Mittwoch, 29. Juni 2022

Archiv


Spieglein, Spieglein ...

Egal ob Schönheitsoperation, Tattoo oder Fitnessklub - Selbstdesign und Optimierung des eigenen Körpers werden in den kommenden Jahren mega-in, sagen Trendforscher. Das ist Ergebnis der neuen Trendstudie "Körperwelten 2020".

Von Anja Arp | 21.01.2010

"Das ist jetzt die Mirkoabration, das ist ein Schälgerät. Das macht ein frischeres, glatteres Hautbild und man schält sich im Grunde eine neue Haut damit."

Die Rezepte für eine glatte Haut sind so alt wie die Menschheit selbst. Schon die alten Ägypter haben Fruchtsäure als Peeling auf die Haut aufgetragen, um sie zu glätten. Es gibt zwar kein Patentrezept für die ewige Jugend. Dennoch haben sich die Zeiten eindeutig geändert: Früher waren Frauen mit 50 in der Regel eher graue Mäuse. Heute gibt es den sogenannten alterslosen Typ á la Senta Berger, Iris Berben oder Hannelore Elstner, die noch mit 60 sexy wirken.

"Dazu gibt es ja Untersuchungen, die zeigen, dass das Bedürfnis, gut auszusehen, heute lange nicht mehr bei den Jugendlichen, bei jungen Menschen aufhört. Sondern: Auch heute wollen 60-, 70-, 80-Jährige gut aussehen, achten auf ihren Körper. Das ist ein ganz starker Trend, dass man heute versucht, selbst im hohen Lebensalter noch irgendwie jugendlich zu wirken und Sport zu treiben, schlank zu sein. Das sind Ideale, denen wir alle nachstreben und da passt Body-Modification sehr, sehr gut rein."

Erich Kasten ist Professor für Medizinische Psychologie an der Uni Lübeck. Er ist Experte in Sachen Körpermodifikation und hat darüber ein Standardwerk geschrieben.

"Die Grundlagen für Body-Modification, für Körperschmuck, liegen eigentlich darin, dass Menschen sich unterscheiden wollen. Wir alle haben ein ganz hohes Bedürfnis danach, individuell zu sein, anders auszusehen, als der Nachbar."

Das Streben nach Individualität, nach Schönheit und Perfektion liegt voll im Trend. Vor allem Intim-OPs, so die Trendforscher, sind ein Zukunftsmarkt. Was schön ist und was nicht, unterliegt natürlich Moden. Und nicht immer müssen die Grenzen zwischen Körperkult und Körperwahn dabei so offensichtlich überschritten werden, wie es bei Michael Jackson der Fall war. Seine Nase war zum Schluss durch die vielen Schönheitsoperationen regelrecht zerfressen.

"Die Menschen betrachten heute ihren Körper nicht einfach als Arbeitsmaschine, wie das früher gewesen ist, zum täglichen Überleben, sondern: Körper ist heute irgendwo, ja, ein Lustobjekt, etwas, was wir stylen wollen. Wir alle haben ein unheimlich hohes Bedürfnis danach, schön auszusehen, gut auszusehen."

Besonders junge Menschen möchten ihren Körper verschönern und optimieren. Mit Hilfe von Piercings und Tattoos wollen sie sich von der Masse abheben und unverwechselbar sein. Felix kann sich zum Beispiel noch sehr gut an sein erstes Tattoo erinnern. Er war 18 und machte gerade Abitur:

"Ich wollte schon immer eine Tätowierung haben. Irgendwie fand ich das immer sehr spannend. Und habe mir dann halt eine Zahl eintätowieren lassen, die halt für neun Jahre Gymnasium steht. Und dann, man sagt ja, wenn man eins hat, dann kommen mehrere. Ich weiß noch genau, wie ich damals sagte: Ne, das ist mein Letztes. Ich werde niemals mehr ein weiteres Tattoo haben und mein Tätowierer lächelte damals bereits schon und meinte: Ja, das sagen sie alle. Und ja, er hatte recht."

Inzwischen hat der 23-jährige Student über 30 ganz individuelle Tattoos. So ziert zum Beispiel sein Unterarm sein eigenes Porträt und das seiner Eltern. Der angehende Designer versteht seine Haut dabei als zu gestaltende Fläche.

