Sport im KaiserreichZufallsfund schreibt Fußballgeschichte neu

Der Historiker Lothar Wieser wollte über einen Revolutionär von 1848 forschen. Stattdessen fand er den ältesten Bericht über ein Fußballspiel in Deutschland aus dem März 1873. Ein Zufallsfund, der Lücken in der deutschen Fußballgeschichtsschreibung offenbart.

Von Erik Eggers | 14.02.2021

Der „Kleine Exerzierplatz“ in Braunschweig: Weil es Ende des 19. Jahrhunderts noch keine Sportanlagen in Braunschweig gab, teilte man sich zum Fußballspielen den Exerzierplatz am heutigen Rebenring mit den Rekruten. Im Hintergrund ist das Hauptgebäude der TU und das Wohnhaus von Konrad Koch in der Schleinitzstraße 18 zu erkennen. Heute befinden sich auf der Fläche das Naturhistorische Museum und das Haus der Wissenschaft.
Der „Kleine Exerzierplatz“ in Braunschweig: Hier brachte Konrad Koch den Ball ins Spiel (Archiv Kurt Hoffmeister)
Eigentlich hatte der Mannheimer Historiker Lothar Wieser in der Universitätsbibliothek von Heidelberg über Friedrich Hecker forschen wollen. Jener Rechtsanwalt, der in der Revolution von 1848 eine zentrale Rolle einnahm, war 1873 nach langen Jahren im amerikanischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt. In Mannheim fanden deshalb Feierlichkeiten zu Ehren Heckers statt, die in der Badischen Landeszeitung beschrieben wurden. Diese Artikel wollte der Historiker Lothar Wieser im Archiv einsehen. Als er in der Bibliothek den dicken Folianten aufschlug, traute er seinen Augen nicht:
"Mein erster Blick ist gefallen auf das Thema: erstes Fußballspiel in Heidelberg. Das ist ein reiner Zufall! Dann habe ich gedacht: 1873? Das kann doch gar nicht sein! Fußball ist doch mit dem ersten Import des Fußballs von Konrad Koch in Braunschweig entstanden! Da habe ich angefangen zu recherchieren."

Bisher galt 1874 als Geburtsstunde des Fußballs in Deutschland

Der pensionierte Lehrer kennt sich aus in der Sportgeschichte des Kaiserreichs, er hatte eine Dissertation über das Deutsche Turnen in Brasilien geschrieben. Natürlich wusste er vom Braunschweiger Lehrer Konrad Koch, der angeblich 1874 den Fußball aus England nach Deutschland gebracht hatte, indem er seine Schüler an einem Gymnasium das Spiel lehrte. Dieser Pioniertat widmete sich 2011 der Spielfilm "Der ganz große Traum" mit Daniel Brühl in der Hauptrolle. Der Ruhm Kochs ist inzwischen verblasst. Heute ist bekannt, dass Engländer schon 1874 in Dresden einen Fußballclub gegründet haben. Auch in Lüneburg fanden 1875 Fußballmatches statt, berichtete die englische Zeitschrift "The Field".
Der Lehrer Konrad Koch (1846-1911) erreichte 1872 die Einführung von Schulspielen an seiner Schule, dem Braunschweiger Martino-Katharineum. Der 1874 eingeführte Fußball war von ihm zunächst als ergänzendes Spiel für den Winter gedacht. In modernen Spielen sah Konrad Koch nicht nur eine hervorragende Möglichkeit zur Motivation seiner Schüler, vielmehr glaubte er an ihren pädagogischen Wert für die Vermittlung körperlicher Konstitution und sozialer Kompetenzen.
Bisher galt Konrad Koch als derjenige, der 1874 den Fußball nach Deutschland brachte. (Archiv Kurt Hoffmeister)
Durch den Zufallsfund Wiesers, den er in einem Aufsatz für die Zeitschrift "SportZeiten" beschreibt, rückt nun mit Heidelberg ein weiteres Zentrum des frühen Fußballs in den Blick. In der Heidelberger Zeitung vom 14. März 1873 stieß er auf einen Bericht über die Begegnung zwischen dem Heidelberger Fußball-Club gegen den Canstatter Fußballclub am Tag zuvor. Das ist der älteste bisher bekannte Bericht über ein Fußballspiel auf deutschem Boden. Darin geht es auch um zwei weitere Heidelberger Wettspiele gegen Frankfurt und Stuttgart.

