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StartseiteMusikjournalWagners "Walküre" als Podcast 05.07.2021

"Soft Valkyrie"Wagners "Walküre" als Podcast

Abseits der großen Bühne hat die Staatoper Hannover den Podcast „Soft Valkyrie“ initiiert: Dafür hat der Komponist und Spieledesigner David Kanaga Richard Wagners Oper „Walküre“ in ein Hörstück verwandelt. Entstanden ist eine vollwertige und ambitionierte Produktion, die die Opern-Grenzen sprengt.

Von Niklas Rudolph

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Nachkoloriertes Foto des Komponisten von 1871 von Franz Hanfstaengl auf dem Richard Wagner eine rötliche Mütze und einen wertvollen, schweren Mantelumhang trägt. (IMAGO / Leemage)
Zwar werden im Podcast "Soft Valkyrie" ungewöhnliche Instrumente benutzt, aber musikalisch folgt er der Partitur Richard Wagners (IMAGO / Leemage)
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Der Stoff ist zeitlos skandalträchtig: Die Zwillinge Siegmund und Sieglinde sind in der Kindheit voneinander getrennt worden, Jahre später begegnen sie sich wieder. Die beiden erkennen sich nicht und beginnen eine leidenschaftliche Inzest-Affäre; soweit der erste Akt von Richard Wagners Walküre.
 
"Winterstürme wichen dem Wonnemond" singt der unwissende Siegmund vor dem inzestuösen Liebesspiel; einer der großen Hits aus dem Ring-Universum, auf den echte Wagnerianer hin fiebern.

Ausgefallene Besetzung in "Soft Valkyrie"

Bryan the Mensah ist Rapper und in seinem Heimatland Ghana erfolgreicher Produzent. Im Podcast "Soft Valkyrie" gibt er einen Siegmund zwischen Ambient-Pop und Indie; zwischen Schiller und Radiohead. Ausgefallene Besetzungen gehören zum Konzept vom "Soft Valkyrie"-Podcast.
 
Sieglindes Mann Hunding wird gesungen vom ungarischen Sänger Attila Csihar. Mit der Black-Metal-Band Mayhem hatte er Anfang der 90er internationale Erfolge gefeiert. Durch ihn bekommt Hunding eine fabelhaft-unsympathische Bösartigkeit.
 
Die Sängerinnen und Sänger verwenden kein Vibrato, sie singen mit einer möglichst klaren Aussprache. Hailey Clark – Sopranistin an der Staatsoper – legt ihre Opernroutine ab und kommt ganz nah an das Mikrofon heran.
 
Wer gut Englisch spricht kann der Handlung auch folgen, wenn er nicht mit Wagners Opern vertraut ist. Das liegt auch an Schauspieler Steven Fry. Er ist sozusagen der Erzähler in dieser Geschichte, in dem er Wagners Regieanweisungen eins-zu-eins vorliest.

Tristan und Isolde: Die Szene mit dem Liebestrank, der eigentlich für König Mark bestimmt war, dargestellt auf einem Glasfenster des Designers Dante G. William Morris in Yorkshire, aufgenommen am 1.1.2011. (imago / United Archives) (imago / United Archives) Ist in der Oper die Musik wichtiger als die Handlung?
Nicht wenige Musiktheater-Stücke haben eine Geschichte, die verworren, unstimmig oder absurd ist. Ist die Musik also wichtiger als die Handlung? 

Steven Fry ist im englischsprachigen Raum aus vielen Hörbüchern bekannt. Er hat die Harry-Potter-Bände gelesen und sogar in "Herr der Ringe" als Schauspieler mitgespielt. So klingt "Soft Valkyrie" wie ein gut produziertes Hörspiel. Inklusive Special Effects.

Abseits der großen Oper

Diese Klangwelt aus digitalen Instrumenten und Sound-Effekten stammt von David Kanaga. Der US-Amerikaner ist Komponist und Spieldesigner und hat sich auch in der Vergangenheit schon mit der Schnittstelle von Oper und Computer- bzw. Videospiel beschäftigt. Immer wieder streut er unauffällig Reminiszenzen an Games durch die Klanglandschaft, wie zum Beispiel an die "Legend of Zelda"-Reihe für Nintendos N64.
 
