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StartseiteEine WeltSonnenenergie oder Atomstrom?11.07.2009

Sonnenenergie oder Atomstrom?

Der Run der Europäer auf den Energiemarkt in Nordafrika

Deutsche Energieunternehmen möchten in Marokko ein großes Solarkraftwerk errichten. Damit stehen sie in Konkurrenz zu Frankreich, das dort gerne Atomanlagen bauen würde. Für Marokko sind beide Angebote attraktiv, denn das Land ist bisher von der Energie anderer Staaten abhängig.

Von Marc Dugge

Reichlich Platz bietet die Wüste von Marokko für ein Solarkraftwerk. (Rüdiger Maack)
Reichlich Platz bietet die Wüste von Marokko für ein Solarkraftwerk. (Rüdiger Maack)

Bei dem Thema Solarpark in der Wüste bekommt Abdellah Alaoui leuchtende Augen. Alaoui ist Chef des Marokkanischen Energieverbands. Er als gilt als graue Eminenz der Energiepolitik - und als Mann von großem Einfluss:

"Ich denke, schon im Jahr 2015 könnten wir den ersten Solarpark in Marokko haben. Der Strom wird nicht nur den Bedarf in Marokko decken, sondern auch ins Ausland exportiert werden können. Das ist unser Beitrag zur Entwicklung Europas."

Stromentwicklungshilfe aus Marokko für Europa - so kann man das Projekt auch sehen. Auch Abderrahim El Hafidi ist von dem Plan ebenfalls angetan. Er ist verantwortlich für erneuerbare Energien im marokkanischen Energieministerium. Bei dem Thema überschlägt sich seine Stimme fast vor Begeisterung:

"Der Solarplan wäre eine Gelegenheit für Marokko, sein Potenzial an erneuerbaren Energien voll auszuschöpfen: ein enormes Potenzial, das heute noch ungenutzt ist. Wir werden zunächst den nationalen Markt versorgen. Den Rest können wir mit unseren Partnern im Norden des Mittelmeers teilen. Damit können wie unsere Energiequellen voll ausschöpfen."

Für El Hafidi ist die Prioritätensetzung also klar: Der Strom muss erst einmal Marokko versorgen - erst dann kommt das Ausland: Kein Wunder, denn Marokko hat ein massives Energieproblem. Das Land muss 97 Prozent seiner Energieträger aus dem Ausland beziehen: Kohle aus Mauretanien, Gas aus Algerien, Öl aus den Golfstaaten. Und wenn in den Spitzenzeiten die eigene Stromproduktion nicht ausreicht, dann muss eben aus Spanien Strom zugekauft werden. Das passiert immer häufiger.

Im vergangenen Jahr musste Marokko eine saftige Rechnung bezahlen: Rund sieben Milliarden Euro - in Devisen: ein dicker Batzen für ein Schwellenland. Und die Rechnung wird vermutlich steigen, denn die Bevölkerung Marokkos wächst und verbraucht immer mehr Energie. Auch die Industrie ist immer hungriger nach Energie - und die Regierung muss handeln. Sie setzt vor allem auf Kohlekraftwerke - aber auch zunehmend auf erneuerbare Energien. Für sie ist Marokko wie geschaffen: An den Küsten bläst meist eine steife Brise und in dem Land scheint meistens die Sonne. Bis jetzt gibt es nur sehr wenige Wind- und Solarkraftwerke. Das muss sich ändern, so Said Mouline, Präsident der Marokkanischen Vereinigung für Solar- und Windenergie:

"Wir haben das Glück, kein Ölland zu sein. Wir haben reiche Sonnen- und Windvorkommen. Mit erneuerbaren Energien können wir gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen, die Umwelt schützen und wirtschaftlich arbeiten. Deutschland mit seiner Erfahrung in diesem Bereich kann da zusammen mit Marokko Maßstäbe setzen - und anderen Ländern ein Beispiel sein."

