Mittwoch, 17. August 2022

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Spardruck durch Corona-Krise
"Provenienzforschung steht auf der Kippe, wenn es knapp wird"

Die Provenienzforschung will Klarheit schaffen, wie viel geraubte Kunst in Archiven, Bibliotheken und Sammlungen schlummert. Diese Recherche kostet Zeit und Geld. Gilbert Lupfer vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste warnte im Dlf davor, in der Corona-Krise hier den Rotstift anzusetzen.

Gilbert Lupfer im Gespräch mit Anja Reinhardt | 04.07.2020

Der Kunsthistoriker Gilbert Lupfer
Der Kunsthistoriker Gilbert Lupfer ist Vorstand des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste (dpa picture alliance / Ole Spata)
Die Corona-Krise hat Projekte zur Provenienzforschung zum Erliegen gebracht, weil Institutionen geschlossen waren oder Recherchereisen unmöglich wurden. Das Ziel sei, dass diese laufenden Projekte nicht abgebrochen werden müssen, sagte der Vorsitzende des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste, Gilbert Lupfer, im Dlf.
Wissensverlust durch befristete Stellen
"Das zentrale Problem ist natürlich, dass es sehr viele Provenienzforscherinnen gibt, die in befristeten Projekten arbeiten und sich dann nach zwei oder drei Jahren wieder was Neues suchen müssen", erklärte Gilbert Lupfer. Das sei nicht nur für die Betroffenen ein Problem, sondern dadurch ginge auch immer wieder Wissen verloren. "Deshalb arbeiten wir darauf hin, dass möglichst viele Länder und Kommunen, feste, unbefristete Stellen für Provenienzforscher einrichten." Er hoffe, dass einige Projekte auch vom Rettungs- und Zukunftspaket "Neustart Kultur" profitieren werden können, das sich auf eine Milliarde Euro beläuft.
Das Interesse und das Engagement der Museen für die Provenienzforschung habe sich dem Eindruck nach in den vergangenen Jahren stark erhöht - und zwar über Kunstmuseen hinausgehend, sagte Kunsthistoriker Lupfer im Dlf.
Schild am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg: Hier wird unter anderem erforscht, was bei der Stasi-Aktion "Licht" passierte.
Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste ist national und international der zentrale Ansprechpartner zu Fragen unrechtmäßiger Entziehungen von Kulturgut. Schwerpunkt des Zentrums ist das im Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogene Kulturgut insbesondere aus jüdischem Besitz. Seit April 2018 befasst sich das Zentrum zudem mit Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Das in Magdeburg angesiedelte Zentrum ist eine 2015 vom Bund, den Ländern und den kommunalen Spitzenverbänden gegründete Stiftung. Aktuell fördert es Projekte für Provenienzforschung in rund fünf Dutzend Museen, Bibliotheken und Archiven. Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Gilbert Lupfer ist hauptamtlicher Vorstand des Zentrums.
Wenn Geld reichlich vorhanden sei, sei auch die Bereitschaft der Länder und Kommunen größer, in die Provenienzforschung zu investieren. "Aber natürlich ist Provenienzforschung immer eine Aufgabe, die vielleicht dann, wenn es sehr knapp wird, auf der Kippe steht. (...) Und da sehen wir natürlich eine Gefahr, dass dann gesagt wird, Provenienzforschung ist nicht die wichtigste Pflichtaufgabe, - wir müssen ausstellen, wir müssen sammeln, wir müssen vermitteln - und dass dann die Provenienzforschung einfach hinten angestellt wird."
Hier leiste das Zentrum für Kulturgutverluste Überzeugungsarbeit. Außerdem könne eine Art "Anschubfinanzierung" für Forschungsprojekte gewährleistet werden.