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Spanische Jugendproteste als Exporterfolg

In ganz Europa rufen heute unterschiedliche Kollektive zum Generalstreik auf. Die Protestkultur hat sich ebenso europäisiert wie die Wirtschaftspolitik: Portugiesen protestieren in Griechenland, Franzosen in Madrid und Spanier in Deutschland.

Von Julia Macher | 14.11.2012

Die Plaza Catalunya in Barcelona. Der Verkehr braust, Touristen irren über den Platz. Auf einer Bank sitzt Miki von der Internationalen Kommission. Den Treffpunkt hat er nicht zufällig gewählt: Hier begannen vor 1,5 Jahren die Jugendproteste. Der Platz war damals eine Zeltstadt, mit täglichen Versammlungen, Protestkundgebungen, Workshops. Die Internationale Kommission ist eine der Einrichtungen, die überdauert hat: eine Plattform, über die sich die unterschiedlichen Protestbewegungen in Europa austauschen können – virtuell oder ganz real.

Belgien, Frankreich, Griechenland, Portugal und Marokko: Miki und andere Mitglieder der Indignados, der Empörten, sind viel herumgekommen. Low-Budget-Reisen mit Billigfliegern, zu Fuß oder mit gefälschten Zugtickets, organisiert über das virtuelle Netz an Freunden und Unterstützern.

"Unterkünfte sind eigentlich nie ein Problem. Es gibt inzwischen so viele Sympathisanten und ein dichtes Netz von besetzten Häusern, sodass man eigentlich überall in Europa einen Platz zum Schlafen findet."

Protesttourismus? Das Wort hört Miki nicht gerne. Es gehe nicht darum, mit möglichst vielen Menschen von einer Kundgebung zur nächsten zu ziehen und sich fürs Fotoalbum beim Prügeln mit der Polizei ablichten zu lassen, sondern Netzwerke zu knüpfen. Vor wenigen Wochen trafen sich in Madrid bei "Agora 99" Kollektive und Protestbewegungen aus ganz Europa. Auch in Zeiten von Twitter und Facebook funktioniert Kooperation am besten, wenn man sich persönlich kennt:

"Wir haben vom arabischen Frühling gelernt, wie man soziale Medien einsetzt und haben dieses Wissen anderen weitergegeben: Wir brauchen fünf Minuten für Dinge, für die Regierungen mehrere Tage brauchen. Dafür können wir von anderen, vor allem den Briten lernen, wie man Projekte über Spenden finanzieren kann."

Spanien exportiert inzwischen ziemlich erfolgreich seine Protestkultur. Nicht nur die Indignados, sondern auch Kollektive wie die Plataforma de Afectados por la Hipoteca, die Plattform für "Hypothekengeschädigte", sorgen international für Aufsehen. Die Organisation berät und betreut in ganz Spanien Familien, die sich beim Wohnungskauf überschuldet haben, verhandelt mit Banken, übt Druck auf die Politik aus und scheut auch nicht vor der direkten Konfrontation.

"Unsere Methode, Wohnungsräumungen zu stoppen, in dem sich einfach viele, viele Leute in einem Akt zivilen Ungehorsams vor die Wohnung stellen, den Zugang blockieren, hat international schon sehr beeindruckt."

Sagt Lucía Martín. Auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung reiste die Aktivistin im Herbst durch Deutschland, berichtete in Hamburg, Bochum, Marburg, Düsseldorf, Hanau und Berlin von ihren Erfahrungen.

"Natürlich lässt sich unser Modell exportieren, trotz der anderen Gesamtsituation: In Deutschland mieten fast alle und wissen nicht, dass hier 80 Prozent der Bevölkerung eine Hypothek haben. Aber in Deutschland gibt es das Problem der Gentrifizierung. Als dann in Kreuzberg 150 Leute eine Wohnungsräumung gestoppt haben und dabei Schilder mit der Aufschrift "Stop desahucio", Wohnungsräumung stoppen, war das für uns sehr bewegend."

Wenn die Gesetze europäisch seien, dann müsse auch der Kampf gegen von ihnen verursachte Ungerechtigkeiten europäisch sein, sagt Lucia. Schließlich könne Spanien schon bald das drohen, was in Griechenland längst Realität ist.