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StartseiteTag für TagGlauben zieht die Schuhe aus26.02.2019

SpiritualitätGlauben zieht die Schuhe aus

In der Hamburger Kirche der Stille gibt es keine Bänke, sondern Meditationskissen, keine Orgelmusik, sondern Gongs und Slow-Motion-Musik. Seit zehn Jahren verbindet Pastorin Irmgard Nauck die Mystik verschiedener Religionen.

Von Mechthild Klein

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Menschen sitzen in der "Kirche der Stille" im Kreis und meditieren (Deutschlandradio / Mechthild Klein)
In der umgebauten "Kirche der Stille" in Hamburg kommen Menschen mit verschiedenen religiösen Einstellungen zusammen und meditieren (Deutschlandradio / Mechthild Klein)
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"Vermutlich sind wir die einzige evangelisch-lutherische Kirche, wo man die Schuhe auszieht, wenn man rein kommt."

Pastorin Irmgard Nauck hatte die Kirche der Stille vor zehn Jahren auf den Weg gebracht. Sie erinnert an die biblische Geschichte über den brennenden Dornbusch. Als Moses in der Wüste Gott begegnet, wird er aufgefordert, die Schuhe auszuziehen, weil der Boden heilig sei auf dem er stehe. Dieses Motiv der Offenbarung Gottes ist auch Vorbild für Irmgard Nauck... 

"..und um mich vorzubereiten für diese Begegnung, ziehe ich die Schuhe aus, ich geh in den Garderobenraum, ich ziehe meine Jacke aus, tue mein Handy in das Schließfach, mein Laptop, alles das, was mich bindet ...und gehe so wie ich bin in den Kirchraum und hocke mich nieder. Das ist für mich ein Weg, der schon eine Gebetshaltung hat. Ich lasse los, alles was mich am Alltag beschäftigt, …. um mich bereit zu machen für die Gottesbegegnung. Herrlich! Und auf Socken gehen wir leiser als auf Schuhen."

Um das kleine neugotische Gotteshaus zur einer Meditationskirche zu wandeln, gab es tiefe Einschnitte in die Tradition. Die Pastorin wandelte die neugotische Kirche im Inneren komplett um. Kirchenbänke, Kanzel, Taufbecken, Altar -  alles wurde herausgenommen. Ein leerer, weiter Raum entstand. 160 Quadratmeter. Die Backstein-Kirche ist weiß angemalt, die hohen neugotischen Fenster mit weißen Tüchern verhängt. Auf dem neuen Holzfußboden liegen jetzt in der Mitte kreisförmig angeordnet gelbe Mediationskissen auf blauen Matten. Nur ein schlichtes Kreuz aus zusammengebundenen Holzstücken und eine kleine Marienikone sind geblieben.

Die evangelische Pastorin Irmgard Nauck lehrt in ihrer "Kirche der Stille" auch das Herzensgebet - eine aus der Ostkirche stammende mantrische Meditation (privat)Die evangelische Pastorin Irmgard Nauck lehrt in ihrer "Kirche der Stille" auch das Herzensgebet - eine aus der Ostkirche stammende mantrische Meditation (privat)

Ganz still ist es nach dem Gong nicht. Einige Meditationen brauchen Musik. Jeden Tag in der Woche, morgens oder abends findet eine andere Meditation statt. Dafür bezahlen die Gäste zwischen 8 und 12 Euro. An diesem Freitag morgen kommen rund 30 Besucher zur Körper- und Tanzmeditation Soul Motion.

Tanja Hotes leitet an zur Slow Motion – Tanzmeditation

"Guten Morgen. Ein herzliches Willkommen... Ich freue mich sehr, dass der Kreis so groß ist."

Start in den Tag mit Tanzmeditation

Tanja Hotes begrüßt die Besucher. Alle haben sich bequeme Hosen und Pullover angezogen, sie wollen gemeinsam den Tag mit der Tanzmeditation beginnen.

Tanja Hotes: "Für die, die das erste Mal dabei sind. Wir haben hier einen ritualisierten Ablauf. Wir beginnen hier, nachdem ich ein paar Worte gesprochen habe, die Meditation. Und nach ein paar Minuten in Stille, schlage ich den Gong und dann wird die Musik erklingen."

Nach und nach wird der Rhythmus schneller, die Teilnehmer stehen auf, schwingen die Arme und fangen langsam an sich zu tanzen. Die meisten barfuß. Manche Stücke erinnern an Trance, anderes an Soul oder Folklore. Jeder bewegt sich wie er mag, manche haben die Augen geschlossen. Am Ende der Stunde wird der Rhythmus ruhiger, die Musik ebbt ab. Nach einer kurzen Meditation löst sich die Runde wieder auf. Diese Bewegungsmeditation Soul Motion ist einer von sieben Wegen in die Stille, die in der Kirche gelehrt werden. Neben dem christlichen Herzensgebet, einer mantrischen Meditation, wird hier auch Kontemplation geübt, Zen und Sufi-Meditation.

