Mittwoch, 01. Februar 2023

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Spitzenforschung zu Lasten der Lehre

Bachelorstudenten profitieren von der Exzellenzinitiative kaum. Denn die Professoren haben weniger Zeit für die Lehre. Das meint Friedrich Siemers, Studierendenvertreter an der Münchner Universität.

Friedrich Siemers im Gespräch mit Manfred Götzke | 08.11.2011

    Manfred Götzke: Exzellenz – schön und gut für Spitzenforscher, aber bringt das den ganz normalen Bachelorstudenten irgendetwas? Darüber möchte ich jetzt mit Friedrich Siemers von der Studierendenvertretung der LMU sprechen. Hallo, Herr Siemers!

    Friedrich Siemers: Hallo!

    Götzke: Herr Siemers, ist das für Sie etwas Besonderes, dass Sie an einer Exzellenzuni studieren?

    Siemers: Nein. Es bringt als Student gar nichts. Im Gegenteil, für Professoren gibt es Forschungsfreisemester, genau die Professoren, die an Exzellenzinitiativen oder Graduiertenschulen tätig sind, die haben ein geringeres Lehrdeputat und es geht meistens auf Kosten der Studenten.

    Götzke: Das heißt, Exzellenz – Forschung auf Kosten der Lehre tatsächlich?

    Siemers: Ja, das ist das Problem, man entkoppelt da Forschung und Lehre, das ist das, was wir seit Jahren fordern, ist, dass es dort eine größere Einheit geben muss, und das ist genau die andere Richtung, die Exzellenzinitiative.

    Götzke: Also wünschen Sie sich eigentlich, dass die Uni den Status verliert?

    Siemers: Diesen Status wird es sowieso nicht mehr lange geben, das hat mir unser Wissenschaftsminister vor Kurzem gesagt, das ist wahrscheinlich die letzte Exzellenzinitiative, die es überhaupt gibt.

    Götzke: Weniger wegen der Exzellenzinitiative als wegen des doppelten Abi-Jahrgangs in Bayern ist die LMU dieses Jahr so voll wie noch nie. Hören wir mal kurz rein, wie problematisch das für die Studierenden ist.

    Studentin: Wir sind ja eigentlich 1070 Erstsemester, weil wir sind ja in Gruppen eingeteilt, also von G bis L und so weiter, und zum Beispiel BWLer sind es nicht, das heißt, die sind immer eine Riesenmasse, aber beim Jura geht es eigentlich noch ganz gut.

    Studentin: Bei der ersten Vorlesung bin ich einfach nach fünf Minuten wieder gegangen, weil ich mich nicht an den Rand stellen wollte.

    Studentin: … in der ersten Stunde total voll, und in der zweiten vielleicht auch noch, und dann mit der Zeit geht's.

    Studentin: Man muss eine Viertelstunde vor der Toilette warten in der Pause, bis man drankommt. Also es ist richtig voll. Und die letzten Semester war es nicht annähernd so voll.

    Studentin: Also bei Rechtsphilosophie wurde einfach die Hälfte nach Hause geschickt, weil es hieß, dass die Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden kann.

    Götzke: Wenn man das so hört, muss man sagen, die Uni ist wohl nicht dafür ausgelegt.

    Siemers: Richtig, die Uni ist komplett, ja, eben nicht dafür ausgelegt. Ausgelegt ist die LMU für circa 24.000 bis 25.000 Studenten. Wir haben jetzt knapp 49.000, und da geht es halt einfach schief.

    Götzke: Wie spüren Sie persönlich das?

    Siemers: Ja, das spüre ich daran, dass, wenn ich in Vorlesungen, die ich einfach mal so besuchen möchte, weil ich mich halt umschauen möchte, dass ich auch nicht mehr rein komme, beziehungsweise wenn ich mal drin bin, nicht besonders schnell wieder raus komme, und es passiert immer wieder, dass Vorlesungen entsprechend laut den neuen Sicherheitsvorkehrungen einfach geräumt werden müssen.

    Götzke: Wer hat daran Schuld, ist es die Uni selbst, oder ist einfach zu wenig Geld gekommen aus Ihrer Sicht?

    Siemers: Beides. Sowohl die Universität hatte sich langfristig darauf vorbereiten müssen, das war ja vorherzusehen schon seit Jahren, und gleichzeitig auch der Freistaat. Es wurden 10.000 neue Studienplätze versprochen, und dieses Versprechen wurde überhaupt nicht eingehalten.

    Götzke: Suboptimal vorbereitet ist die LMU auf die Studierendenflut in diesem Wintersemester, sagt jedenfalls Friedrich Siemers von der Studierendenvertretung der LMU.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.