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Sorge um Stromversorgung im Winter

In der Bundesregierung sorgt man sich um die Bereitstellung von Energiereserven für den Winter. Berichten zufolge, wird notfalls ein Gesetz erwogen, um die Unternehmen zur Bereitstellung der sogenannten Kaltreserve zu zwingen. Die Unternehmen halten das für unnötig.

Von Christel Blanke | 17.09.2012

Es ist eine vertrackte Situation: je mehr Ökostrom in die Netze eingespeist wird, desto weniger konventionelle Kraftwerke werden gebraucht. Wenn man aber immer mehr Gas- und Kohlekraftwerke stilllegt, fehlt womöglich Strom in Zeiten, in denen Wind oder Sonne nicht zur Verfügung stehen. Um für solche Situationen gewappnet zu sein, werden seit dem vergangenen Winter einige, eigentlich schon abgeschaltete fossile Kraftwerke als sogenannte Kaltreserve im Stand-by-Betrieb gehalten. Das System hat im vergangenen Winter funktioniert, doch die Bundesregierung sorgt sich, dass Betreiber künftig zunehmend Kraftwerke vom Netz nehmen, weil sie sich nicht rechnen. Seit Monaten wird mit Branchenvertretern verhandelt, wie sich die beiden Interessen - die Versorgungssicherheit auf der einen Seite und die Gewinnerwartungen der Unternehmen auf der anderen - vereinbaren lassen. Angestrebt wird eine freiwillige Selbstverpflichtung der Betreiber. Auch vom Bundeswirtschaftsministerium. Trotzdem bringt das nun eine gesetzliche Regelung ins Spiel, die jederzeit und schnell erfolgen könne. Hildegard Müller, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft, zeigt sich gegenüber dem Deutschlandfunk überrascht, denn es liefen gute Gespräche:

"Wir haben Angebote für eine mögliche Selbstverpflichtung vorgelegt. Wir halten nach wie vor eine Selbstverpflichtung für die Markt nähere Lösung und auch für eine kostengünstige Lösung. Und deshalb gibt es hier sicher Gesprächsbedarf."

Die Kosten sind wohl das Problem. Denn je mehr eigentlich überflüssige Kraftwerke in Reserve gehalten werden, desto teurer wird es für die Stromkunden, die über die Netzentgelte zur Kasse gebeten werden. Berichte, die Branche stelle hohe Entschädigungsforderungen, weist Hildegard Müller zurück. Über konkrete Zahlen sei noch gar nicht gesprochen worden:

"Wenn diese Kraftwerke laufen sollen aus Gründen der Versorgungssicherheit, müssen die Kosten, die entstehen, weil die Mannschaft vorgehalten wird, weil Revisionen durchgeführt werden müssen, diese Kosten müssen ersetzt werden. Im Übrigen ist das etwas, was natürlich auch bei einem gesetzlichen Eingriff notwendig wäre. Hier zu glauben, das würde irgendwie günstiger mit einem Gesetz, kann ich mir gar nicht vorstellen."

Meldungen zufolge denkt das Wirtschaftsministerium daran, dass Betreiber melden müssen, wenn sie ein für die Versorgung wichtiges Kraftwerk stilllegen wollen. Tatsächlich abschalten dürfen sollen sie es dann erst nach einem Jahr. Dabei müsse sicher gestellt werden, fordert Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur, dass die Ankündigung einer Kraftwerksstilllegung nicht zum Geschäftsmodell werde. Langfristig plädiert Homann im "Handelsblatt" für ein völlig neues Strommarktdesign, das wettbewerblich organisiert und technologieoffen ausgestaltet wird.