"Ich wollte mich selbst ausdrücken. Vielleicht ist es auch so eine Form von Selbstfindung durch diese Art der Verschmückung und Verschönerung. Und ob ich jetzt auf dem Papier oder am Computer was gestalte oder auf mir selbst gestalte, das macht für mich keinen Unterschied. Ich ziehe da keine Grenzen. Ich gestalte einfach. Ich grenze mich da selber nicht ein. Und wenn ich ein tolles Bild habe und mir ein tolles Motiv durch den Kopf schießt, dann bin ich nicht abgeneigt, das dann auf den Körper zu bringen."

Körpermalereien mit Henna oder die unter die Haut gehenden Tätowierungen mit der Nadel hat es schon immer und fast überall gegeben. Selbst Ötzi war tätowiert, als ihn Wissenschaftler nach über 5000 Jahren aus dem Eis bargen. Woher diese Jahrtausende alte Tradition herrührt, weiß keiner so genau. Zu uns ist sie jedenfalls mit Kapitän Cook und seinen Matrosen aus der Südsee gekommen.

"Die andere Linie wären japanische Tätowierungen. Da gibt es eine ganz große Strömung eher bunter Bilder, richtige Ganzkörpertätowierungen. Aber man muss wirklich auch sagen, dass in Europa schon bei den Griechen, Römern, es tatsächlich Tätowierungen gab. Also man kann da nicht so eine Wiege feststellen. Das scheint von mehreren Punkten losgegangen zu sein und modemäßig immer wieder vermehrt hier rübergeschwappt oder eben wieder verschwunden zu sein","

… erklärt die Ethnologin Beate Schneider. Sie hat im Museum der Weltkulturen in Frankfurt die Ausstellung "Hautzeichen - Körperbilder" organisiert. Hinter den Hautbildern steckt ursprünglich zumeist ein Ritual. So gibt es zum Beispiel bei den Frauen in Westafrika Initiationsrituale, wenn ein Mädchen zur Frau wird. Ursprünglich sind Körperschmuck und Narben also ein Zeichen für Status und Geschlechtsreife. Bei uns haben zunächst vor allem Adelige Tattoos getragen. Erich Kasten, Professor für Medizinische Psychologie an der Uni Lübeck:

""Einfach deswegen, weil Tattoos so selten und so teuer waren, dass sich das sonst keiner leisten konnte. Die wirklich große Verbreitung kam dann mit der Einführung der Tätowiermaschine, war es dann möglich, dass sehr breite Bevölkerungsmassen sich überhaupt tätowieren lassen."

Lange Zeit hatten Tattoos hierzulande den Geruch von Knast und Puff. Und dann gab es eine Zeit, da haben sich vor allem Rocker als Zeichen ihres gesellschaftlichen Protestes tätowieren lassen.

"Das führt dazu, dass heute noch Tätowierungen ein Anzeichen sind, ja, von Außenseitertum und Rebellion. Es steht dahinter, man will zeigen, dass man ja stark, mutig ist. Das sind Attribute, die da noch dran hängen."

Vor allem Jugendlichen verstehen ihren Körper als Ausdrucksmittel und als Lustobjekt. Der Körper als Fun-Faktor, den man beliebig gestalten kann. Damit verbunden ist das Bedürfnis sich abzugrenzen, zu gefallen, aufzufallen, schön zu sein:

"Das führt dazu, dass eben ein sehr viel höherer Trend da ist, schlank zu sein, Diäten zu halten, sehr viel Sport zu treiben, Bodybuilding zu machen, Schönheitsoperationen zu machen. Und dazu gehört dann eben auch der Körperschmuck, schmerzhafter Körperschmuck wie Tätowierungen und Piercings."

Angesichts des medizinischen Fortschritts leben wir im "Jahrhundert des Machbaren". Galt die körperliche Unversehrtheit in Mitteleuropa lange als ein hohes Gut, geht man heute mit seinem Körper und seinen Äußeren eher spielerisch um. Ein Trend, der besonders unter jungen Menschen zunimmt, erklärt Professor Lehmkuhl, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität zu Köln.

"Bei Jugendlichen merken wir langsam, dass diese Tendenzen ankommen. Also wie möchte ich aussehen und welche Idealbilder habe ich? Und da ist zunehmend der Trend, immer dünner zu werden, aber auch bei Jungen bestimmte Muskelmassen zu entwickeln. Das heißt, die Betonung der körperlichen Wahrnehmung nimmt deutlich zu."

Andrea arbeitet in einem Tattoo- und Piercingstudio. Sie kramt in einer Schatulle mit Utensilien für Zungenpiercings:

"Die Mädels, die machen sich dann immer so etwas - siehst du hier, so mit so Sternchen. Oder dann gibt es diese, die leuchten im Schwarzlicht. Wenn man dann jemandem in der Disco die Zunge rausstreckt, dann … Gibt halt total verrückte Sachen."

