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Soziologe Heinz Bude
Wege im interreligiösen Dialog

Der Soziologe Heinz Bude hat mit seinem Buch über die "Gesellschaft der Angst" große Beachtung gefunden. Nun hat er sich mit mit der religiös grundierten Angst befasst. Sie grassiert - spätestens seit den Anschlägen von Paris und Kopenhagen. Was tun gegen die Angst?

Von Brigitte Neumann | 25.02.2015

    Der Soziologe Heinz Bude
    Der Soziologe Heinz Bude 2010 im ZDF (dpa / picture alliance / Karlheinz Schindler)
    Wir haben das Gefühl, in einer vergehenden Zeit zu leben und meinen, das Beste liege schon hinter uns - so könnte man die Diagnose des Soziologen Heinz Bude in seinem Buch "Gesellschaft der Angst" zusammenfassen. Und weiter: Für unsere Zukunft sehen wir eher schwarz. Sie ist mit vielerlei Ängsten besetzt. Zum Beispiel mit Angst vor dem Islam, der anscheinend genügend Raum für selbsternannte radikale Deuter bietet.
    "Kann ja alles sein, dass es das gibt," so Heinz Bude.
    "Das Problem ist nur - und das ist jetzt auch die Frage, die nach den Anschlägen von Paris sehr, sehr wichtig ist, wir werden nie mehr in eine ethnisch homogene Gesellschaft zurückkehren, nie mehr. So, jetzt kann einem das irgendwie unangenehm sein. Was will ich mit Leuten zusammenleben, die ich nicht mag? Kann ja sein, aber... Und das meine ich damit, dass es doch eine kommende Zeit gibt. Ich muss mir überlegen, was machen wir jetzt und wie soll denn die Welt in 20 Jahren aussehen?"
    Frage nach der Zukunft
    Die Frage nach der Zukunft ist der Schlüssel für einen konstruktiven Umgang mit Problemen in einer gemischten Gesellschaft, sagt Heinz Bude. Er ist Professor für Soziologie an der Uni Kassel sowie seit mehr als 20 Jahren Leiter des Bereichs "Deutsche Gesellschaft" am Hamburger Institut für Sozialforschung.
    "Wir können Flüchtlinge ja nicht nach Madagaskar verschiffen oder noch schlimmere Dinge mit ihnen machen. Oder die Türen zumachen und niemanden mehr aus Afrika nach Europa lassen. Das wird alles nicht gehen. Also müssen wir doch überlegen, wie können wir in irgendeiner Weise miteinander zurande kommen und möglicherweise auch unter Verhältnissen leben, wo unsere eigenen Kreise auch so ein bisschen gestört werden, wo wir merken, wir können nicht mehr in der ewigen Reproduktion unserer Selbstähnlichkeit aufgehen. Und das glaube ich ist ein ganz wichtiger Impuls für unser kollektives Selbstverständnis."
    Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagt der Volksmund. Heinz Bude hingegen meint: Wenn die Angst da sei, dürfe man sie nicht ignorieren oder den Leuten einreden, sie sei falsch und gehöre weg. Man solle sie zur Grundlage vernünftiger Überlegungen machen. Etwa indem man sich fragt, was kann ich tun, um mich weniger eingeschränkt zu fühlen:
    "Es gibt eine wichtige Tradition in der Philosophie, die sagt, das einzige Gegenmittel gegen die Angst, die einen verrückt macht, ist das Wissen. Aber welches Wissen meinen die? Die meinen ja nicht einfach nur die Kompilierung von Information, sondern sie meinen genau dieses Wissen, was einen inneren Bewertungsmaßstab aufbaut und dabei nicht nur diesen inneren Bewertungsmaßstab immer wieder neu bestätigt finden will, sondern den auch immer wieder aussetzt - und das macht Wissen eigentlich aus - mit neuen Gegebenheiten der Welt abgleicht, die passieren."
    Religion als Privatsache
    Nun hat unsere säkulare Gesellschaft da ein Defizit. Konfrontiert mit der offensiven Religiosität des Islams fehlen die Bewertungsmaßstäbe. Wir verstehen den Eifer nicht, können ihm nichts entgegensetzen und ziehen uns irritiert zurück. Denn in den liberalen Gesellschaften des Westens gilt Religion schon seit Generationen mehr oder weniger als Privatsache. Jeder glaubt, woran er will. Und diese hart erkämpfte, gesetzlich verbriefte Freiheit möchte sich kaum jemand nehmen lassen. Der Rechtfertigungsdruck gegenüber dem Islam sei gar keine schlechte Sache, findet nun Heinz Bude. Und hat da eine Idee, auf welcher Basis ein interreligiöser Dialog zu führen sei. Religion gehöre, wie die Kunst, dem gesellschaftlichen Bereich der Inspiration an, Abteilung prophetische Sinnproduktion. Bude sieht den Bereich der Inspiration als eine Art Vorraum des Religiösen:
    "Und die Frage ist: Wie redet man nun miteinander in dieser Welt der Inspiration? Und das ist, glaube ich, etwas, was wir noch gar nicht können. Können wir christliche Prophetie mit islamischer Prophetie in ein Gespräch bringen? Das heißt, nicht zu sagen, ihr müsst erst mal so werden wie wir, ihr müsst auch mal eine Aufklärung haben und auch mal versuchen, so was wie Säkularisierung zu erfahren, dann reden wir noch mal weiter mit euch. Das wird nicht gehen. Und damit macht man sich die Sache auch zu einfach."
    Der interreligiöse Dialog, verstanden als Dialog über Inspiration, also über solche Fragen wie: Was hält uns am Leben? Wofür begeistern wir uns? Worin finden wir Sinn? Gibt es eine Bedeutung jenseits fassbarer Dinge und Erfahrungen - also Transzendenz? Dieser Dialog könnte zu Ergebnissen führen, die die Gesellschaft näher zusammen bringt.