Donnerstag, 07. Juli 2022

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Sömmerda in Thüringen
Energiesparen auf kommunaler Ebene

Die Klimaschutzkonferenz in Hannover befasst sich mit Ideen für Kommunen. Denn auch Städte und Gemeinden können dazu beitragen, den Klimawandel zu begrenzen, ohne auf Komfort und Sicherheit zu verzichten. In Sömmerda in Thüringen gibt es inzwischen kommunale Energiemanager, die helfen die Einsparpotenziale wahrzunehmen.

Von Johannes Schiller | 01.10.2015

Energiesparen ist Detektivarbeit. Und die Detektivin der Kreisverwaltung Sömmerda heißt Astrid Keschke. Über Monate sammelte sie Informationen zum Strom- und Wärmeverbrauch in einem Bürohaus der Kreisverwaltung aus den 1960er-Jahren. Die Energiemanagerin legte sogar Sensoren aus - sogenannte Datenlogger.
"Dann wurden Temperaturmessungen durchgeführt. Da wurden Datenlogger ausgelegt an speziellen Stellen im Gebäude, also Datenlogger sind kleine Geräte, mit denen man Temperaturverläufe messen kann."
Die Messprotokolle zeigten Astrid Keschke zum Beispiel, ob ein Büro tatsächlich die gewünschte Temperatur hat. Oder vielleicht zu warm oder zu kalt ist. Außerdem überprüfte die Energiemanagerin, wie ihre 200 Kollegen das Gebäude nutzen. Wann ist Feiertag? Wann Büroschluss? Dann stellte sie Heizung und Klimaanlage exakt darauf ein. Das Ergebnis überraschte Keschke: In einem Jahr sparte sie ein Fünftel der Wärmeenergie. Genug, um ein Einfamilienhaus zehn Jahre lang heizen zu können.
"Also das ist schon eine ziemliche Größenordnung! Wenn man bedenkt, dass wir wirklich keinen Euro investiert haben und wirklich nur mit technischen oder organisatorischen Optimierungen so viel Energie einsparen konnten."
Sparpotenzial beim Energieverbrauch
Im nächsten Schritt will Energiemanagerin Astrid Keschke auch den Energieverbrauch anderer Gebäude der Kreisverwaltung optimieren – etwa von Schulen oder Sporthallen. 200.000 Euro könnte das im Jahr sparen – oder fast 1.000 Tonnen des Klimagases CO2.
Einen anderen Weg geht Keschkes Kollege Peter Schmidt wenige hundert Meter weiter bei der Stadtverwaltung Sömmerda. Er fand heraus: Am meisten kann die Stadt bei der Straßenbeleuchtung sparen. Also ersetzte Schmidt 2.600 alte Lampen - teils noch aus DDR-Zeit - durch moderne LED-Technik.
"Die neue LED-Leuchte lenkt das Licht zielgerichtet auf die Bereiche, wo es auch verwendet werden soll. Straßen und Gehwege, Radwege. Manchmal wird es als zu hell empfunden, manchmal als zu dunkel empfunden. Unser Gehirn wird sich relativ zeitnah an die neue Ausleuchtung gewöhnen."
Für die neue Ausleuchtung investierte Sömmerda 760.000 Euro. Viel Geld, das sich aber rechnet, weil die neuen Lampen nicht einmal die Hälfte der Energie brauchen. Jedes Jahr spart Sömmerda künftig bei der Stromrechnung 100.000 Euro, in sieben Jahren sind die Investitionen wieder drin.
Auch Schmidt nimmt die Temperaturen städtischer Gebäude genau unter die Lupe. Kritik fröstelnder Büromitarbeiter ist aber selten.
"Eher sind es die Sportlehrer, die ein bisschen meckern, wenn man die Sporthalle ein bisschen kälter macht. Weil, letztendendes ist es ja so, die Kinder bewegen sich, die Sportlehrer eher nicht. Aber das nimmt man positiv auf und mit einem gemeinsamen Gespräch ist dann auch das geklärt."
Astrid Keschke und Peter Schmidt bekommen bei ihrer Arbeit Hilfe von der Landesregierung. Bei der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur besuchten sie eine mehrmonatige Weiterbildung zum kommunalen Energiemanager. Außerdem unterstützt die Agentur Städte und Gemeinden mit Experten-Wissen, sagt Projektleiter Frank Kuhlmey.
"Also den größten Nachholbedarf sehe ich tatsächlich darin, organisatorische Prozesse zu optimieren. Das heißt: Wie führe ich eine Heizungsabnahme durch? Wie achte ich darauf, dass die Heizungsanlage richtig eingestellt ist? Wie achte ich darauf, dass tatsächlich nur solche Leute an die Heizungsanlage rangehen, die dafür auch ausgebildet und zuständig sind?"
Energieeffizienz immer noch kein Alltag
Ähnliche Programme gibt es inzwischen in den meisten Bundesländern. Denn obwohl das Beispiel Sömmerda so einfach klingt, ist Energieeffizienz in Städten und Gemeinden immer noch kein Alltag, sagt Christian Stolte von der Deutschen Energie-Agentur in Berlin.
"Wir gehen davon aus, dass vielleicht zehn Prozent der Kommunen ein solches professionelles Energiemanagement schon implementiert haben. Irgendetwas um die 1.000 Kommunen vielleicht, wir haben ja 11.000 Kommunen in Deutschland."
Städte und Gemeinden sind längst nicht die größten Energieverbraucher in Deutschland. Industrie oder Verkehr benötigen ein Vielfaches. Wenn es aber um den Klimaschutz geht, sind sie für Frank Kuhlmey von der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur trotzdem Pioniere.
"Kommunen haben eben auch eine Rolle als Multiplikator. Das heißt eben auch ihre Bürger ihre Unternehmen in ihrem Einzugsgebiet für das Thema zu sensibilisieren und mitzunehmen. Und da ist es vorteilhaft, wenn ne Kommune sagen kann: Schaut her, wie gehen hier selbst mit gutem Beispiel voran!"