Was wie ein Spiel wirkt, kann ziemlich gefährlich sein. Die gesundheitlichen Risiken bei Piercings sind höher als bei professionell gestochenen Tattoos. Sie können die Haut tief verletzen, wenn sie zum Beispiel unsachgemäß herausgerissen werden. Besonders gefährlich sind Intimpiercings.

"Also, Intimpiercing ist beim Mann halt das Vorhautbändchen vorne. Das ist eigentlich das Gängigste, was wir hier machen, und dann diese kleine Naht hoch, kann man halt gehen und bei Frauen Klitorisvorhaut und Schamlippen."

Ähnlich wie bei Tattoos geht es dabei auch darum, den Schmerz zu ertragen:

"So ein Tattoo, ein Piercing … Es gibt Piercings, die sehr, sehr schmerzhaft sind, zeigt eben, dass man einmal im Leben wirklich Mut gezeigt hat; dass man diesen Schmerz durchgestanden hat. Es sind, obwohl wir die Mannbarkeitsrituale der Naturvölker eigentlich in unserer Zivilisation längst abgeschafft haben, sind es moderne Mutproben, die hier die Jugendlichen selbst wieder einführen."

Manche Menschen sind sogar so unzufrieden mit ihrem Äußeren, dass sie sich deshalb freiwillig unter das Messer legen. Bei dieser 55-jährigen Frau spielte ein Spiegel die entscheidende Rolle.

"Beim Friseur ist so die einzige Zeit im Monat, wo man so vor dem Spiegel sitzt und sich so genau anguckt. Mir fiel dann auf, dass ich so im Laufe der letzten zwei, drei Jahre so eine Abwärtsbewegung gemacht habe. So richtig so vom Hals her, habe ich gedacht: Du lieber Gott, was kommt denn jetzt noch? Das war so eine Empfindung: Das gefällt mir nicht. Und diese Diskrepanz zwischen innen und außen. Das ist einfach so das Gefühl, verrückte Ideen zu haben - und dann diese etwas nach unten hängende Äußere, was nicht den gleichen Blick vermittelte. Das passte mir nicht."

Ein Facelifting ist kein Kinderspiel, sondern ein aufwendiger chirurgischer Eingriff. Die Narkose kann schiefgehen, das Skalpell kann Nerven verletzten oder es können hässliche Narben zurückbleiben.

"Ich wusste, was ich tue. Und habe mich dann da hingelegt und hab ihn noch mal angeguckt und denke: Mach alles richtig hier und dann habe ich eine Spritze gekriegt und dann war ich schon weg."

Rund eine halbe Million Schönheitsoperationen werden hierzulande jedes Jahr vorgenommen. Und etwa ebenso oft lassen Menschen sich ihr Fett absaugen. Es sind immer noch vor allem Frauen, die sich einer Schönheitsoperation unterziehen und zum Beispiel Lippen und Brüste modellieren. Aber auch ganz junge Menschen lassen sich inzwischen Fett absaugen oder die Nase richten.

"Ich kann mich nicht mehr ganz genau erinnern, wie ich süchtig nach Essen – nein, nach Fressen und anschließendem - von schlechten Gewissen und Schuld und Scham getriebenem - Erbrechen geworden bin. Aber - wie bei Millionen anderen - war mit Sicherheit eine unsinnige Diät meine Einstiegsdroge. Ich war ungefähr 15, ziemlich unsicher, empfindlich und irgendwie wütend: Man nennt diesen Zustand wohl Pubertät. Mein Körper und mein Gewicht wurden zu diesem Zeitpunkt die Nummer eins in meinem Leben. Ich begann ständig, auf der Waage rumzuturnen, sämtliche Kalorientabellen auswendigzulernen. Die Models in der BRAVO wurden meine großen Vorbilder. Ihre Körper waren in meinen Augen perfekt. Und Perfektion strebte ich an. Denn ich ging davon aus, dass das perfekte Leben mit dem perfekten Body einhergeht."

So schildert Simone Hampel auf ihrer Homepage unter www.lebenshungrig.de die Anfänge ihrer Bulimie-Erkrankung. Essstörungen sind sozusagen die psychosomatische Variante der Körpermanipulationen. Es sind vor allem junge Mädchen, aber zunehmen auch junge Männer, die ein gestörtes Verhältnis zum Essen entwickeln. Dazu zählen die Ess-Brech-Sucht, die Mager- und die Fettsucht.