Der Plan, Solarfelder in der Wüste zu errichten, ist ambitioniert. Und nicht alle in Marokko sind davon begeistert. Im marokkanischen Energieministerium gibt es Stimmen, die davor warnen, dass Marokko sich erneut kolonialisieren lassen könnte; dieses Mal von deutschen Energiekonzernen. Viel Skepsis kommt auch aus dem französischen Lager. Jean-Noel Roulleau, Leiter des staatlichen französischen Entwicklungsdienstes AFD in Marokko:

"Natürlich ist die Idee verführerisch, Solarenergie aus einer unbewohnten Wüstenregion zu fördern. Allerdings leben dort Nomaden, wenn auch nicht allzu viele - aber dennoch: Das Problem muss geregelt werden. Außerdem haben wir ja beim Öl schon die Erfahrung gemacht, was es bedeutet, wenn man sich an eine Region als Energiequelle bindet. Und dann der Energieverlust über die lange Strecke. Insgesamt: eine gute Idee, aber voller Risiken."

Auch Frankreichs Energieindustrie interessiert sich für Marokko. Sie will in dem Land aber weniger Solarkraftwerke, sondern vielmehr Atommeiler bauen. In diese Richtung deuten auch die Worte von Frankreichs Präsident Sarkozy bei einem Staatsbesuch in Marokko im vergangenen Jahr. Damals hatte er angekündigt, dass Marokko und Frankreich auf dem Feld der zivilen Atomenergie zusammenarbeiten wollen. Marokko ist außerdem seit Oktober der "Weltweiten Partnerschaft für Atomenergie" beigetreten - einer amerikanischen Initiative, die sich für die zivile Atomkraft starkmacht.

Auch Abdellah Alaoui vom marokkanischen Energieverband setzt auf Atomkraft. Er pflegt einen engen Draht zur französischen Energieindustrie. Für seinen Einsatz für die marokkanisch-französische Freundschaft hat er vor zwei Jahren den Verdienstorden der Republik Frankreich bekommen.

"Wir rechnen damit, im Jahr 2020 zwei Atomreaktoren zu haben. Marokkanische und ausländische Experten untersuchen bereits, welche Standorte dafür geeignet wären, und gehen der Frage nach, ob wir wirklich Atomstrom brauchen."

Alaoui weist darauf hin, dass die Kilowattstunde Atomstrom konkurrenzlos billig sei - und deswegen für ein energiedurstiges Land wie Marokko sehr attraktiv. Eine Rechnung, die Verfechter erneuerbarer Energien zurückweisen - schließlich müsse man die hohen Investitionskosten für ein Atomkraftwerk in den Strompreis mit einrechnen.

In jedem Fall ist das Thema Atomstrom in Marokko hochsensibel, denn Nachbarländer wie Spanien würden es überhaupt nicht gern sehen, wenn Marokko demnächst Atomkraftwerke bauen würde. Das französische Atomunternehmen AREVA sagte ein vereinbartes Interview für diesen Beitrag kurzfristig ab.

Erneuerbare Energien gegen Atomstrom - die Energielobbys rüsten sich zum Kampf in Marokko. Ein Konkurrenzkampf, der auch einmal zu einer Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Frankreich werden könnte. Dieter Uh, Energieexperte bei der deutschen Entwicklungshilfeorganisation GTZ in Marokko:

"Natürlich gibt es bis zu einem gewissen Grad diesen Konflikt. Da muss man gar nicht drumrumreden. Nicht nur, dass man die Investitionsgelder nur einmal ausgeben kann. Marokko verbraucht heute 24 Terrawattstunden - ein Atommeiler produziert sieben Terrawattstunden. Das ist etwa der Energiemehrbedarf von heute bis 2014. Das heißt: In dem Moment, in dem ein Atommeiler kommt, gibt es real gesehen weniger Bedarf."

Heißt: weniger Bedarf umzusteuern - und auf erneuerbare Energien zu setzen. Das Rennen um Marokkos Energieversorgung der Zukunft ist eröffnet. Letztlich könnte entscheiden, welche Lobby hier in dem frankofonen Land besser aufgestellt ist. Und da ist die ehemalige Kolonialmacht Frankreich bisher klar im Vorteil.

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