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StartseiteCorsoSolidarität mit Russlands Pilotenschülern 09.02.2018

Skandal um russischen Internet-HitSolidarität mit Russlands Pilotenschülern

In Russland wäre eine Gruppe Pilotenschüler fast von ihrem Institut geflogen, nachdem ihr Video zu DJ Benny Benassis Song "Satisfaction" viral ging. Doch dann solidarisierten sich immer mehr Russen mit den frechen Kadetten: Hausfrauen, Katastrophenhelfer und Rentnerinnen drehten ihre eigene Version.

Von Erik Albrecht

Präsident Putin und ein junger Kadett (EPA / Anatoly Maltsev)
Ziviler Ungehorsam? Wenn Präsident Putin persönlich erscheint, herrscht Zucht und Ordnung (EPA / Anatoly Maltsev)
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Es dürfte der derzeit meist diskutierte Hüftschwung diesseits und jenseits des Urals sein: Halbnackt tanzt ein junger Mann eine Treppe hinauf. Die verwackelte Handykamera verharrt kurz auf seinem zuckenden Hintern, dann arbeitet sie sich von Tänzer zu Tänzer weiter durch den langen Flur eines russischen Wohnheims vor. Alle sind spärlich bekleidet: Unterhose, vielleicht eine Krawatte um den Hals. Auf dem Kopf flößt die Schirmmütze russischer Piloten Autorität ein. Der eine beißt genüsslich in eine Banane, der andere hat seine Unterhosen zum String-Tanga umfunktioniert.

Die Choreografie zum Song "Satisfaction" von DJ Benny Benassi strotzt von sexueller Energie. Manche in Russland sahen darin gar einen homosexuellen Lebenswandel beworben. 

Die Reaktion von Seiten des Staates ließ nicht lange auf sich warten. 

"Eine Schande für die zivile Luftfahrt. Aus einem Institut wurde ein Bordell", zitiert ein Nachrichtensprecher einen der wenigen negativen Kommentare unter dem Youtube-Video. In der Folge flackern die freizügigsten Ausschnitte des Clips über den Bildschirm des sonst so staatstragenden Senders Rossija 24. Sein Kollege wirkt fast ein wenig verschämt, als er dem prüden Publikum erklären muss: "Für alle, die über diese Subkultur nicht auf dem Laufenden sind: BDSM ist eine sagen wir außergewöhnliche Art des sexuellen Zeitvertreibs, bei dem etwa Peitschen zum Einsatz kommen."

Homosexualität? Ein Übel aus dem Westen

Es ist, als ob zwei Welten aufeinander prallen. Auf der einen Seite die russische Staatsmacht, die vermeintlich traditionelle Werte zur Staatsdoktrin erhoben hat und Freizügigkeit und Homosexualität als Übel aus dem Westen verdammt. Auf der anderen Seite russische Bürger, die mit den engen Moralvorstellungen wenig anfangen können und im Internet Trends aus aller Welt aufgreifen und kulturell umdefinieren. 

Auch das Skandal-Video ist in Wirklichkeit die Parodie einer Parodie. Im Original von DJ Benny Benassi üben sich vollbusige Frauen in der erotischen Handhabe von Bohrern, Schleifmaschinen und Presslufthammern. Vor drei Jahren dann drehte eine Gruppe britischer Rekruten ihre Version von Satisfaction. Statt Bohrmaschinen bedienten sie Bügeleisen. Statt mit Presslufthammer bearbeiteten sie den Boden ihrer Schlafräume mit Staubwedeln. Auch hier haftet ihrem Hüftschwung etwas Homoerotisches an.

In Englands Jugendkultur gilt das als "camp". Über das russische Video erklärte eine Sexualwissenschaftlerin mit hochgeschlossenem Kragen dagegen im Staatsfernsehen, sie sehe klare Anzeichen für Homosexualität. Sogenannte homosexuelle Propaganda ist jedoch seit einigen Jahren strafbar.

Als Vertreter der Staatsmacht konnte der Rektor der Luftfahrt-Akademie in Uljanowsk deshalb auch nicht anders, als öffentlich die Exmatrikulation seiner Piloten-Schüler zu fordern. Der Video-Clip sei eine Ungeheuerlichkeit, so Sergej Krasnow:

"Für diese Leute ist kein Platz in der zivilen Luftfahrt. So etwas ist nicht zu entschuldigen. Ich würde das sogar mit Pussy Riot vergleichen. Die entweihten eine Kirche. Diesmal ist es ein Tempel der Wissenschaft."

Im Nachrichtenkanal Rossija 24 erklärte der Sprecher:

"Die empörte Öffentlichkeit fordert: Keine Flüge mehr für die angehenden Piloten, höchstens von ihrem Institut."

Doch mit der russischen Öffentlichkeit ist das so eine Sache.

Soli-Clips von Sportmannschaften und Renterinnen 

Aber dass sich 17-Jährige wegen eines Youtube-Videos ihre Zukunft verbaut haben sollten, ging vielen Russen doch zu weit. Während staatliche Kommissionen ermittelten, nahm im Netz ein virtueller Flash-Mob zivilen Ungehorsams seinen Lauf. Überall im Land begannen Menschen, ihre eigenen Tänze zum Sound von "Satisfaction" zu filmen und ins Netz zu stellen. Häufig sind es Kollegen, Kommilitonen oder Sportmannschaften, die kollektiv ihre Solidarität mit den Pilotenschülern aus Uljanowsk tanzen. 

"Was haben die Jungs mit diesem Clip gezeigt? Humor und Kreativität. Also Eigenschaften, die man in jedem Beruf gebrauchen kann. Und dann gibt es plötzlich so eine Aufregung: Kommissionen, einen Schulverweis. Dieses Land wird immer wieder in neuen Wahnsinn gestürzt. Und was kann man dagegen tun? Zur Not so etwas. Irgendwas muss man doch tun", erklärt eine Rentnerin aus St. Petersburg dem Portal Codastory, die ihre Version von "Satisfaction" in ihrer Küche gedreht hatte. 

Und tatsächlich sind es häufig Fälle, in denen die Menschen das Gefühl haben, dass das System übermäßig hart gegen Unschuldige vorgeht, die quer durch viele Schichten der russischen Gesellschaft Protest hervorrufen.

Doch gerade in Wahlkampf-Zeiten ist die Propaganda-Maschine des Staatsfernsehens ebenso geschickt darin zurückzurudern, wenn es geboten scheint.

"Warum denn so streng? Die Jungs haben einen Scherz gemacht und jetzt liegt ihr ganzes Leben in Scherben", fragte ein Talk-Show-Moderator nur wenige Tage später. Für die Pilotenschüler selbst endete die Episode in der vergangenen Woche mit einem Tadel seitens der Universität. In Russland ist das schon ein kleiner Sieg.

 

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