Mindestens vier Fußballvereine vor 1874

Es gab also offensichtlich mindestens vier Fußballvereine im Süden des Kaiserreichs, bevor Koch den Ball nach Braunschweig brachte. Damit muss nach Auffassung Wiesers die Chronik des deutschen Fußballs neu geschrieben werden. Und nicht nur das: Auch der scharfe Konflikt zwischen dem etablierten deutschen Turnen, das im Kaiserreich zum Schulkanon gehörte, und dem neuartigen englischen Sport Fußball ist seiner Meinung nach nicht zu halten.
"Ja, was da besonders aufgefallen ist: dass jemand, der das angekündigt hat, das besonders den Studenten und Schülern empfohlen hat. Und das kann in dieser Zeit eigentlich nur den Turnern empfohlen worden sein, weil das die einzige Art von Leibesübung war, die in den Schulen betrieben worden ist. Das heißt also: Es ist den Schülern und Studenten praktisch als Vorbild oder als Möglichkeit des Nacheiferns angeboten worden. Für mich war das schon mal besonders interessant, weil ja eigentlich vielfach von der These ausgegangen wird, das Turnen und Sport oder besonders Turnen und Fußball sich gegenseitig irgendwie abgestoßen hätten, und das habe ich in dieser Schärfe nicht gefunden."

Turnen und Fußball - unvereinbare Gegensätze?

Die deutsche Sportgeschichte betonte in der Tat bisher, dass die Turnlehrer den Fußball als Konkurrenten radikal ablehnten. Berühmt ist die polemische Schrift "Fusslümmelei" des Stuttgarter Turnlehrers Karl Planck aus dem Jahr 1898, welche den Fußball als unästhetischen "englischen Aftersport" und als undeutsch geißelte. Wieser hält das nicht für repräsentativ. Darauf wiesen auch die ersten Braunschweiger Fußballregeln aus dem Jahr 1875 hin, glaubt er:
"Wenn man sich zum Beispiel die ersten Regeln anguckt, dann wird man vorne drauf ein Turnerkreuz finden, in einem Eichenkranz, das heißt, das erste Fußballspiel ist auch als Turnspiel eingeführt worden. Wenn man da genau hinguckt, dann ist da, glaube ich, einiges zu korrigieren. Es gab durchaus Vereine, die den Fußball integriert haben, wie zum Beispiel hier in Mannheim, die also mehrere Fußballmannschaften gehabt haben. Das heißt also, die haben den Fußball nicht von vornherein abgelehnt, sondern integriert, und andere Sportarten auch.

Noch keine Studie über frühere Wurzeln des Fußballs

Vor allem aber ist der Historiker überzeugt davon, dass man mit systematischer Recherche in zeitgenössischen Zeitungen weitere frühe Wurzeln des Fußballs in Deutschland entdecken würde. Eine solche Studie existiere bislang nicht, sagt Wieser:
"Wenn man in die Tiefe gehen würde, würde man wahrscheinlich überall da, wo Engländer gesiedelt haben, auch Hinweise auf Fußball finden. Wie der allerdings ausgesehen hat, ob das jetzt das heutige Soccer ist, oder ob das eher vielleicht Rugby war, das kann ich schlecht beurteilen, ich tippe also eher auf Rugby. Aber es kommt mir auf die Benennung an. Es ist Fußball gespielt worden, und sie haben es auch so genannt."
Die Geschichte über die Geburt der heute populärsten deutschen Sportart muss jedenfalls noch geschrieben werden.