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Sport im Museum
Göttlicher Fußball

Lyon ist nicht nur Spielort der Fußball-Europameisterschaft, es ist auch eine Stadt mit großer Sporthistorie. Nur zu passend, dass nun das Stadtmuseum eine Ausstellung mit dem Titel "Göttlicher Fußball" zeigt. Denn die Ritualisierung dieses Sports hat religiöse Züge.

12.06.2016

Ein Mann besucht die Ausstellung "Göttlicher Fußball" im Musée Gadagne in Lyon.
Ein Mann besucht die Ausstellung "Göttlicher Fußball" im Musée Gadagne in Lyon. (AFP - Jeff Pachoud)
Das Stadtmuseum von Lyon, das "Musée Gadagne", bewahrt kostbare Sammlungen zur Geschichte der Stadt, die in einem prachtvollen Renaissancebau gezeigt werden. Zu dieser Geschichte gehöre unbedingt auch der Fußball, meint Ausstellungskuratorin Anne Lasseur: 25 Stadien und 67 Vereine in einer Stadt von knapp 500.000 Einwohnern: Das sei doch wirklich beeindruckend.
"Ja, ich glaube, der Fußball gehört unbedingt zum Erbe Lyons. Die Lyoner hängen unglaublich an ihren Mannschaften. Das zeigt sich in den Stadien, aber auch wenn sie an Spieltagen singend und tanzend durch die Stadt laufen – Lyon ist eine absolute Fußballstadt."
Fußball hat religionsartige Züge angenommen
Die Ausstellung "Divinement foot", "Göttlicher Fußball" wurde von einem europäischen Museumsverbund konzipiert, als Vertreter Frankreichs ist das Musée Gadagne dabei. Der Titel ist wörtlich zu nehmen: die Ausstellung geht - im ersten Teil - der Frage nach, inwieweit der Fußball (und die Verehrung von Spielern und Mannschaften) inzwischen religionsartige Züge angenommen hat. Anne Lasseur:
"Der Fußball ist keine Religion, denn, wenn man sich für ein Spiel interessiert und seine Mannschaft unterstützt, dann glaubt man ja nicht an die Transzendenz der Spieler, es gibt kein Jenseits des Fußballs. Aber diese ganze Ritualisierung: mit dem festen Spielplan, die großen Stadien, die wie geweihte Orte verehrt werden, der immer gleiche und streng reglementierte Ablauf des Spiels - das alles hat schon religiöse Züge. Spieler, die als Heilige gelten; erbeutete Trikots werden wie Reliquien verehrt und später an die Kinder weitergegeben, die ganzen Trikots in den Fanshops! Und die Spieler machen es vor: tragen Boxershorts und Socken und manche sogar Präservative mit den Insignien des Vereins..."
Fußball und Religion: Gezeigt werden Fotos, Filme, Zeitungsseiten, ganze Reliquienschreine mit Trikots, Schuhen, Fahnen, ein Altar für "die Hand Gottes", den "begnadeten" Diego Maradona. Fotos von Spielern in der Kabine, nach Mekka ausgerichtet beten sie; ein Spielerkreis, um den Sieg zu beschwören; betende Fans beim Elfmeterschießen: Ritual, Glaube, Aberglaube – die Grenzen sind fließend. In einer Vitrine steht der Meisterschaftspokal von Olympique Lyon aus dem Jahr 2002 neben einem Kelch, wie er in der Katholischen Kirche bei der Feier der Eucharistie benutzt wird: beide sind sich verblüffend ähnlich. Auf Fotos sieht man Pokal und Kelch, um sie herum jeweils Menschen versammelt, jubelnd, verzückt, andachtsvoll, anbetend geradezu – Bilder von beeindruckender Anschaulichkeit.
Dauerrivalität zwischen Lyon und St. Etienne als Glaubensfrage
Im zweiten Teil der Ausstellung geht es um den Fußball in Lyon, genauer gesagt: um die Dauerrivalität zwischen Olympique Lyonnais und dem AS St. Etienne – beide Städte trennen nur 50km, ansonsten aber Welten. "OL" oder "ASSE" - das war schon immer eine Glaubensfrage, hier das großbürgerliche Lyon, die Seidenstadt mit vielen Klöstern, dort die arme Arbeiterstadt Saint-Etienne, geprägt von Bergbau und Stahlindustrie: So will es das Klischee, das noch nie gestimmt hat, aber schon immer mit Inbrunst gepflegt wurde. Denn auch Olympique Lyon war mit seinem Stadion, dem "Stade de Gerland", gebaut 1926, jahrzehntelang in einem Industriegebiet beheimatet. Dominierte AS St.
Etienne die 60er und 70er Jahre, prägte Olympique Lyon die jüngste Vergangenheit: Von 2002 an war die Herrenmannschaft des Clubs sieben Mal hintereinander französischer Meister, ein Rekord, den die Frauenmannschaft noch übertraf: sie gewann von 2007 bis 2016 alle Meistertitel der 1. Frauenfußballiga: zehnmal in Folge. Kein Wunder, dass Lyon eine Fußballstadt ist, auch die Historikerin und Kunstwissenschaftlerin Anne Lasseur, die in jungen Jahren nie ein Stadion betrat, hat sich sehr anstecken lassen:
Saison wie Fortsetzungsgeschichten der Feuilletons
"Das hat mich wirklich immer mehr begeistert am Fußball: Das ist wie eine Geschichte, die von Woche zu Woche weitererzählt wird. Es ist spannend, aber wie es weitergeht, erfährt man erst in der nächsten Woche – wie bei den Fortsetzungsgeschichten der Feuilletons im 19. Jahrhundert. Und wenn man eine Mannschaft erstmal ein wenig kennt, einige Spieler vielleicht trifft und man weiß, wer sie sind, woher sie kommen - dann wird das zu einer richtigen Chronik, die die ganze Saison… rhythmisiert – und das ist sehr angenehm, lustig…"
Das alte "Stade de Gerland" ist in Lyon längst zur Legende geworden. Obwohl es vor 20 Jahren von Grund auf renoviert wurde, hat man zur Fußball-Europameisterschaft trotzdem ein neues gebaut: das Stade de Lumières: das drittgrößte Fußballstadion Frankreichs.