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StartseiteSport am WochenendeSportstädte: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit15.03.2014

SportentwicklungSportstädte: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

In vielen Städten setzten Politiker, Verbände und die Wirtschaft auf das Image einer "Sportstadt", mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Die einen nutzen den Faktor Sport geschickt für die Wirtschaft, die anderen verlieren sich in riesigen Projekten. Aber was macht eine "Sportstadt" wirklich aus?

Von Hendrik Maaßen

Köln und sein FC. Die Kölner Haie, 800 Sportvereine und die Deutsche Sporthochschule. Hamburg und sein HSV, St. Pauli und die Trabrennbahn. Ebenso viele Sportvereine, die Cyclassics und einer der größten Triathlonveranstaltungen der Welt.

Köln und Hamburg sind Sportstädte und schreiben es sich gern groß auf die Fahnen. Fast zeitgleich hat man sich 2011 in beiden Städten zusammengesetzt und Pläne geschmiedet: Wie können wir unsere Bürger zu mehr Aktivität animieren? Breiten- und Leistungssport fördern? Mehr Großveranstaltungen anlocken und die Wirtschaft mit ins Boot holen?

Und doch sind die Sportagenden sehr unterschiedlich erfolgreich. Hamburg hat sich einen 10-Jahresplan auferlegt, die Dekadenstrategie. Sie umfasst unter anderem die Sanierung von Sportstätten, eine bessere Talentförderung, neue Großveranstaltungen und eine Verbesserung des Schulsportangebots. Treibend war vor allem die traditionell gut vernetzte Wirtschaft. Ein großer Vorteil und ganz anders, als in Köln, wie Volker Staufert meint:

"Da ist es initiiert worden durch die Wirtschaft, hier gestaltet auch die Wirtschaft, gemeinsamt mit Politik und Sport zusammen. Insofern ist da so etwas wie ein Top-Down-Ansatz von dem alle überzeugt sind und den alle mittragen. Bei uns ist das ein Button-Up-Ansatz. Wir müssen in Kleinarbeit und im zähen Ringen das, was wir wollen erst kundtun und dann überzeugend wirken, bevor wir umsetzen können und das ist die große Problematik für mich“,                  

sagt Volker Staufert, Vorsitzender des Vereins „Sportstadt Köln“ e.V.

Bereits 2007 verabschiedet die Stadt Köln eine Sportagenda und hinkt dennoch hinter der Hansestadt her. Denn der politische Wille fehlte. 2011 wird dann der Verein „Sportstadt Köln“ gegründet der endlich Fortschritt bringen soll. Im Vorstand sind Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Sportverbänden. Doch anders als geplant bekommt der Verein kein Geld. Die Stadt ist klamm. Der Vorsitzende, Volker Staufert versucht es aus der Not heraus ehrenamtlich.

“Es ist sicherlich so, dass man vieles im Ehrenamtlichen Bereich leisten kann, nur wer die Agenda 2015 liest, das sind 250 Seiten und ein Anhang von 250 Seiten, der sich mit Projekten beschäftigt, die in der Stadt entstanden sind, entstehen und entstehen werden, oder auch weiterentwickelt werden müssen. Dann wird glaube ich klar, dass man es nicht mit ein paar Stunden Ehrenamt in der Woche regeln kann.“  

Anfang des Jahres beschließt der Rat der Stadt Köln dem Verein eine halbe Stelle zu finanzieren. Nach drei Jahren. In Hamburg schwebt man längst in ganz anderen Sphären: Selbstbewusst appelliert der Präsident der Industrie und Handelskammer an Bürgermeister Olaf Scholz „Packen Sie es an!“ – man solle sich für Olympische Spiele bewerben.

In Köln entbrennt ein Streit um die 35 000 Euro, die die halbe Stelle im Verein Sportstadt kostet. Die Kölner Sportdezernentin Agnes Klein beschreibt die Stelle gegenüber dem Deutschlandfunk als „längst überfällig“, die Opposition sieht darin eine lebensverlängernde Maßnahme für einen Verein, der schon tot sei. Peter Pfeifer, Vorsitzender der Kölner Sportjugend:

"Die 35.000 Euro waren für Kinder und Jugendliche vorgesehen und die hätten wir auch gern bei den Kindern belassen. Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich nicht dem Verein Sportstadt Köln diese halbe Stelle könne. Im Gegenteil, damit das vernünftig ans Rollen kommt muss da auch ein Hauptamt rein. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. 35 000 Euro die für Kinder in Köln da waren sind weg, das ist es!“

Pfeifer rechnet vor, dass in Köln für Kinder und Jugendliche weit weniger ausgegeben wird, als in anderen Städten.

"Ich nehm als Beispiel gern die Jugendbeihilfe. Da hört sich der Gesamtbetrag ganz gut an, 678.000 Euro. Wenn man das aber runter bricht pro Kind, sind das etwas acht Euro. Und wenn der FC nicht seinerseits verzichten würde auf die Jugendbeihilfe, sind es 11,50 Euro im Jahr. Nicht im Monat, nicht in der Woche, im Jahr! Das heißt runtergebrochen auf die Übungsstunde, bei der sich qualifizierte Trainer mit den Kindern und Jugendlichen beschäftigen, sind das drei bis vier Cent! Das ist mehr als beschämend.“

Dabei wollte Köln einmal Kinder und Jugendsportstadt sein. Auch für Sportdezernentin Klein ist der Betrag zu wenig, sie will sich beim nächsten Haushalt “intensiv für eine Erhöhung“ der Jugendbeihilfe einsetzten. Für Köln besonders wichtig, da die Stadt in den kommenden Jahren, entgegen dem Trend, Zuwachs an Kindern und Jugendlichen bekommt. Zudem hofft Dezernentin Klein auch, dass mit der Unterstützung des Vereins „Sportstadt Köln“ mehr Unternehmen zu Engagement bewegt werden können. Die Kölner Wirtschaft hätte noch nicht ganz erkannt, wie viel Geld der Sport in die Stadt ziehe, meint Klein.

Während man in Köln also noch hofft, dass einer neuen Generation eine bessere Sportinfrastruktur geboten werden kann, geht es der Hamburger Politik mit der Euphorie der Wirtschaft fast zu schnell. Das finanzielle Risiko von Olympischen Spielen könnte man ja auch mit Berlin zusammen tragen und die Spiele gemeinsam ausrichten.

Fakt ist, als Stadtstaat und Bundesland bekommt der Hamburger Sportbund mehr Geld als der Stadtsportbund Köln. Fakt ist aber auch, dass an der Elbe Sportentwicklung strukturierter vorangetrieben wird. Der Senat steht hinter der Dekadenstrategie. Dadurch hätten die Verbände einen viel besseren Verhandlungsspielraum um Gelder bei der Behörde, berichtet Angelika Seifert von der Hamburger Sportjugend. Ob in einer Stadt auf der Sportstadt steht auch wirklich eine drin ist, entscheidet sich für die Bürger also darin, wie stark die Sportlobby ist und wie viel Gehör und Geld  sie sich bei ihrer Regierung verschaffen kann.

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