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Spiegel-Bestsellerliste Belletristik August 2012

Zeit für den literarischen Menschenversuch im Deutschlandfunk: Was geschieht mit einem Gehirn, das Monat für Monat abwechselnd die zehn in Deutschland meistverkauften Romane und Sachbücher von der ersten bis zur letzten Seite tatsächlich liest?

Von Denis Scheck | 24.08.2012

    Meine Verblüffung darüber, wie viele Menschen sich mit wie wenig zufriedengeben, wächst von Tag zu Tag.

    Die aktuelle Spiegel-Bestseller-Liste Belletristik:

    Diesmal mit echten, aber schwachen Schwedenkrimis, falschen Franzosen, englischer echt beknackter Tippelbrüderprosa, einem richtig guten Roman eines alten Schweden und einem durchschnittlichen Roman einer alten Chilenin. In diesem Monat bringen die zehn meistgelesenen Romane der Deutschen 3985 Gramm auf die Waage: zusammen 5031 Seiten.

    Platz 10: Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, "Der Mann, der kein Mörder war" (Deutsch von Ursel Allenstein, Rowohlt Polarios, 592 S. 14,95 Euro)

    Einen Wiedergänger Hamlets haben die schwedischen Fernsehautoren Hjorth und Rosenfeld als Serienfigur für ihre Krimireihe erschaffen: Sebastian Bergman ist Polizeipsychologe, aber ein Unsympath, der vor Jahren Frau und Tochter bei einem Unfall verloren hat und sich seither als ebenso missgelaunter wie entscheidungsschwacher, von allnächtlichen Albträumen zermarterter Egoshooter durchs Leben quält. Der erste Auftritt von Bergman und Kommissar Höglund um einen ermordeten Schüler einer Eliteschule, dem man das Herz herausgerissen hat, wäre ein akzeptabler Serienkrimi, wenn die Autoren ihre Figuren nicht allesamt wie Studenten direkt aus dem Sozpäd-Seminar reden und denken ließen. Ihr Debüt ist aufgebläht wie eine Wasserleiche.
    Platz 9: Henning Mankell, "Erinnerung an einen schmutzigen Engel" (Deutsch von Verena Reichel, Zsolnay Verlag, 349 S., 21.90 Euro)

    "Ich besaß einmal ein kleines Bordell in Afrika …" Nach diesem zunächst recht konventionell anmutenden Strickmuster erzählt Henning Mankell von einer jungen Schwedin, die Anfang des 20. Jahrhunderts an Bord eines Handelsschiffes nach Mosambik gerät und dort über Umwege als Bordellwirtin zu einem Vermögen kommt. Allein für die Figur des in Menschenklamotten steckenden Affen Carlos lohnt sich die Lektüre. Wer bei Carlos Beerdigung auf hoher See und seinem letzten Geleit durch einen Delfin keine Träne verdrückt, ist für das Leben und die Literatur verloren. "Erinnerung an einen schmutzigen Engel" ist ein genialer Roman über die Fesseln des Schwarzweißdenkens: Henning Mankells Meisterwerk.

    Platz 8: Suzanne Collins: Die Tribute von Panem: "Flammender Zorn" (Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Klöss, Oetinger, 430 S., 17,90 Euro)

    Der dritte Band von Collins düsteren Zukunftsvision, in der sich nach einem Bürgerkrieg ein diktatorisches Regime mittels einer perversen Mischung aus Gladiotorenspielen und Castingshows stabilisiert.
    Platz 7: Susanne Collins, Die Tribute von Panem: "Tödliche Spiele" (Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Klöss, Oetinger, 414 S., 17,90 Euro)

    Band eins dieser Trilogie, einer Autoimmuntherapie in Buchform gegen "Deutschland sucht den Superstar". Spannende Jugendbücher, aus denen man erfahren kann, warum die Verbrecher seltener vor als hinter der Kamera stehen.