Das alles klingt so gar nicht mehr nach großer Oper, mag man da ein- und sich abwenden. Oder aber den Kopf frei machen vom Bühnenraum und seinen An- und Herausforderungen. Denn die homogene Klangmischung kennt keine Pianissimi, keine extreme Dynamik und so lassen sich Handlung und Musik auch bei ratternden Schienen oder klopfenden Jogging-Schritten problemlos verfolgen. Optimiert für Kopfhörer, unter echten Podcast-Bedingungen eben.

Und David Kanaga geht überaus respektvoll mit der Partitur um. Er benutzt zwar ungewöhnliche Instrumente, E-Gitarren oder ein Digital-Klavier, aber er folgt der Harmonik, den Melodien genau, so wie sie in Wagners Klavierauszug stehen.

Etwa eine dankbare Viertelstunde dauern die einzelnen Episoden von "Soft Valkyrie". Am Anfang jeder Folge gibt es eine kurze Zusammenfassung, am Schluss einen echten Cliffhanger: Werden die Geschwister Siegmund und Sieglinde sich wirklich dem Inzest hingeben? Das erfahrt ihr in der nächsten Folge.

Zuhören soll beim Walküre-Podcast leicht gemacht werden

"Soft Valkyrie" macht vieles richtig, was sonst vergessen wird. Die Länge der einzelnen Episoden kann man auch auf kurzen Pendelstrecken oder beim Sport gut hören, er ist auf Drittplattformen wie YouTube und Spotify verfügbar und integriert sich so in die alltäglichen digitalen Nutzungsgewohnheiten.
 
"Mein Ziel ist absolut nicht, junge Menschen für die Oper zu gewinnen", sagt Laura Berman, Intendantin der Staatsoper Hannover. Stattdessen will sie mit dem Walküren-Podcast ein durchdachtes Produkt anbieten, bei dem das Zuhören leichtfällt.

Laura Berman: "Ich hatte ein Projekt gemacht in den Schulen in Berlin und merkte bei jungen Menschen, dass sie Konzentrationsschwierigkeiten hatten beim Zuhören, bei Musik, die etwas länger ist. Und es machte mir wirklich Sorgen. Und deswegen möchte ich diese Audio-Formen bei den jüngeren Generationen sehr unterstützen."

Staatsoper Hannover koopiert mit Holland Festival und Dutch National Opera

Viele Häuser scheuen vor solch aufwändigen Produktionen zurück, schließlich sind Künstlerisches Betriebsbüro, Technikschichten und Dramaturgie mit einem regulären Spielbetrieb schon über allen Maßen ausgelastet. Deshalb hat sich Laura Berman Unterstützung geholt, und mit dem Holland Festival sowie der niederländischen Nationaloper kooperiert.
 
Laura Bermann: "Wir haben auch mit Podcast angefangen, in anderen Bereichen. Und wir merken, das schaffen wir einfach nicht. Und das kann nur funktionieren in Partnerschaften, wo die technischen Aspekte von anderen übernommen werden."
 
Während der Corona-Pandemie mussten die Sängerinnen und Sänger über Videokonferenz proben und dann einzeln ins Studio geholt werden, ein langer und mühsamer Prozess bei dem vielfältigen Cast.
 
Gelingt es diesem Podcast, Wagner zeitgenössisch rüberzubringen, wie die Pressemitteilung ankündigt? Was suggerieren könnte, dass Wagners Ring im Opernhaus als Musiktheater aufgeführt, irgendwie altmodisch wäre. Diesen Gegensatz hätte "Soft Valkyrie" gar nicht gebraucht. Der Podcast ist kein "Stattdessen". Er ist ein "oder eben auch": eine vollwertige, liebevolle und ambitionierte Opern-Produktion mit einem Vorgeschmack auf das, was die Zukunft noch an digitalen Möglichkeiten auch für den klassischen Musikbetrieb bereithält.

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