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StartseiteForschung aktuellSpontane Empathie22.03.2010

Spontane Empathie

Kognitionswissenschaftler erforschen die Fundamente des Einfühlungsvermögens

Neurologie. - Menschen scheinen ein besonderes Einfühlungsvermögen zu besitzen, Wissenschaftler haben dafür einen Fachbegriff erfunden: "Theory of mind". Meist wird darunter eine hoch komplexe geistige Leistung verstanden. Nun jedoch haben Kölner Forscher Experimente durchgeführt, die nahelegen, dass diese schon bei ziemlich einfachen Handlungen eine Rolle spielt.

Von Martin Hubert

Die Verständigung zwischen Menschen funktioniert häufig auf weniger brachiale Weise. (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)
Die Verständigung zwischen Menschen funktioniert häufig auf weniger brachiale Weise. (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)

Der Geist anderer Menschen ist so dunkel wie vielfältig. Wer ihn verstehen will, muss fremde Gedanken, Wünsche und Gefühle genauso entziffern wie versteckte Absichten oder unterschwellige Meinungen. Kein Wunder also, dass für diese anspruchsvolle Fähigkeit im menschlichen Gehirn ein ganzes Netzwerk verschiedener Areale zuständig ist. Die Wissenschaftler nennen es "TOM"-oder "Theory-of-Mind-" Netzwerk. Momentan versuchen sie seine Funktionsweise im Detail zu verstehen: welche seiner Komponenten sind eher für Wünsche, welche für die Meinungen oder die Stimmungen anderer zuständig? Vorausgesetzt wird dabei meist, dass die Theory-of-mind-Fähigkeit eine höhere geistige Leistung ist, etwas sehr komplexes. Ricarda Schubotz vom Max-Planck-Institut für Neurologische Forschung in Köln jedoch sucht nach einfachen Grundlagen der Theory of Mind.

"Eine Frage, die mich beschäftigt, ist: unter welchen Bedingungen kommt es eigentlich zu einer Theory-of-Mind-Aktivität, einer Aktivität in diesem Netzwerk, wenn ich ganz normale Alltagshandlungen betrachte? Das ist eigentlich eine ungelöste Frage."

Also zeigte ein Team um Ricarda Schubotz 18 Versuchspersonen in kurzen Sekunden-Filme ganz einfache Handlungen und beobachtete, was dabei in deren Gehirn geschah. Die Probanden sahen zwei Hände, die eine Orange schälen. Und zwar zunächst so, als seien es ihre eigenen Hände. Dazu muss im Gehirn das motorische System aktiviert werden, das für Bewegungen und Handlungen zuständig ist. Mehr ist nicht nötig. Dann veränderte Ricarda Schubotz' Team schrittweise die Situation. Ein zweiter Film zeigte die Hände beim Blick auf eine andere Person, aus der so genannten allozentrischen Perspektive.

"Und eine dritte Bedingung war auch wieder jemand, der mir gegenüber sitzt, etwas tut, dabei war aber nicht nur die Kamera eingestellt auf die Hände und das Objekt, das manipuliert wird, sondern die Kamera nahm auch das Gesicht gleichzeitig mit in den Blick."

Unter diesen veränderten Bedingungen hatten die Versuchspersonen wieder nur die Handlung der Filme nachzuvollziehen. Also sollte eigentlich auch bei ihnen nur das motorische System im Gehirn aktiv werden. Die Ergebnisse sahen jedoch anders aus:

"Wir haben mehr TOM-Aktivität für die allozentrische Perspektive als für die egozentrische, also wenn ich jemanden von gegenüber sehe, dann triggert das sofort eine Aktivität, die über das einfache motorische Nachvollziehen hinausgeht. Zum anderen, wenn das Gesicht dazu kommt, wird dieser Effekt noch mal stärker und zwar um ein Vielfaches. Und das zeigt, dass eben spontan beide Systeme eine Rolle spielen, und dass wir nicht sagen können: Handlungsbeobachtung, das ist das motorische System, und soziale oder empathische Aufgaben, das ist das TOM, sondern wir haben eine Durchmischung beider Systeme in der Handlungsbeobachtung und das scheint uns auch sehr plausibel zu sein."

Ricarda Schubotz erklärt das so: Zwar sind direkt keine höheren Verstehensleistungen nötig, wenn jemand beobachtet, wie ein anderer eine Orange schält. Aber langfristig könnte es doch von Vorteil sein, durch das Beobachten einer einfachen Handlung mehr über die andere Person insgesamt zu erfahren.Wenn also die räumliche Perspektive des Anderen eingenommen und das Gesicht einer neuen Person sichtbar wird, schaltet sich spontan das Theory-of-mind-System ein. Es speichert Informationen über den Akteur, die für den Beobachter in Zukunft nützlich sein können.Wie geschickt schält er Orangen und was ließe sich daraus noch über ihn folgern? In Zukunft sollte daher noch intensiver über die Wechselwirkung geforscht werden, die zwischen einfacher Handlungsbeobachtung und der Fähigkeit, sich in den Geist anderer zu versetzen, besteht.

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