Pastorin Nauck: "Wir sind offen für andere Religionen und die stehen gleichberechtigt neben den christlichen Meditationsangeboten. Da gibt es keine Wertung."

Neuaufbruch nach 25 Jahren

Immer wieder probiert die Pastorin auch neue Praktiken aus. Zum Beispiel das Handauflegen, das eine christliche Kontemplationslehrerin aus der Schule von Willigis Jäger anbietet.

Nauck: "Wir hören ja immer wieder Jesus legte den Menschen die Hände auf. Die versucht dieses kontemplative, nichts erreichen Wollende, diese Haltung ins Handauflegen zu übertragen. Ohne etwas zu wollen... ohne Heilung erreichen zu wollen. Und die göttliche, die heilende Kraft durch einen selbst hindurch fließen zu lassen."

Zur Kirche der Stille kommen ganz unterschiedliche Menschen. Kirchenmitglieder, aber auch Atheisten oder Leute, die mit der Kirche gebrochen haben. Manche waren zuvor im Buddhismus unterwegs.

Irmgard Nauck: "Man kann sie mit der Sprache von heute 'spirituell Suchende' nennen, aber eben nicht die alten Formen, sondern sie suchen nicht den traditionellen Gottesdienst, sondern in einer Weise, wo sie etwas erfahren können, in sich erfahren können, an Gottesnähe, an Aufgehoben sein, an Getragen werden."

Pastorin Irmgard Nauck selbst hat alle sieben Meditationswege ausprobiert. Sie ist davon überzeugt, dass die Gottesdienste in den Kirchen zu wortlastig seien, zu überfrachtet. Spirituelle Erfahrungen hingegen seien immer auch Körpererfahrungen – davon gebe es zu wenig.

Nauck: "Ich glaube, dass das in der Kirche – egal ob evangelisch oder katholisch - noch gar nicht angekommen ist, dass die Zeit da ist, dass wir ganz mündige Menschen haben, die einen eigenen spirituellen Weg mit einer Erfahrung gehen wollen. Also mit einer alltäglichen, mit einer alltagstauglichen Praxis von Gebet. Dass das der Weg ist, den viele Menschen suchen. Ich glaube, dass das in der evangelischen Kirche so noch nicht angekommen ist. Dass es da doch viele Pastoren gibt, für die der Sonntag und damit die Predigt auch im Zentrum ihres beruflichen Lebens steht. Ich möchte das überhaupt nicht abwerten, das ist gar nicht mein Wollen. Aber diese andere Form setze ich da ganz überzeugt und selbstbewusst daneben. Und sage, das ist ein Weg für Menschen, die wirklich auch eine neue Gebetspraxis und spirituelle Alltagspraxis suchen."

Für die Pastorin waren die Meditationen ein Neuaufbruch nach 25 Jahren als Gemeindepastorin. Sie lernte:  

", dass ich im stillen Sitzen nichts tun muss, nichts erreichen will. Das ist auch ein Weg dahin. Wirklich dieses Loslassen etwas zu Wollen, eine Absicht zu haben. Wirklich nichts tun wollen und mich für Gott öffnen."

Gottesdienste mit wenigen Worten

Für die Pastorin war die Kirche der Stille auch ein persönlicher Umbruch. Sie hat den schwarzen protestantischen Talar gegen eine weiße Albe eingetauscht, für die wenigen Gottesdienste, die dort stattfinden. Diese Gottesdienste kommen mit wenigen Worten aus, ohne Predigt, aber mit kurzen geistlichen Anregungen. Mit anderen Liedern als denen aus dem Gesangbuch. Und mit einer angeleiteten Meditation in Stille. 

"Was sich noch verändert hat, das hört sich vielleicht überraschend an. ..ich sage immer meine Hauptarbeitszeit ist das Dasein und Vieraugengespräch führen, wir nennen das geistliche Begleitung. Mit Menschen zusammen zu sitzen in Einzelgesprächen, die Begleitung brauchen über ihren spirituellen Weg. Frage nach dem Gottesbild und nach vielen anderen Dingen. Nach Schuld, nach Vergebung, nach Versöhnung. ...und das ist etwas, was für mich in dieser Präsenz auch neu ist: Soviel gefragt zu werden als Seelsorgerin."

Trotz aller Akzeptanz und vielen Förderern zog die Kirche der Stille nicht mehr Kircheneintritte nach sich. Es gibt auch kaum Nachahmer bundesweit. Nur in Hannover wurde eine kleine Kirche der Stille eingerichtet. Irmgard Nauck glaubt, dass Meditation EIN Weg von mehreren in die Zukunft der Kirche sei.

Nauck: "Was ich ganz klar sage, ist dass wir ein Defizit haben - das darf ich sagen, das muss ich sagen. Sonst ändert sich nichts und dass wir zu wortlastig sind, da stehe ich voll hinter. (…) Also es geht den Menschen um Erfahrung, nicht um Belehrung."

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