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StartseiteUmwelt und VerbraucherSorge um radioaktive Belastung des Grundwassers01.04.2011

Sorge um radioaktive Belastung des Grundwassers

Situation rund um das Kernkraftwerk Fukushima

Wissenschaftsjournalist Sönke Gäthke sagt im Deutschlandfunk, dass noch völlig offen sei, wie sich die Radioaktivität auf das Grundwasser auswirke. Zwar sei nach Angaben der Betreiberfirma Tepco das Kraftwerk auf einer wasserundurchlässigen Schicht gebaut, dennoch wisse man nicht, wohin das Wasser aus dem Reaktor abfließe.

Sönke Gäthke im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

Die Reaktorblöcke von Fukushima (picture alliance / dpa)
Die Reaktorblöcke von Fukushima (picture alliance / dpa)

Susanne Kuhlmann: Der Kampf gegen die drohende Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima geht weiter. Auf den Tag genau drei Wochen sind vergangen seit dem großen Erdbeben und dem verheerenden Tsunami in Japans Nordosten, in dessen Verlauf das Kraftwerk außer Kontrolle geriet. Positive Nachrichten aus dem Atomkraftwerk lassen aber nach wie vor auf sich warten. - Bei mir ist der Kollege Sönke Gäthke aus der Wissenschaftsredaktion des Deutschlandfunks. Herr Gäthke, wir hören ja nun auch von radioaktiver Belastung des Grundwassers in der Region um Fukushima. Gestern hieß es, man habe einen zehntausendfach erhöhten Wert an radioaktivem Jod gemessen. Dann hieß es aber, die Werte sollen falsch gewesen sein. Welchen Kenntnisstand haben Sie?

Sönke Gäthke: Offenbar ist es so, dass die Auswertung der Messungen nicht ganz korrekt gewesen ist. Die Menge an Jod aber, die dort veröffentlicht wurde, stimmt. Was nicht gestimmt hat, laut dem japanischen Fernsehsender NHK, war die Auflistung der anderen Radionuklide, die man gemessen hat. Man hat eine Latte von acht oder neun verschiedenen gemessen und einige davon hat man offenbar zu hoch angegeben. Wie gesagt, das betrifft allerdings nicht das Jod.

Kuhlmann: Wie wird sich die Radioaktivität im Grundwasser denn wohl auswirken?

Gäthke: Das ist noch völlig offen, weil man nicht genau weiß, wie die geologische Situation vor Ort ist. Man weiß gar nicht, wohin strömt das Wasser von dort aus. Die Firma Tepco sagt, das Atomkraftwerk sei gebaut auf eine wasserundurchlässige Schicht, in größere Tiefen könne das Wasser daher nicht absinken. Aber was in den oberen Schichten ist, ist noch völlig offen.

Kuhlmann: Heute soll ja versucht worden sein, Kunstharz auf die verstrahlten Trümmer zu sprühen und damit zu verhindern, dass radioaktiver Staub sich weiter verbreitet. Ist das mehr als verzweifelter Aktionismus? Gibt es also Erfahrungen mit so etwas?

Gäthke: Es gibt tatsächlich Erfahrungen damit. Offenbar - das schreibt jedenfalls die japanische Presse - ist das ein Verfahren, was auf Baustellen in Japan auch angewandt wird. Das heißt, es gibt mindestens eine Firma, die weiß, was sie tut, die auch ungefähr eine Vorstellung davon hat, wie man das ganze technisch angehen muss. Es wird allerdings wie fast alles an diesem Atomkraftwerk nicht von heute auf morgen funktionieren. Die haben jetzt ihr Material da und sie werden die nächsten 14 Tage lang dort 60.000 Liter Wasser mit dieser bindenden Substanz aufsprühen, in der Hoffnung, dass dann ein Film dabei entsteht. Das wird man dann also frühestens in 14, 15 Tagen sagen können, ob das funktioniert hat.

Kuhlmann: Hilfe aus dem Ausland hat die japanische Regierung ja lange abgelehnt, aber jetzt will man eventuell doch das eine oder andere Angebot annehmen. Was steht denn an?

Gäthke: Man hat vor allen Dingen Experten aus Frankreich kommen lassen, Leute von der Firma Areva, die die Mischoxid-Brennelemente geliefert haben. Man erhofft sich von denen einfach Ratschläge, was das angeht. Aus den USA hat man Techniken kommen lassen. Zum einen hat man dort einen Messroboter kommen lassen, der dann unbemannt zwischen den Kernreaktoren fahren kann. Man hat dort auch ein Flugzeug kommen lassen, ein unbemanntes, was dort aus der Luft Radioaktivität messen kann. Und man bekommt weitere von diesen Betonpumpen, die einfach den Charm haben, dass man relativ gezielt auch über eine Höhe von 50 Metern auf einen Punkt hin Wasser spritzen kann.

Kuhlmann: Wo sind denn eigentlich die japanischen Wissenschaftler, von denen man hier zumindest eigentlich wenig hört?

Gäthke: Sie werden durchaus interviewt, sie haben Auftritte im Fernsehen dort auch, sie werden in den Zeitungen benannt. Ich kann von hier aus aber nicht einschätzen, ob die Firma Tepco die wirklich engagiert, oder ob die nicht eher meint, wir können das alles selbst, wir machen das selbst, das ist Teil unserer Ehre. Das kann ich mir auch gut vorstellen.

Kuhlmann: Welche Schädigungen werden denn zu erwarten sein, wenn es bis auf weiteres bei der aktuellen Strahlenbelastung bleibt?

Gäthke: Das ist noch ziemlich unklar. Bis jetzt ist die Strahlenbelastung zwar erhöht, aber nicht sehr stark erhöht, und es gibt kaum vernünftige Daten darüber, was eigentlich passiert, wenn die Strahlung unterhalb eines gewissen Schwellenwertes bleibt. Wir haben da so einen wissenschaftlich nachgewiesenen Schwellenwert, oberhalb dessen wir genau, dann ist es statistisch so, es wird mehr Krebsfälle geben. Aber was passiert da drunter? Wir wissen es einfach nicht, es gibt keine Kenntnisse. Es kann sein, dass man das linear herunterrechnen kann, es kann aber genauso gut sein, dass die Schäden, die dabei entstehen, längst nicht so groß werden, wie man das befürchtet.

Kuhlmann: Auch drei Wochen nach Erdbeben und Tsunami bleibt die Situation rund um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima kritisch. Danke schön an Sönke Gäthke.

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