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StartseiteUmwelt und VerbraucherSollbruchstellen bei technischen Geräten auf der Spur17.08.2012

Sollbruchstellen bei technischen Geräten auf der Spur

Internetseite sammelt Beispiele für kurzlebige Produkte

Viele technische Geräte halten kaum länger als die gesetzliche Gewährleistungsfrist. Manche Geräte gehen schon ein paar Wochen oder Monate später kaputt. Da liegt der Verdacht auf Sollbruchstellen nah. Über murks-nein-danke.de sammeln sich frustrierte Verbraucher und wollen Druck auf die Hersteller ausüben.

Von Stefan Römermann

Haben manche Elektrogeräte eingebaute Sollbruchstellen, damit man ein neues Produkt kauft? (AP)
Haben manche Elektrogeräte eingebaute Sollbruchstellen, damit man ein neues Produkt kauft? (AP)
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Hersteller von kurzlebigen Produkten (Blog)

Auf dem Schreibtisch von Stefan Schridde in Berlin stapeln sich die defekten Elektrogeräte. Er sammelt sie als Anschauungsobjekte: Sie sollen zeigen, dass Hersteller den Verbrauchern oft nur Murks für ihr Geld verkaufen.

"Hier sieht man etwas, was man zuhause eigentlich selten sieht. Das ist der Elektromotor aus einem Handrührgerät. Also wenn Sie ihren Kuchen zubereiten, da sehen Sie hier an diesen Plastikzahnrädern, hier werden dann die Rührbesen reingesteckt, mit denen man dann schön seinen Kuchenteig drehen will."

Das Problem sind die Plastikzahnräder. Sie sind verschlissen und das Rührgerät damit Elektroschrott, erklärt Schridde.

"Sie sehen: Ich kann die jetzt schon fast frei drehen, hier. Ja, weil das Metall-Schneckengetriebe da drin, hat schlicht und einfach den Kunststoff rausgefressen. Wenn sie hier von der Seite gucken, dann sehen sie, dann ist das hier richtig rausgeschliffen aus dem Zahnrad. So, und wenn sie sich jetzt fragen: Ja, wieso ist da überhaupt ein Kunststoffzahnrad eingebaut. Wieso, kann man doch Metallzahnrad nehmen? Hier haben wir doch Metall. Kann man da doch auch Metall nehmen. So, und da fragt man sich natürlich: Warum sind an der Stelle Kunststoffzahnräder eingebaut?"

Für Schridde liegt die Antwort auf der Hand:

"Das halte ich ganz klar für geplanten Verschleiß. Ja, an der Stelle weiß man, dass Metall länger hält. An der Stelle weiß man, dass solche Kunststoffräder kaputt geschliffen werden. Und an der Stelle zu sagen: Wir bauen trotzdem Kunststoff ein und nicht Metall, das ist wahrscheinlich noch mehr als Dummheit."

Fälle wie diese prangert der studierte Betriebswirtschaftler Schridde bei Facebook und auf seiner Webseite Murks-nein-danke.de an. Die Seite ging Anfang des Jahres online und wurde innerhalb eines halben Jahres von knapp anderthalb Millionen Menschen besucht, berichtet Stefan Schridde stolz. Viele Verbraucher schicken auch ihre eigenen Fallbeispiele ein, die dann auf der Webseite veröffentlicht werden. Zum harten Kern der besonders aktiven Mitstreiter gehören inzwischen etwa hundert Personen. Sie kämpfen mit Initiator Schridde bei beispielsweise gegen fest in Geräten verbaute Akkus. Während die Elektronik beispielsweise in der elektrischen Zahnbürste häufig noch bestens funktioniere, gebe der Akku oft spätestens nach zwei bis drei Jahren den Geist auf, erklärt Schridde.

"Und wenn man sich vorstellt, dass es mittlerweile auch bei E-Books so ist, dass es bei Epiliergeräten so ist. Bei Rasierapparaten, bei iPhones, bei iPads, bei Kopfhörern. Also unzählige unterschiedliche Produkte überall so arbeiten, dass der Akku fest eingebaut wird, dann wird ziemlich deutlich: Der einzige Grund für eine solche Strategie ist, dafür zu sorgen, wenn der Akku erschöpft ist, dass auch das ganze Gerät kaputt ist, in dem Moment."

Wirtschaftswissenschaftler nennen solche Strategien "eingebauter Verschleiß" oder "geplante Obsoleszenz". Statt besonders haltbare Produkte zu bauen, konstruieren Hersteller demnach bewusst Geräte mit einer geringeren Lebensdauer um die Kunden zum regelmäßigen Kauf von neuen Geräten zu verleiten - und damit den Absatz anzukurbeln. Allerdings ist es umstritten, ob diese Strategie wirklich auf breiter Front angewendet wird. Schließlich können schlechte Produkte, die zu früh kaputt gehen, natürlich auch den Ruf einer Firma verschlechtern.

Tatsächlich gibt es allerdings eine Art geplante Lebensdauer von Produkten. So werden Handys im Schnitt zwei bis fünf Jahre benutzt. Hier Bauteile einzubauen, die im Schnitt zwanzig oder gar fünfzig Jahre vor allem teurer, erklärt Jürgen Nadler, wissenschaftliche Leiter der Stiftung Warentest, Jürgen Nadler.

"Jede Firma, die ein Produkt baut, muss sich immer die Frage stellen: Wie lange soll eigentlich mein Produkt leben? Das heißt also, das ist ein Bestandteil sozusagen einer Überlegung eines gewissenhaften Konstrukteurs. Diese Frage muss man sich immer stellen. Manche wollen lange Lebensdauern, manche wollen kurze. Bewusste Verkürzungen im Sinne von angesägten Achsen haben wir definitiv nicht gefunden."

Trotzdem seien beispielsweise verbaute Akkus und auch unbewusste Konstruktionsfehler aus Verbrauchersicht natürlich ärgerlich. In der Wahrnehmung des Phänomens spielen aber auch psychologische Effekte eine Rolle. Denn wenn ein Gerät kurz nach Ablauf der Gewährleistungsfrist kaputt geht, prägt sich das besonders ein. Doch das sei eben noch lange kein Zeichen für ein bewusst eingebautes Verfallsdatum, sagt Olaf Wittler vom Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration.

"Eine Lebensdauer auf zwei Wochen oder auf Monate genau auszulegen, bei einem komplexen mikroelektronischen Produkt ist eigentlich nicht möglich. Weil die Nutzungsszenarien so unterschiedlich sind, bei jedem Nutzer. Und in vielen Fällen die Lebensdauer eben genau davon abhängt, wie stark ich das Bauteil belastet habe, wie oft habe ich mein Handy fallen gelassen. Wie oft habe ich es von heiß nach kalt wechselt. Das kann alles einen Einfluss haben."

Doch egal ob tatsächlich gewollter Verschleiß oder nur Nachlässigkeit beim Produktdesign: Stefan Schridde will seinen Kampf gegen den Murks in den nächsten Monaten noch ausweiten.

"Ich bin gerade jetzt dabei einen gemeinnützigen Verein zu errichten, der Gemeinschaft eine Ordnung zu geben. Es wird eine Projektplattform geben unter der dann alle die hundert Menschen, die mitarbeiten wollen, die das mitgestalten wollen, auch dezentral miteinander arbeiten können."

Nächstes Ziel ist die Eröffnung einer kleinen Ausstellung, eines "Murks-Showroom" in Berlin. Dort wollen Schridde und seine Mitstreiter besonders anschauliche und dreiste Fälle von Murks dokumentieren und das Thema so noch weiter bekannt machen.

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