"Eine Essstörung macht sich häufig schon sehr früh bemerkbar. Wobei hier in die Beratungsstelle eher natürlich Frauen kommen, die sich selbst als Frauen definieren. Das heißt, das Alter ist so Anfang 20 häufig, wo es beginnt, dass die hierher kommen. Allerdings, in der freien Praxis oder in anderen Beratungsstellen, in der Mädchenberatungsstelle, da kommen die natürlich auch schon mit zwölf, 13, 14 Jahren."

Stephanie Lange ist Mitarbeiterin der Frauenberatungsstelle Frauenleben in Köln. Sie ist Psychotherapeutin und leitet seit einigen Jahren eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Essstörungen.

Wie bei Simone Hampel steckt hinter psychosomatischen Erkrankungen häufig der pubertäre Wunsch nach einem perfekten Körper als Schlüssel zum Glück. So hat zum Beispiel das Magermodell Twiggy in den 60er-Jahren einen regelrechten Schlankheitswahn ausgelöst. Stars und andere Vorbilder spielen oft eine große Rolle, wenn das Essen und der eigene Körper zum Problem werden, erklärt die Therapeutin.

"Gerade im Jugendalter mit den Peergroups. Da ist ja viel auch das Thema: sich orientieren und sich selbst finden. Und da geht es ja viel darum, sich auch an Vorbildern oder an Stars auch zu orientieren. Und da sowohl mit der Mode mitzuhalten als auch eben mit dem Körper. So, und dann hängt das natürlich auch noch von dem persönlichen Hintergrund oder einer persönlichen Disposition ab, ob das dann von dort aus in eine Essstörung geht. Also häufig auch: Wie wird mit Essen umgegangen in der Familie? Wie gehen Mütter und Tanten und Omas damit um? Oder auch die Väter. So, was gibt es für Bemerkungen über Körper? Wie stark ist der Aspekt Sport verinnerlicht in der Familie? Und ist es in dem Maß, wo es in dem Sinne noch gesund ist oder ist es mehr in der extremen Richtung?"

Essen wird zum zentralen Thema und legt sich quasi über alle Gefühle, wie Trauer, Einsamkeit und Wut. Der Körper soll gehorchen und er soll perfekt werden - was auch immer das heißen mag.
"Der Körper ist in der Regel bei Essgestörten der Feind. Ganz egal, wie sie vom Körper her aussehen. Und wenn man von außen sagen würde: Ach, die hat doch eine Superfigur oder eine ganz normale oder schöne Figur. Das spielt überhaupt gar keine Rolle. Die essgestörten Frauen oder Menschen fühlen sich immer extrem unwohl in ihrem Körper und haben ganz viel daran auszusetzen an bestimmten Körperteilen und dem ganz viel auch die Schuld geben für eine Unzufriedenheit im Leben."

"Wir brauchen den Körper sicherlich auch zum Arbeiten. Aber nicht mehr so, wie im 15. Jahrhundert. Der Körper hat heute einen ganz anderen Stellenwert. Das ist ja ein Trend, den wir heute in allen hochzivilisierten Ländern finden. Dass die Leute sich viel mehr beschäftigen mit ihrem Äußeren, viel mehr in den Spiegel gucken, viel mehr auf die Waage steigen und viel mehr versuchen, einfach gut auszusehen."

Die Grenzen zwischen Körperkult und Körperwahn sind offenbar fließend. In jedem Fall nimmt der Drang zur ewigen Jugend und zum perfekten Body zu. So müssen sich zum Beispiel Kinderärzte in den USA zunehmend mit dem Optimierungszwang von Eltern auseinandersetzen.

Die geben nämlich schon mal gerne 20.000 Dollar für eine Hormonkur aus, weil sie befürchten, ihre Kinder könnten zu klein geraten. Professor Gerd Lehmkuhl hält vor allem diesen Trend zur Optimierung für äußerst bedenklich.

"Dazu gehört eben auch ein gewisser Körperkult. Das andere ist, dass glaube ich auch, unser Anspruch in der gesamten Gesellschaft darauf angelegt ist, immer besser zu funktionieren, immer attraktiver zu werden, immer kompetenter zu sein. Deswegen auch die Zunahmen von Medikamenten, die man nicht aus Krankheitsgründen nimmt, sondern auch um besser zu funktionieren. Wir nennen das Neuro-Enhancement. Also eine Verstärkung, Optimierung von Leistungen. Und diese Richtung ist, denke ich, viel gefährlicher, sich immer zu optimieren und mit noch mehr Attraktivität, noch mehr Leistung aufwarten zu können. Ich glaube, da sollten wir sehr hellhörig werden."