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StartseiteCorsoDie Macht der toxischen Fans27.05.2020

"Snyder Cut" des Films "Justice League"Die Macht der toxischen Fans

Die Fans setzten sich mit fragwürdigen Mitteln durch: Ein Streamingdienst zeigt die Version eines Films, die eigentlich nicht veröffentlicht werden sollte - den berüchtigten "Snyder Cut", eine Urfassung des Kinoflops "Justice League". Das sei ein gefährliches Exempel, sagte Medienkritiker Mike Herbstreuth im Dlf.

Mike Herbstreuth im Gespräch mit Ulrich Biermann

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Der letzte "Wonder Woman"-Film hat an den Kinokassen die Erwartungen übertroffen. Am Eröffnungswochenende wurden in Nordamerika 103,1 Millionen Dollar eingespielt. Die Hauptrolle in dem Film von Patty Jenkins spielt Gal Gadot. (Imago | Zuma Press)
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Regisseur Zack Snyder präsentierte 2017 den Verantwortlichen des Filmstudios Warner eine über drei Stunden lange Rohversion seines Films "Justice League", noch ohne Spezialeffekte - ein grobes Gerüst, von dem die Verantwortlichen bei Warner nicht wirklich begeistert waren. Aufgrund des Suizids seiner Tochter verließ Snyder noch vor Fertigstellung des Films die Produktion, und das Filmstudio engagierte Regisseur Joss Whedon, um "Justice League" fertigzustellen. Warner entschloss sich daraufhin, die Richtung und den Ton des Films zu ändern, weshalb Whedon große Teile des Skripts umschrieb und viel neues Material drehte.

Das Ergebnis dieser Mischung der Arbeit zweier Regisseure sei von Kritikern worden verrissen und habe sehr viel weniger eingespielt, als sich Warner erhofft hatte, so Mike Herbstreuth. Damit sei eigentlich das Ende der "Justice League" besiegelt gewesen. Doch daraufhin habe sich eine Fanbewegung gebildet, die erste Petitionen startete, damit Warner den sogenannten "Snyder Cut" veröffentlicht - "dieses verschollene Meisterwerk quasi, das in ihren Augen viel besser sein muss als die Kino-Version".

Diese Zack-Snyder-Ultras, so Mike Herbstreuth, hätten allerdings eine Schnittmenge mit der Alt-Right-Bewegung in den USA. Die Filme von Snyder, so wie sein großer Erfolg "300" über den Kampf einer kleinen Gruppe Spartaner gegen die übermächtige persische Armee, fetischisierten und glorifizierten Gewalt.

Alt-Right-Bewegung als Triebfeder des Protests

"In Snyders Filmen gehts es oft um weiße Macho-Helden, die brutal gegen ausländische Invasoren kämpfen und für die Freiheit des sogenannten Heimatlands - das kommt bei vielen Filmfans aus dieser Alt-Right-Bewegung sehr gut an".

Dieser Teil der Zack-Snyder-Fans sei dann auch eine der Triebfedern der "Snyder-Cut-Bewegung" gewesen, die mit der Zeit immer lauter und wütender wurden, so Herbstreuth. Vor allem auf Social Media unter dem Hashtag #ReleaseTheSnyderCut hätten viele dieser Fans Warner-Verantwortliche mit Hass-Posts überschüttet, so dass diese ihre Social-Media-Profile teilweise gelöscht hätten. 

"Unter fast jedem Tweet von Warner finden sich Posts zum 'Snyder Cut'. Als zum Beispiel der Basketballer Kobe Bryant gestorben ist und Warner einen Kondolenz-Tweet gepostet hat, war eine der ersten Reaktionen von einem Hardcore-Zack-Snyder-Fan: 'Wir lieben Kobe, also danke Warner. Aber so einfach kommt ihr nicht davon! Release The Snyder Cut!'"

HBO Max zeigt "Snyder Cut" 2021

Die "Snyder-Cut-Bewegung" sei allerdings nicht auf das Netz begrenzt, so Herbstreuth. "Sie haben auch schon Flugzeuge fliegen lassen mit Spruchbändern, auf denen 'Release The Snyder Cut' stand, haben Anzeigen bei Comicmessen gekauft, Werbung an Bushaltestellen oder Flyer verteilt, immer mit der Forderung, dass gefälligst der 'Snyder-Cut' veröffentlicht werden soll." Mit Erfolg: Der "Snyder Cut" von "Justice League" soll 2021 auf dem neuen Streamingdienst HBO Max zu sehen sein.

Diese Rohfassung müsse nun allerdings erst noch fertiggestellt werden. Laut Schätzungen des Magazins "The Hollywood Reporter" werden sich die Kosten für unter anderem Special Effects auf 20 bis 30 Millionen Dollar belaufen. Aus Produktions- und vor allem Marketinggründen sei die Veröffentlichung also womöglich sogar sinnvoll, so Herbstreuth.

Es bleibe allerdings ein fader Beigeschmack. Denn obwohl es immer öfter passiere, dass Fans schon abgesetzte Serien wie "The Expanse" oder "Brooklyn Nine-Nine" durch Petitionen vor dem endgültigen Ende retteten und diese Prozesse durchaus eine positive, demokratische Ermächtigung der Fans zeigten, bliebe nun beim toxischen Teil der "Snyder-Cut-Bewegung" die Erkenntnis, dass Cybermobbing-Taktiken Erfolg haben könnten und Filmstudios sich dem Willen radikaler Fans beugten.

"Ein gefährliches Exempel"

"Da wurden teilweise klar Grenzen überschritten: wütende Nachrichten, die Belästigung von Warner-Verantwortlichen, auch von Kritikerinnen und Kritikern der Veröffentlichung des 'Snyder Cuts'. Und es gibt ja immer wieder Petitionen, die sich zum Beispiel gegen mehr Diversität richten, wie zum Beispiel damals bei 'Star Wars – The Last Jedi' oder gegen einen 'Ghostbusters' mit weiblichen Hauptcharakteren. Wenn solche Gruppen jetzt sehen: 'Hey, wir müsse nur heftig und wütend genug fordern, dann kriegen wir irgendwann unseren Willen' - dann ist das wirklich ein gefährliches Exempel."

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