Archiv


Späte Gerechtigkeit?

In Tschechien kennt sie jedes Schulkind, viele Straßen und Plätze sind nach ihr benannt: Milada Horákova war die einzige Frau, die in der kommunistischen Tschechoslowakei aus politischen Gründen hingerichtet wurde. 1950 wurde die Widerstandskämpferin in einem Aufsehen erregenden stalinistischen Schauprozess zum Tode verurteilt. Jetzt, 57 Jahre später, wird der Fall neu aufgerollt. Christina Janssen berichtet.

    Die alte Dame ist empört.

    "Es war doch Kalter Krieg. Ich hatte überhaupt keine Zweifel."

    Ludmila Brozova-Polednova ist heute 86 Jahre alt und sich keiner Schuld bewusst. Dabei spielte sie als Anklägerin eine Hauptrolle im Prozess, den das kommunistische Regime der Tschechoslowakei gegen die Widerstandskämpferin Milada Horákova und zwölf weitere angebliche Landesverräter inszenierte:
    "Mit Abscheu wendet sich unser Volk von diesen Verrätern ab. Unsere guten Frauen und Mütter fragen sich, wo hatten Sie Ihr Herz, Angeklagte Horákova, als Sie unser Vaterland verraten haben? Und den Kampf von Millionen von Frauen für den Frieden. "

    "Milada Horákova - Todesstrafe!"

    Am 27. Juni 1950 wurde Milada Horákova im Prager Gefängnis Pankrác gehängt. Eine kleine Gedenkstätte erinnert dort an die Opfer des Nationalsozialismus und des kommunistischen Regimes.
    Dunkelgrüner Teppichboden, fahle Beleuchtung - im hintersten der drei Ausstellungsräume liegen die Überreste des Galgens auf dem Boden, an dem Milada Horákova erhängt wurde. Die Wandtafel dahinter zeigt sie auf einer lebensgroßen Schwarz-Weiß-Fotografie, stehend vor ihren Anklägern: schwarzes Kleid, hochgesteckte Haare, aufrechte Haltung. Eine Frau, die der Terror nicht gebrochen hat, so der Historiker Prokop Tomek.

    "Milada Horákova hatte sich während der Besatzung durch die Nationalsozialisten schon einmal dem Widerstand angeschlossen. Es war für Sie also nicht das erste Mal, dass sie sich einem totalitären System entgegenstellte. 1948 hat sie sehr entschieden gegen die undemokratischen Praktiken der Kommunisten Position bezogen, dafür haben sie sie gehasst. "

    "Mir geht es darum, Frau Angeklagte, ob Sie sich bei dem Treffen einig waren, dass Sie das Regime der Volksdemokratie beseitigen wollen. "

    "Ja, darüber waren wir uns einig. "

    "So haben Sie also eine Keimzelle der Konterrevolution gegründet."

    Die Anschuldigungen waren erfunden, das Urteil stand von Beginn an fest - daran zweifelt inzwischen niemand mehr, sagt Historiker Tomek.

    "Es war der erste groß inszenierte Prozess. Die Gruppe der Angeklagten war so zusammengestellt, dass verschiedene politische Strömungen vertreten waren - Christdemokraten, Sozialdemokraten, Sozialisten, und der bewaffnete Widerstand. Im Prinzip sollte die ganze Opposition abgeurteilt werden. "

    Auf Bestellung der Machthaber manifestierte sich der Volkszorn. Wäschekörbeweise wurden Briefe von Arbeitern, Bauern und Schulklassen in den Gerichtssaal getragen, die das Todesurteil gegen die Angeklagten forderten.

    Die kompromisslose Demokratin Horákova beeindruckte das nicht.

    "Ich halte den Kopf hoch. Man muss auch verlieren können. Im Kampf kann man fallen, und was ist das Leben anderes als Kampf?"

    ...schrieb sie im Abschiedsbrief an ihre Familie. Ihre Tochter konnte diesen Brief erst 40 Jahre später lesen, nach der Wende.

    Der neue Prozess, in dem der Fall Horákova jetzt aufgearbeitet werden soll, könnte für die Tschechen ein Markstein sein, meint Historiker Prokop Tomek. Er sieht in der Aufarbeitung der kommunistischen Ära noch einigen Nachholbedarf.

    "Allein der Versuch zählt, die Täter von damals zu verurteilen. Auf der anderen Seite hat sich immer wieder gezeigt, dass es schwierig ist, jemanden nach so langer Zeit zu bestrafen. Ich denke aber, es wird in der Gesellschaft positiv aufgenommen, dass man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Für viele ist es eine gewisse Enttäuschung, dass das bisher noch nicht gründlicher gemacht wurde. "

    Späte Gerechtigkeit für eine furchtlose Freiheitskämpferin? - Die damalige Anklägerin Brozova-Polednova sieht dem Verfahren, das ihr nun selbst bevorsteht, mit zynischer Gelassenheit entgegen: "Wenn sie mir 15 Jahre geben", sagte sie in einem Interview, "dann gehe ich die absitzen. Aber das zwingt mich, hundert Jahre alt zu werden." Die Juristin lebt in Pilsen, nur wenige Minuten vom Milada-Horakova-Platz entfernt.