Gesellschaft
Soziologin Mayer-Ahuja: "Alltag der Menschen durch Konkurrenzkampf geprägt"

Die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja hat einen Strategiewechsel der Politik angemahnt. Es werde regelmäßig zu gesellschaftlichem Zusammenhalt aufgerufen, der Alltag der Menschen sei jedoch durch einen Konkurrenzkampf geprägt, sagte Mayer-Ahuja im Deutschlandfunk. Auf unterschiedliche Interessen in der Gesellschaft müsse man daher mit unterschiedlicher Politik reagieren.

    Die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja, mit Brille, kurzem Haar, in einer blauen Strickbluse sitzt vor einem Bücherregal und lächelt freundlich in die Kamera.
    Die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja (Archivbild). (Klaus-Peter Wittemann)
    Die Professorin für Soziologie mit den Schwerpunkten Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Universität Göttingen betonte, lange habe der Begriff der sogenannten Mittelstandsgesellschaft gegolten. "Im Zeichen von Wirtschaftswachstum und steigenden Löhnen gingen alle davon aus, dass sie doch eigentliche zur Mitte gehören. Das war schon damals eine Lebenslüge der alten Bundesrepublik, eine klassenlose Gesellschaft zu sein."
    Ab den 1980er Jahren sei die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer geworden, erläuterte Mayer-Ahuja. "Die fetten Nachkriegsjahre waren vorbei und die Wirtschaft ist nicht mehr so schnell gewachsen." Früher habe die Devise gegolten: Aufstieg durch Leistung sei möglich. Heute machten viele Menschen die gegenteilige Erfahrung.

    "Spaltungslinien in vielen Branchen vertieft"

    Laut der Soziologin prägt die Erwerbsarbeit spezifische Klassenerfahrung. "Man muss die eigene Arbeitskraft verkaufen, um seine Existenz zu sichern." In etlichen Branchen seien Spaltungslinien vertieft worden. Es gebe enorme Unterschiede zwischen den Beschäftigungsgruppen. Andererseits mache es Sinn, nach den Verbindungen zu fragen - etwa, was die Beschäftigten gemeinsam erlebten, was sie zusammenbringen könne. "Da kann eine Politik der Solidarisierung ansetzen."

    "Notfalls auch Konflikte mit Wirtschaft durchsetzen"

    Die Politik verlange gesellschaftlichen Zusammenhalt. Der Arbeitsalltag der Menschen sei jedoch häufig durch das Gegenteil geprägt - durch zunehmenden Druck und zunehmende Konkurrenz. "Man fühlt sich bevormundet. Die Leute denken: Die da oben haben keine Ahnung, wie wir arbeiten und leben. Es wird eine Politik gemacht, die die Spaltungslinien weiter vertieft." Mayer-Ahuja nennt dies eine "brandgefährlichen Situation". Notwendig sei eine Politik für die arbeitenden Menschen. Notfalls müssten auch Konflikte mit der Wirtschaft durchgesetzt werden. "Es ist nicht legitim, die Interessen von Unternehmen zu den allgemeingültigen zu erklären."
    Diese Nachricht wurde am 06.04.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.