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StartseiteSport am Wochenende"Die Hoffnung auf Aufklärung in der Schweiz darf man aufgeben"25.01.2020

Sommermärchen-Affäre"Die Hoffnung auf Aufklärung in der Schweiz darf man aufgeben"

Bis zum 27. April hat die Schweizer Bundesjustiz noch Zeit, um in der "Sommermärchen"-Affäre ein erstinstanzliches Urteil zu fällen. Tut sie das nicht, ist der Fall verjährt. Und danach sieht es laut dem Journalisten Thomas Kistner aus. Es könnte mehr dahinter stecken, als bloße Schlamperei.

Thomas Kistner im Gespräch mit Marina Schweizer

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Konterfei Franz Beckenbauer (picture alliance / Sven Simon)
Ausgerechnet Franz Beckenbauer, um den sich die ganzen Millionenzahlungen drehen und der nach Aktenlage davon profitiert haben könnte, ist schon aus der Sache raus, sagt Kistner. (picture alliance / Sven Simon)
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Die Hoffnung, dass der Fall in der Schweiz aufgeklärt wird, dürfe man aufgeben, sagt Thomas Kistner im Dlf. Selbst wenn das Verfahren im März eröffnet werden sollte, so habe es doch "Alibicharakter" und diene nur dazu, dass sich die Schweizer Bundesjustiz nicht vollständig der Lächerlichkeit vor allem im Ausland preisgebe. Der Journalist von der Süddeutschen Zeitung empfindet die Arbeit der Justiz als "befremdlich".

"Denn zum einen hat die Bundesanwaltschaft das ganze über vier Jahre hingezogen. Dann hat sie im August letzten Jahres ganz schnell eine Klageschrift eingereicht und jetzt hat das Bundesgericht fast ein weiteres halbes Jahr gebraucht, um diese Klage zu prüfen und erst in dieser Woche hat sie das Papier an die Berner Strafermittler zurückgereicht mit der Aufforderung, es in Punkto ungetreuer Geschäftsbesorgung nachzubessern. Also für diese Korrekturarbeit bekam die Bundesanwaltschaft jetzt eine Woche Zeit, dieselbe Behörde, die schon vier Jahre gebraucht hatte, um überhaupt eine Anklage hinzuzimmern. Das ist absurd."

Laut Kistner könne es nur zwei Lösungen geben, wie das Verfahren und damit die Affäre um dubiose Zahlung rund um die Fußball-WM 2006 endet:

"Entweder die Sache verjährt trotz Verfahrenseröffnung oder die Beteiligten ziehen es mit einigen Anträgen über diesen 27. April hinaus."

Kistner: Die Justiz arbeitete im Schneckentempo

Die Justiz habe in den vergangenen Jahren im Zeitlupentempo gearbeitet. Außerdem habe es die Bundesanwaltschaft, also die Ermittlungsbehörde, geschafft, dass ihr Behördenchef von diesen Fußballkomplexen im eigenen Land suspendiert wurde. Lauber hatte sich immer wieder vertraulich mit Gianni Infantino getroffen, dem Boss des Fußball-Weltverbandes FIFA.

"Und diese Treffen waren so geheim, dass sie weder protokolliert worden sind, noch sich die Beteiligten an alle Treffen erinnern konnten. Eines soll kollektiv in Vergessenheit geraten sein. Und auch wegen dieser Erinnerungsschwäche läuft seit Sommer eine interne Untersuchung gegen den Bundesanwalt. Unter diesen Umständen sind also diese Ermittlungen geführt worden."

Außerdem kritisiert Kistner, dass das Verfahren gegen den Hauptbeschuldigten, Franz Beckenbauer, bereits im vergangenen Jahr wegen dessen angeschlagener Gesundheit abgetrennt wurde.

"Ausgerechnet die Figur in der Posse, um die sich die ganzen Millionenzahlungen drehen und die nach Aktenlage davon profitiert haben könnte, ausgerechnet der ist jetzt schon aus der Sache raus. Und damit ist in der Schweiz auch das Problem der Skandalisierung bereinigt. Wer will schon den juristischen Dolch gegen einen Fußballkaiser führen?"

Schlamperei oder politisches Kalkül?

Der Schweizer Justiz bringe das Verfahren nur schlechte Imagewerte, sagt Kistner. Der Baseler Korruptionsexperten Mark Pieth, habe der Süddeutschen zeitung gegenüber den Verdacht aufgeworfen, dass hinter der Schlamperei politische Interessen stünden.

"Das Problem könnte durchaus sein, dass man in der Schweiz die dort ansässige FIFA einfach nicht antasten will. Das zeigt sich ganz deutlich auch im internen Umgang und in diesen Vertraulichkeiten, mit denen da zwischen Behörde und Sportorganisation immer wieder gehandelt wird. Dann ist zu besichtigen, dass es nie in der Schweiz eigentlich mal eine harte Sanktion gegen irgendeinen Weltverband gegeben hat", sagte Kistner.

Ende der neunziger Jahre habe die Schweiz mit einer großen strategischen Aktion die großen Weltsportverbände ins Land geholt.

"Man wollte diese Institutionen da haben, man hat ihnen alles mögliche dafür versprochen, nicht nur Steuerfreiheit ganz offenkundig, und all das hat dazu geführt, dass es mittlerweile so ausschaut, als sei die Schweiz eine juristische Komfortzone erster Klasse für den organisierten Sport", so Thomas Kistner im Dlf.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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