    Platz 6: Isabel Allende, "Mayas Tagebuch" (Deutsch von Svenja Becker, Suhrkamp, 445 S. 24.95 Euro

    Die 19jährige Maya Vidal hat ihr junges Leben gründlich verpfuscht: In Las Vegas ist sie auf die schiefe Bahn geraten und wird nun wegen Druckplatten für Falschgeld vom FBI, Interpol und der Mafia gesucht. Mayas clevere Großmutter vergattert sie dazu, auf der Insel Chiloé vor der Küste Chiles unterzutauchen. Maya lernt dort den chilenischen Zweig ihres Clans kennen und kommt einem Familiengeheimnis aus der Zeit von Allendes Sturz und Pinochets Militärdiktatur auf die Spur. Die inzwischen 70-jährige Isabel Allende hat sichtlich Vergnügen am aufgekratzten Görenton ihrer Ich-Erzählerin, und dieses Vergnügen teilt sich dem Leser dieses Unterhaltungsromans mit.
    Platz 5: Rachel Joyce, "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" (Deutsch von Maria Andreas. Krüger Verlag, Krüger Verlag, 381 S. Euro)

    Von allen Trittbrettfahrern, die Hape Kerkelings Jakobsweg-Ergüsse auf den Plan riefen, ist Rachel Joyce die dreisteste: ihr Roman ist ein in grausliche Esoterik getränkter Schmarren über einen Mann, der tausend Kilometer durch England tippelt, um sich von einer im Sterben liegenden Arbeitskollegin zu verabschieden. Diesem Klonroman einer britischen Kitschjule sollte man früher den Laufpass geben.
    Platz 4: Suzanne Collins, "Die Tribute von Panem: Gefährliche Liebe" (Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Klöss, Oetinger, 414 S., 17,90 Euro)

    Der Mittelband einer packenden Science-Fiction-Trilogie, die im Gewand eines Jugendbuchs über die Mechanismen von Macht und Medien aufklärt.

    Platz 3: Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, "Die Frauen, die er kannte" (Deutsch von Ursel Allenstein, Rowohlt Polaris, 729 S. 14, 95 Euro)

    Ein Schwedenkrimi über einen Serienmörder, der Frauen vergewaltigt und die Kehle aufschlitzt und dabei einen seit 15 Jahre im Gefängnis sitzenden Serienmörder nachahmt. Das beste, was ich über diese blässliche Konfektionsware sagen kann, ist, dass sich weder Autor noch Mordopfer aus dem Intrigantenstadel des deutschen Feuilletons rekrutieren.
    Platz 2: Jean-Luc Bannalec, "Bretonische Verhältnisse" (Kiepenheuer & Witsch, 302 S. 14,90 Euro)

    Regionalkrimis leben vom Lokalkolorit. Davon hat dieser durchaus unterhaltsame, in der Bretagne angesiedelte Regionalkrimi um ein 40 Millionen Euro teures Bild von Gaugin reichlich. Aber der Autor tut entschieden zuviel des Guten - die Dialoge bestehen hauptsächlich aus Sätzen wie: "Danke, Monsieur le Commissaire", oder: "Au revoir Madame Professeur".

    Und nach der Lektüre dieser Riesenportion falscher Französischkeit fühlt man sich ein wenig wie nach dem Verzehr eines Dutzend Austerns, von denen einem schwant, eine darunter könnte schlecht gewesen sein.

    Platz 1: Jonas Jonasson, "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" (Deutsch von Wibke Kuhn, Carl’S Books, 414 S., 14,99 Euro)

    Lach- und Sachgeschichten aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts hat der Schwede Jonas Jonasson zu einer vergnüglichen historischen Nummernrevue in Romanform zusammengebaut. Im Mittelpunkt: ein hundertjährigen Sprengstoffexperte, der wie Forrest Gump oder Woody Allens "Zelig"-Machthabern von Harry Truman über Mao Tse-tung bis Charles de Gaulle begegnet.