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StartseiteSport am WochenendeOlympia: Was Tokio zur Zulassung von Fans bewegte26.06.2021

Spiele in JapanOlympia: Was Tokio zur Zulassung von Fans bewegte

Wenn in einem knappen Monat die Olympischen Spiele beginnen, müssen die Tribünen in der Gastgeberstadt Tokio nun doch nicht leer bleiben. Mit ihrem Entschluss von Anfang der Woche richten sich die Olympiaorganisatoren damit gegen den Rat von Gesundheitsexperten. Aber warum tut man das in einer Pandemie?

Von Felix Lill

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May 4, 2021, Tokyo, Japan: A couple wearing facemasks as a preventive measure against COVID19 is seen next to the Olympic symbols of the five interlaced rings near the National Stadium in Tokyo. Tokyo Japan - ZUMAs197 20210504_zaa_s197_100 Copyright: xJamesxMatsumotox  (IMAGO / ZUMA Wire)
Die Olympischen Ringe in Tokio. (IMAGO / ZUMA Wire)

"Die Covid-19-Präventionsrichtlinien gelten für alle Ticketinhaber. Wir haben sie, damit sich alle in den Spielstätten wohlfühlen können. Und wer sich daran nicht halten kann, wird die Anlagen verlassen müssen." Die Worte von Hidenori Suzuki klingen rigoros. Der Verantwortliche für das Ticketing bei den Spielen von Tokio erklärte am Mittwoch, wie es nun aussehen wird in den Stadien: Bis zu 10.000 Zuschauer – oder eine Auslastung von maximal 50 Prozent pro Spielstätte – sind bei Olympia diesen Sommer erlaubt. Aber eben unter strengen Bedingungen.

Maske auf - und bitte klatschen statt rufen

"Wenn Sie das Stadion betreten, tragen Sie eine Maske, sprechen Sie nicht miteinander, und kommen Sie bitte zeitig, damit Menschenansammlungen vermieden werden", sagt Suzuki. "Im Stadion behalten Sie die Maske bitte auf. Bedecken Sie Ihren Mund, waschen Sie sich die Hände, sprechen Sie nicht laut, schreien Sie nicht, pfeifen Sie nicht. Wenn Sie die Sportler anfeuern wollen, klatschen Sie bitte. Wenn Sie zu einem Kiosk oder einer Toilette auf der Anlage gehen, meiden Sie bitte Menschenschlangen. Nach der Veranstaltung verlassen Sie die Anlage bitte gestaffelt. Und bitte gehen Sie auf direktem Wege nachhause oder zurück in Ihr Hotel."

Dass die Spiele von Tokio von einer seltsamen Stadionatmosphäre geprägt sein werden, steht damit fest. Nachdem Zuschauer aus dem Ausland schon vor Monaten ausgeschlossen wurden, war bis zum Beginn dieser Woche unklar, ob die Ränge komplett leerbleiben müssen. Diverse Gesundheitsexperten hatten dazu geraten. Shigeru Omi, Vorsitzender der Anti-Corona-Taskforce der japanischen Regierung, hatte den Plan von Olympischen Spielen inmitten einer Pandemie als "unnormal" bezeichnet. Aber wenn sie schon stattfinden müssten, so Omi, dann ohne Zuschauer.

Trotz Warnungen: Fans werden zugelassen

Seine Worte haben bei den Organisatoren kein Gehör gefunden. Und das überrascht. Denn seit Beginn der Pandemie haben die Veranstalter immer betont, die Sicherheit habe oberste Priorität. Wie passt das zusammen?

Es geht um Geld, rechnet Katsuhiro Miyamoto vor. Der Ökonomieprofessor von der Kansai Universität in Osaka resümiert:

"Ich habe für die verschiedenen Szenarien berechnet, wie hoch die volkswirtschaftlichen Verluste für die Olympischen Spiele ausfallen im Vergleich zu ihrer ursprünglich geplanten Form: also mit Touristen, Besuchern aus dem Ausland und vollen Stadien. Eine Austragung komplett ohne Zuschauer würde zu Einnahmeausfällen von 2,4 Billionen Yen führen. Aber wenn immerhin Zuschauer aus dem Inland in die Stadien dürfen, dann entgehen nur Umsätze von 1,6 Billionen Yen."

Die Verluste würden also laut dieser Rechnung um rund 800 Milliarden Yen – umgerechnet sechs Milliarden Euro – verringert, wenn Zuschauer vor Ort dabei sein können. Das relativiert sich zwar, wenn die Stadien nur bis zu 50 Prozent gefüllt werden – aber es geht noch immer um viel Geld. Und die Interessen derer, die hieran verdienen, sind bei den Entscheidern gut vertreten.

Kompromiss: Zumindest blüht der Inlandstourismus

Das beobachtet Kenichi Mishima. Der Philosoph und Regierungskritiker, der im Frühjahr selbst schon öffentlich die Olympiaabsage gefordert hat, denkt dabei vor allem an den Generalsekretär der konservativen Regierungspartei – Toshihiro Nikai: "82 Jahre alt, sehr alter Fuchs. Einer, der eigentlich hinter der Bühne alle Fäden zieht. Und der hat zweimal gesagt: Wenn es sehr kritisch wird, müssen wir uns überlegen, auf alles zu verzichten. Das ganze Projekt aufzugeben. Das ist schon eine Sensation für das japanische olympische Komitee. Aber da ist natürlich ein persönlicher Hintergedanke bei ihm. Er ist der Präsident der japanischen Tourismusindustrie. Aber nachdem Ende März schon beschlossen wurde, dass keine ausländischen Touristen kommen können, kein Hotel für die Ausländer, bedeutet dieser olympische Sommer nichts für seinen Verband. Für die Tourismusindustrie."

Der Kompromiss ist offenbar nun der: Durch die Zuschauer in den Olympischen Spielstätten, die aus ganz Japan anreisen, blüht diesen Sommer zumindest der Inlandstourismus wieder ein wenig auf. Da trumpfen die politischen Verbindungen offenbar die gesundheitspolitische Expertise. Jedenfalls, solange die gefüllten Stadien nicht zu einer erneuten Explosion der Infektionszahlen führen.

Mehrheit der Öffentlichkeit fürchtet Ansteckungsrisiko

Hiervor fürchtet sich laut Umfragen eine große Mehrheit der japanischen Öffentlichkeit. Das wiederum wissen auch die Organisatoren. Und sie scheinen die Verantwortung für einen sicheren Ablauf in den Stadien gleich auf die Besucher abzuwälzen. Am Mittwoch erklärte der Tokioter Ticketingchef Hidenori Suzuki noch: "Wir haben schon die Public-Viewing-Events abgesagt. Und wir haben Betriebe gebeten, dass sie ihre Angestellten weiter ins Homeoffice schicken, damit es nicht so viel Personenverkehr gibt. Wir haben nun auch den Verkauf alkoholischer Getränke in den Stadien verboten. Natürlich erhält 'Tokyo 2020' gerade viel Aufmerksamkeit. Und Sie, die Besitzer von Tickets, würde ich bitten zu verstehen: Sie sind Teil dieser Spiele. Bitte seien Sie sich darüber im Klaren. Bitte sorgen Sie dafür, dass die Anwohner keine Sorgen habe müssen."

Es klingt wie der Beginn einer Verteidigungsstrategie, die so geht: sollte es in Stadien zu Infektionen kommen, dann war das Publikum selbst schuld.

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