Sevim Müller und Thomas Schartner taufen Europas Wetterlagen. Und das funktioniert so: Irgendjemand aus der Bevölkerung möchte, dass das nächste Hoch oder Tief einen bestimmten Namen trägt - ob Karin, Isidor oder Xanthippe. Der Interessent überweist 199 Euro für eine Schlechtwetter- bzw. 299 Euro für eine Gutwetter-Lage. Die Studierenden stellen eine Patenschafts-Urkunde aus und ein Hochschul-Meteorologe trägt den Namen in die offizielle Wetterkarte ein.
Ja die Namen kann man sich aussuchen, allerdings muss man bestimmte Regeln beachten. Nicht möglich sind zum Beispiel Firmennamen oder aber auch...
Kosenamen! Also Schnuckelchen oder Aspirin geht auch nicht – also ist jetzt kein Kosename, aber Häschen oder solche Sachen. Es müssen standesamtlich anerkannte Vornamen sein. Wir nehmen auch keine Doppelnamen an. Stellen Sie sich mal vor es würde "Elisabeth-Anna-Lena" auf der Wetterkarte erscheinen, dann wäre die ganze Wetterkarte zu, man könnte das Wesentliche eigentlich nicht mehr erkennen. Das ist ja auch nicht Sinn und Zweck der ganzen Geschichte.
Zum Beispiel Tertulin. Tertulin heißt das sonnige Pfingst-Hoch. Benannt nach Tertulin Eberl aus Bayern.
Ich hab mich mal beschwert bei meiner Frau, dass es nie ein Hochdruckgebiet gibt mit meinem Namen. Weil den Namen kennt kein Mensch und dann hat mir meine Frau zum 50. Geburtstag eine Wetterpatenschaft der Freien Universität Berlin geschenkt.
Nun ist Tertulin in aller Munde: Im Radio, im Fernsehen und am Gartenzaun.
Ja, ich hab mich riesig gefreut, die ganze Verwandtschaft ruft mich an. Heute hat sich jemand beschwert, weil es in Bayern nicht so schön ist, ansonsten haben sie sich bedankt. Aber das Wetter mach ich noch nicht, das macht immer noch jemand anders (lacht). Wir haben nur die Patenschaft übernommen.
Die Freie Universität Berlin verkauft "mit Hochdruck" ihre Patenschaften. Denn mit dem eingenommenen Geld finanzieren die Studenten ihre Wetterbeobachtung. In der meteorologischen Station der Hochschule – ganz oben in einem alten Wasserturm – müssen nämlich rund um die Uhr Wolkenaufbau, Sichtweite, Abend- und Morgenrot sowie im Winter Schneehöhen festgehalten werden - das, was kein Computer kann. Die Achtstunden-Dienste wurden früher von der Uni bezahlt, dann ging das Geld aus. Dank der Wetter-Patenschaften gibt es wieder eine Aufwandsentschädigung: 35 Euro pro Schicht.
Die meisten Leute, die das hier machen, die haben einen gewissen Idealismus dahinter. Was nicht heißen soll, dass sie es n u r deswegen machen. Denn es kann sich k e i n Student leisten einfach so für lau zu beobachten und sich den halben Tag oder die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen.
Bilanz: Rund 30.000 Euro im Jahr kassieren die "Wetter-Frösche" für die Hochs und Tiefs, ihre Himmelsbeobachtung liefert wichtige Daten für die Forschung - und bietet den Studierenden eine beliebte Luftveränderung.
Wenn ich jetzt zum Beispiel meine theoretische Meteorologie-Vorlesung höre und da höre, dass da irgendeine Formel existiert, wonach, wenn sich ein Tiefdruckgebiet nähert, das und das passiert, ja dann ist zwar schön, dass ich das weiß, aber ich kanns ja nicht erleben. Also geh ich hier nach oben und schau mir das wirklich an. Wenn sich da was tut, dann sehe ich: aha, er dreht auf Südwest, er dreht auf Nordost und das hat man halt nur hier und nicht in der Vorlesung. In der Vorlesung können sie mir ja viel erzählen, aber Wetter ist ja auch immer: rausgucken, sehen, was könnte passieren, wenn das so und so ist.