Leeds United und vor allem der Viertligist Crewe Alexandra.

Von Friedbert Meurer

Ein Fünfjähriger steht verzweifelt in einem Tunnel (imago/Roland Mühlanger)
Kinder und Jugendliche sollen missbraucht worden sein (imago/Roland Mühlanger)

Andy Woodward, 43 Jahre alt, ein ehemaliger Fußballprofi, sitzt im Fernsehstudio vor einem Millionenpublikum  und weint. Er schildert erstmals öffentlich, was er als elfjähriger Jugendspieler erlitten habe. "Ich hatte letzte Woche solche Angst, das öffentlich zu machen. Ich danke dem Publikum und den Medien, und noch viel wichtiger meinen Kameraden, das sie mich unterstützen."

Der englische Fußball hat einen neuen Helden: Er heißt Andy Woodward und ist der Mann, der den Mut hatte, nach Jahrzehnten endlich sein Schweigen zu brechen. Woodward war in den 90er Jahren Profi-Spieler, bei Crewe Alexandra und Sheffield United in der dritten und vierten Liga. Andere Spieler folgten seinem Beispiel, z.B. Chris Unsworth, ein ehemaliger Jugendspieler von Manchester City. Für den Club arbeitete damals wie für Crewe: Barry Bennell. "Seine Hände waren überall, er griff in meine Hose. Später wurde es schlimmer in seinem Schlafzimmer. Es kam zur Penetration, solche Dinge. Ich war neun Jahre alt."

Jugendtrainer durfte zunächst weitermachen

Barry Bennell galt damals als herausragender Jugendtrainer, der neben ManCity in der Hauptsache für Crewe Alexandra arbeitete. Der Club ist viertklassig, seine Jugendarbeit galt aber als vorbildlich. Die Vereinsführung witterte irgendwann Verdacht, kam aber zu dem Ergebnis, dass die Vorwürfe nicht zu beweisen seien, und Bennell durfte weitermachen. Erst Mitte der 90er Jahre wurde der Jugendtrainer in den USA zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, später dann auch in England zu weiteren neun Jahren.

Die Berichte jetzt sind für das britische Publikum aber neu. Und es geht die Angst um, dass Bennell kein Einzelfall war. "Bei uns haben sich jetzt über 20 Spieler gemeldet", berichtet der Chef der Vereinigung der Fußballprofis, Gordon Taylor. Dann listet er die beschuldigten Vereine auf: Manchester City, Crewe Alexandra, Sheffield United, Leeds United, Newcastle und Blackpool. Alle Vereine kommen aus dem strukturschwachen Nordengland. "Ich kann nicht glauben, dass es das nur im Nordwesten und Nordosten gab. Wir sollten uns darauf einstellen, dass es das ganze Land betreffen könnte."

100 Spieler melden sich bei Kinderschutzbund

Der englische Fußballverband, die FA, hat jetzt eine Untersuchung eingeleitet, einzelne Clubs, v.a. Crewe Alexandra, wollen das Gleiche tun. Bei einer Hotline des englischen Kinderschutzbunds haben sich schon 100 Spieler gemeldet. Die Polizei ermittelt gegen 17 Personen.

Warum haben die Spieler so lange öffentlich geschwiegen? Aus Scham, sagen sie, weil sie bedroht wurden – und wer sich nicht missbrauchen ließ, dessen Fußballkarriere war schnell zu Ende. Die von Steve Walters endete mit 18 Jahren, da verhandelte er schon mit dem FC Liverpool. Er bekam das Reiter-Syndrom, eine bakterielle Gelenkentzündung, die durch sexuellen Kontakt übertagen werden kann. Walters musste aufhören. "Als ich Andy im Fernsehen sah, war das eine riesige Erleichterung für mich. Ich hatte damals Panikattacken. Andy hat 100 Tonnen Last von meinen Schultern genommen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk